Morgen Augsburg?

von amfenster

Der Fall „Theatersanierung in Augsburg“ dürfte zumindest in seinen Grundzügen soweit bekannt sein, dass ich ihn hier nicht exponieren muss. Trotzdem ganz kurz zusammengefasst: jahrzehntelange Vernachlässigung / Ruine / Sanierung teuer / Schulden unvermeidlich / Wutbürgerbegehren.

Hinter dem Bürgerbegehren steht die in diesem Zusammenhang erstmals in Erscheinung getretene „Initiative kulturelle Stadtentwicklung Augsburg“, repräsentiert von altbekannten und verdienten Augsburger Kulturmachern wie Kurt Idrizovic, Peter Bommas und Franz Fischer. Diese mühen sich mit eher mittelmäßigem Erfolg, das Bürgerbegehren als seriöse Alternative zu den städtischen Planungen und als außerparlamentarische Oppositionsarbeit zu einer Alternativlos-Politik der Dreierkoalition im Stadtrat zu verkaufen.

Ich halte ihr Auftreten oft für unglücklich und ihre Argumente für schwach bis falsch – aber das ist demokratischer Meinungsstreit. Man kann auch durchaus über die Partikularmotivationen der einzelnen Protagonisten (Buchhändler, freier Kulturmanager, Kinobetreiber…) spekulieren, aber eine grundsätzliche Integrität mag ich ihnen gar nicht absprechen.

Umso unverständlicher ist es, was auf der Facebook-Seite des Bürgerbegehrens abgeht. Ich weiß nicht, wer diesen Auftritt verantwortet – die bekannten Sprecher der Initiative können es eigentlich nicht sein. Die sind (zumindest was Idrizovic und Bommas angeht) eloquent und bemühen sich wenigstens so zu tun, als hätten sie Argumente.

Nicht so bei Facebook. Dort herrscht ein dümmlich-trotziger Tonfall vor, der sich jeglicher inhaltlichen Auseinandersetzung verweigert, der Sachargumenten noch nicht mal widerspricht, sondern sie allenfalls maulig kommentiert oder gleich ganz ignoriert, und dem kein Detail zu blöde ist, um daran einen Mini-Skandal hochzuziehen.

Hier mal nur ein paar kleine, lückenhafte Einblicke:

• die seit 2014 an der Fassade des Großen Hauses hängende Leuchtschrift, auf der derzeit auch der „TheJater“-Schriftzug (quasi das offizielle Pro-Sanierungs-Logo des Theaters) eingeblendet wird, wird als „Werbepower gegen uns“ beklagt, verbunden mit der Frage, warum nicht „die gleich [!] Energie zum Verschönern ihrer Werkstätten“ verwendet würde; die von mehreren Kommentatoren (u.a. von mir) vorgebrachte Information, dass die Leuchtschrift vom Verein „Theaterfreunde Augsburg“ finanziert wurde, hatte dann die Forderung zur Folge, dass diese doch selbst „einen Pinsel in einen Eimer Farbe stecken und die Wände […] streichen“ sollen; aktueller Tiefpunkt dieser Auseinandersetzung sind die Kommentare: „Faule haben immer eine Ausrede“ und „Ha ha“. All dies – man muss es nochmal betonen – auf der offiziellen Facebook-Seite des Bürgerbegehrens „Neues Theater Augsburg“, unter dem Logo der „Initiative kulturelle Stadtentwicklung Augsburg“, die mit dem Instrument Bürgerbegehren politischen Einfluss geltend machen will.

• die SZ-Schlagzeile „Feuerwehr-Chef will Stadttheater am liebsten zusperren“ wird kommentiert mit „Warum macht er es nicht?“ – Überflüssig zu erwähnen, dass die Antwort auf diese Frage im Artikel stehen würde.

• dass die Kongresshalle nach 44 Jahren (!) eine neue Bestuhlung bekommt (was laut verlinktem AZ-Artikel „auch damit zu tun [hat], dass die Kongresshalle ab Herbst 2017 als Interimsspielstätte für das Theater Augsburg benötigt wird“), wird skandalisiert und allein dem Theater angelastet. Wozu auch zwischen Grund und Anlass unterscheiden?

• die Betreiber der Seite lassen „einen Freund“ den Vorschlag äußern, aus dem Theater „ein Museum“ zu machen und „woanders“ einen Neubau mit „Aufsehen erregender architektonischer Gestaltung“ zu errichten, stellen dies explizit „zur Diskussion“ – sehen sich dann aber nicht in der Lage, die alleroffensichtlichsten Fragen zu beantworten wie: Was denn für ein Museum? Unter welcher Trägerschaft? Inwiefern löst das das bauliche Sanierungsproblem? Wo sollte ein Theater-Neubau stehen? Und wie sehr wird sich der gemeine Augschburger über „Aufsehen erregende architektonische Gestaltung“ freuen, wenn ihm doch schon das denkmalgeschützte Stadttheater ein lästiger Klotz am Bein ist? (Der einzige und im Folgenden vollständig zitierte Diskussionsbeitrag der Seitenbetreiber lautete dann übrigens: „Ein Museum braucht nicht die Technik, z. B.“ Na dann.)

Äußerungen von Denkmalschützern werden als „sich einmischen“ bezeichnet – als sei es nicht deren Job, sich in genau so einer Situation einzubringen

• die Interimsspielstätte Kongresshalle wird in Frage gestellt, weil sie Geld kostet und in dieser Zeit nicht oder nur eingeschränkt für den Kongressbetrieb zur Verfügung steht – ganz so, als seien andere Lösungen nie geprüft worden und vor allem: als würde eine alternative Planung (gleich ob günstigere Sanierung oder Abriss des Großen Hauses) keine Interimslösung nötig machen, als seien diese Kosten also vermeidbar

• Helmut Gier, ehemaliger Leiter der staatlich subventionierten 2012 vom Freistaat Bayern geretteten Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, möchte sich erstmal ganz grundsätzlich über das deutsche Subventionstheater unterhalten. Da möchte man eigentlich nur „Guten Morgen“ wünschen.

• das Theater Gütersloh wird als leuchtendes Vorbild präsentiert – in der 96.000-Einwohner-Stadt war das Theater seit 1949 in einem Nachkriegsprovisorium untergebracht, der Neubau hat 530 Sitzplätze – dass der Fall also in so ziemlich keiner Hinsicht mit Augsburg vergleichbar ist, liegt auf der Hand

• es wird darauf hingewiesen, dass auch das alte Theater in der Jakobervorstadt im 19. Jh. abgerissen und durch das jetzige Theater ersetzt wurde. Subtext: Ging ja schon mal, machen wir’s doch genauso, früher hat man sich auch nicht so angestellt. Wie das mit dem offiziellen Bekenntnis der Initiatoren zum Theater und sogar zur Theatersanierung (die halt nur billiger sein müsste) zusammengeht – man weiß es nicht.

• die Denkmalwürdigkeit des Theaters wird in Frage gestellt, weil das Erscheinungsbild der Fassade auf einen persönlichen Planungswunsch Adolf Hitlers zurückgeht – denn nicht nur der „Spiegel“ weiß: Hitler geht immer.

• ich selbst wurde, da ich mir auf Facebook in einem Anfall digitaler Paranoia schon vor Jahren ein Pseudonym zugelegt habe, anstelle einer inhaltlichen Antwort gefragt, warum ich mich „nicht zu erkennen“ gäbe und was ich denn „zu befürchten“ hätte (Posting inzwischen offenbar gelöscht, meine Antwort gibt es noch). Dass mir dies anonym im Namen des Bürgerbegehrens vorgeworfen wurde, ist natürlich fast schon wieder komisch.

Das ist also das Niveau, auf dem sich das Bürgerbegehren „Neues Theater Augsburg“, auf dem sich die „Initiative kulturelle Stadtentwicklung Augsburg“ bei Facebook präsentiert. Man könnte wohl noch ewig so weitermachen und versuchen, irgendwo einen konsistenten Standpunkt  zu orten. Das alles mit den öffentlichen Auftritten der Initiatoren des Bürgerbegehrens, mit ihrem grundsätzlichen „Ja zum Theater“ und mit den von ihnen vorgetragenen Argumentationsversuchen ein Einklang zu bringen, wäre dann noch eine Extra-Fleißarbeit.

Ich weiß wie gesagt nicht, wen sich die Herren Idrizovic und Bommas da als Social-Media-Beauftragen angelacht haben. Aber ich hoffe, sie wissen es wenigstens selbst.

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