Lindenstraße will eine Chance*

von amfenster

Sehr geehrte Damen und Herren,

zuerst ein persönlicher Disclaimer an den_die Empfänger_in in der Zuschauerredaktion: ich weiß, Sie können so gar nichts dafür, und ich bitte für alles Folgende um Entschuldigung. Mein Ärger gilt nicht Ihnen, sondern den Programmverantwortlichen. Der aber hat es in sich und beginnt… jetzt:

Bereits zweimal in Folge ist die Lindenstraße nun aus dem Hauptprogramm gekickt worden, wegen eines – natürlich völlig unvorhersehbaren, unplanbaren – Ereignisses wie der Handball-WEM.
Standardantworten wie „deutsche Mannschaft im Halbfinale“ und „Handballfieber“ und „besondere Umstände“ ersparen Sie bitte mir und sich selbst.

Als Stammzuschauer der Serie ist man ja inzwischen Kummer gewöhnt: Ausstrahlungen werden verschoben, mehrere Folgen im Jahr entfallen ganz, und irgendwann fehlt einem dann doch die Energie, sich noch so richtig darüber aufzuregen. (Gleichwohl bleibt der Sender nach wie vor eine Erklärung schuldig, warum sich kein Ausweichtermin im Nachmittags- oder Abendprogramm finden soll, wie das in früheren Jahren auch dann noch möglich war, wenn Bundestagswahl, WM-Finale, Papstwahl und Flutkatastrophe auf einen Sonntag fielen.) Fast könnte einem scheinen, die ARD setze auf genau diesen Zermürbungseffekt. Aber diesmal ist das Maß wirklich übervoll.

Die Verantwortlichen bei der GFF mühen sich – in Ihrem Auftrag! – redlich, um interessanten, spannenden, unterhaltsamen Inhalt für Ihr Programm herzustellen, und gerade in letzter Zeit gelingt ihnen das in einem Maß, das selbst langjährige Serienfans wie ich kaum noch für möglich gehalten hätten. Der Dank dafür ist, dass der Sender die Sendung ins Einsfestival- und Mediatheken-Nirwana abschiebt und die Kunde davon gleich ganz den digitalen Buschtrommeln überlässt.
Auf noch impertinentere Weise kann man seinem Dienstleister – und der Zielgruppe, nämlich uns Zuschauern – wohl nicht ins Knie schießen.
Darüber hinaus macht mich die offenbar grenzenlose Wurschtigkeit des Senders gegenüber dem von ihm selbst in Auftrag gegebenen und von ihm (also den Zuschauern) bezahlten Programm doch einigermaßen fassungslos.

Vielleicht sollten Sie auch einfach noch einmal genau darüber nachdenken, was die Attraktivität einer (Langzeit-)Serie ausmacht: die Zuschauer wollen Geschichten, Handlungsbögen – und die Gewissheit, dass sie das an einem festen Sendeplatz bekommen. Dann schalten sie ein, und die ARD hat Quote. Einfach,  oder?
Das kann aber nicht funktionieren, wenn diese Verlässlichkeit immer und immer wieder torpediert wird. (Und ich rede hier ausdrücklich nicht von gelegentlichen Ausnahmen, die gibt es immer wieder mal und das ist ja auch nicht schlimm.)

In der diese Woche ausgefallenen Folge 1566 wurde ein großer Handlungsstrang aufgelöst, der mit dem Tod der Figur „Erich Schiller“ in der Jubiläumsfolge 1559 begann und durchaus das Potenzial gehabt hätte, verlorene und neue Zuschauer (wieder) zu gewinnen. Diese Chance haben Sie durch Ihre mehr als täppischen Programmentscheidungen verspielt und verpuffen lassen.
Und ist es eigentlich nicht unendlich traurig, dass ich als dahergelaufener Zuschauer Ihnen erklären muss, was in dem von Ihnen verantworteten Programm eigentlich passiert? Sie wissen es ja anscheinend nicht – oder wenn, dann ist es Ihnen offenbar völlig egal.

Nun ist das Kind für dieses Mal mal in den Brunnen gefallen, und man kann nur noch versuchen, es halbwegs unbeschadet wieder herauszuziehen. Deshalb: strahlen Sie bitte die Folge 1566 am 07.02.2016 vor Folge 1567 im Ersten aus (oder besser noch in einem Triple mit Folge 1565, das können Sie dann sogar als ganz besonderes Serien-Event in Spielfilmlänge verkaufen!).
Und in Zukunft wäre es angezeigt, verschobene Sendeplätze, ausgefallene Folgen usw. klar und offen zu kommunizieren. Werben Sie ehrlich um unser Verständnis, dann bekommen Sie es auch.

Und eins noch: wenn irgendwann einmal beschlossen werden sollte, dass die Lindenstraße nicht verlängert wird, dann kommen Sie bloß nicht mit dem Argument, die Serie stieße auf zu wenig Zuschauerinteresse. Die Zuschauer sind da – Sie hätten dann nur versäumt, ihnen das Programm zu liefern.

Statt freundlicher Grüße zum Abschied stellen Sie sich an dieser Stelle bitte die Abspannmelodie der Lindenstraße vor.
Wir sind eins.

T.G.

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* Mein erster Offener Brief!

 

Update 31.01. Danke an alle, die diesen Beitrag geteilt haben. It’s very much appreciated!
Natürlich kann, darf und sollte jede_r selbst Lärm bei der ARD machen. Hier geht’s zur Zuschauerredaktion.

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