Das Jubiläum

von amfenster

Es ist soweit: die Lindenstraße wird 30! Nun gab es, um ganz ehrlich zu sein, schon mal entschiedenere Festtagslaune. Aber was soll’s – dieses Jubiläum ist naturgemäß größer als alle vorhergehenden und muss dementsprechend gewürdigt werden.

Ich möchte mit einem Wunschzettel gratulieren. Dreißig Wünsche zum Dreißigsten – höchst subjektiv, oft unrealistisch, manchmal albern, aber dafür von ganzem Herzen. Einmal Musik bitte… und los geht’s!

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Mehr Multikulti

Bei aller Linksutopie, die der Lindenstraße seit jeher gebetsmühlenartig als schlimmster vorstellbarer Makel  angekreidet wird, betrachtete sie die Welt doch immer ziemlich konsequent durch die biodeutsche Brille. Noch weit in den 1990ern etwa ließen die Autoren die Familie Zenker mit Strohhüten und riesigen Korbflaschen aus dem Italien-Urlaub zurückkehren, als hätte es gegolten einen 50er-Jahre-Schlager zu verfilmen. Der Südafrikaner David Motibe durfte zu „exotischer“ Buschtrommel-Untermalung durchs Treppenhaus laufen, und drei schwarze Komparsen im Akropolis ließ man (höhö!) „drei Helle“ bestellen.
Im Lauf der Jahre ist das alles etwas besser geworden, aber solange zum Beispiel Gung wie eh und je die Karikatur eines „Asiaten“ darstellen darf, bleibt wohl immer noch ein weiter Weg zu gehen. Ich wünsche mir vielfältigere Perspektiven und mehr multikulturelle Biographien.
Mit der Afrodeutschen Iris Brooks, deren Hautfarbe noch nicht ein einziges Mal thematisiert wurde, ist ein Anfang gemacht. Mehr davon! Mehr multikulturelle Identitäten! Mehr bunt!

2
Ein Gehirn für Enzo Buchstab

Für den Anfang täte es auch ein kleines gebrauchtes.

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Eine neue Liebe für Tanja Schildknecht

Oder überhaupt mal wieder mehr Tanja Schildknecht.

4
Mut zur Hässlichkeit

Mach nicht alles so bunt„, soll Hans W. Geißendörfer seine Tochter Hana ermahnt haben, als er ihr die kreative Leitung der Lindenstraße übertrug. Der auf ein Jahr angelegte große Kulissenrelaunch, der pünktlich zum 30. abgeschlossen sein wird, geht wohl vor allem auf ihr Konto. In der Tat: die Lindenstraße sieht heute so gut aus wie nie zuvor.
Nun war eine schonungslose Uneleganz gerade in der Ausstattung immer eine heimliche Stärke der Serie. Der angeschrägte Glasschrank bei Schildknechts, die Wohnwand bei Beimers, das Plexiglas mit Goldrand bei Isolde Pavarotti, die Textiltapete bei Berta Griese – lange bevor Werbefuzzis das Durchschnitts-Wohnzimmer als créatives Fuzzi-Werkzeug entdeckten, war jede Wohnungsdeko in einer Art Mikro-Milieustudie liebevoll auf den jeweiligen Bewohner zugeschnitten. Heute dagegen hängt in praktisch jedem Raum ein 3m² großes Bild an der Wand (alternativ: streng geometrisch angeordnete Einzelbilder), und es sieht alles recht nach Möbelkatalog und „1000 tolle Wohnideen“ aus. Bei Mutter Beimer natürlich auf nicht ganz so stylishe Weise wie bei Angelina Dressler, aber die fein gezeichneten Unterschiede sind perdü. Das ist schade. Und: auch Möbelkataloge altern. Was es bedeutet, wenn die ganze Straße aussieht wie ein Einrichtungs-Blog von genau 2015, werden wir vielleicht schon beim 35jährigen Geburtstag wissen.

 

5
Die Rückkehr der Bianca Guther

Das wär doch mal was, nach 28 Jahren. Aber bitte solide eingefädelt und auf Dauer. Ein halbherziges „ihr-kriegt-mich-aber-nur-für-fünf-Drehtage“-Konstrukt wie das Comeback von Robert Engel letztes Jahr hat keinen Sinn.

6
Kamera stillhalten

Mag sein, ich bin konservativ. Aber ich halte eine permanent herumschwankende Wackelkamera – mag sie den Kreativen dahinter auch noch so „atmende“ und „filmische“ Bilder liefern – nun mal für modernistischen Kokolores. Man muss ja nicht zu der behäbigen Statik der frühen Jahre zurückkehren, in der dynamischere Bilder schon aus technischen Gründen schwer realisierbar waren. Aber das Stativ als solches war doch gar keine so doofe Erfindung.
Davon abgesehen gefällt mir die derzeitige Machart übrigens ziemlich gut.

7
Ein möglichst grausames Ende für Nico Zenker

Aber bitte bald und so, dass er dann auch ganz, ganz bestimmt mausetot ist und nie, nie, nie mehr wiederkommen kann.

8
Eine Musical-Folge

Wir haben in 30 Jahren ja schon so manche Absonderlichkeit überstanden – sei es der fünfminütige Gaga-Dialog des Ehepaars Kling während Benny Beimers Strom-Boykott, die wahnsinnig witzische Idee einer Alien-Invasion in der Lindenstraße zu Fasching 1999 oder gar „Ollilympia„. Von den Sangesambitionen der Lindensträßler mal ganz zu schweigen (Die „Mini Pigs„! La Pavarotti!). Jetzt wollen wir dafür aber einmal sinnlose und durch keinerlei dramaturgische Gegebenheiten gerechtfertigte Gesangsausbrüche – eine ganze Folge lang! Die unverhältnismäßig aufwendig und shmoov produzierten Songs gibt’s danach natürlich zum kostenlosen Download, eh klar.

 

9
Handlungsbögen statt Episoden-Dramaturgie, Geschichten statt Effekte

Darin war die Lindenstraße mal Meisterklasse. Nun, Borger & Straub werden nicht mehr zurückkehren – aber irgendwo da draußen muss es ihre Own True Heirs, ihre wahren und rechtmäßigen Erben geben. Findet sie, zimmert ihnen mit Sammet ausgeschlagene Sänften und zahlt ihnen ein fürstliches Gehalt auf Lebenszeit. Das jetzige Autorenteam darf als Exekutive natürlich bleiben.

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Eine schicke Merchandise-Kollektion

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Mehr Wertschätzung durch den Sender

Weniger Folgen im Jahr, praktisch keine Werbung mehr – es ist kein Geheimnis, dass die Lindenstraße vom Sender zunehmend wie ein Stiefkind behandelt wird. Das ohnehin etwas lieblos zusammengewürfelte Sonderprogramm zum – immerhin – 30jährigen wurde gar komplett auf den Digitalsender Einsfestival abgewälzt. Mehr Katzentisch geht nicht.
Liebe ARD, so kann das nicht weitergehen. Bitte etwas mehr Respekt vor einem alten Schlachtross!

12
Eine jüdische Familie

Jüdisches Leben fand in 30 Jahren Lindenstraße statt in Form einer KZ-Tätowierung von Enrico Pavarotti, die nur Anstoß war für die Holocaust-Bewältigung der Valerie Zenker (in deren Rahmen sie dann auch mal eine Synagoge besuchen und dort mit einem alten Herrn ins Gespräch kommen durfte) und einer Amerikanerin, die in der Kastanienstraße noch einmal ihr Elternhaus sehen wollte (vor dem dann Helga Beimer einen Stolperstein verlegen ließ). Das ist eine dürftige Bilanz.
Man muss nicht „Alles auf Zucker“ in der Lindenstraße nachstellen. Sollte man auch nicht. Aber eine Familie, die jüdischen Alltag ins Spiel bringt, ohne dass man daraus zwingend ein allzu großes Ding machen müsste – die wäre nach 30 Jahren mal mehr als überfällig.

13
Finger weg vom Witzisch-Sein

Das ging noch meistens in die Hose. Und, gerade neulich erst gelesen: „Witzig sein kommt gut, Witzigtun nicht“ (Frank-Markus Barwasser).

14
Kreativere Filmmusik

Ok, die orchestrale Easy-Listening-Soße des langjährigen Komponisten Jürgen Knieper braucht nun wirklich kein Mensch mehr, und der Ansatz, jeder Figur ein eigenes Thema zu geben, mit dem dann ohne dramaturgische Rücksichtnahmen ganze Szenen zugekleistert werden, ist wohl einfach nicht mehr state of the art – wofür man durchaus dankbar sein kann. Trotzdem wäre es schön, wenn das neue Komponistenteam hier und da mal wieder ein altes Knieper-Thema aufgreifen, damit spielen, irgendetwas damit anstellen würde… statt routiniert gesichtslose Einwegmucke zusammenzukloppen.

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Schnell wieder weg mit dem neuen Logo

Pünktlich zum Jubiläum wurde peu à peu ein neuer, serifenloser Lindenstraße-Schriftzug lanciert – der einen fatalen Konstruktionsfehler hat: es dürfte in ganz München kein einziges Straßenschild geben, das so aussieht, DIN-Schrift hin oder her. Das alte Logo mag inzwischen ein wenig tantig daherkommen – aber sein Charme liegt ganz eindeutig darin, dass es ein nahezu authentisches Münchner Straßenschild ist. Ja: ist.

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Für die Alteingesessenen: Geschichten statt Bestandsschutz

Es ist kaum zu übersehen, dass die Stars der ersten Jahre wohl mehr aus Pflichtgefühl und Serien-Heimeligkeit mitgeschleift werden denn aus echter dramaturgischer Notwendigkeit. Sicher, sie kriegen alle noch ihre an immer schütterer werdenden Haaren herbeigezogenen Episödchen oder dürfen als Stichwortgeber für das Jungvolk agieren, aber machen wir uns nichts vor: die Musik spielt längst woanders. Helga, Gabi, Andy, Carsten, Hajo, Vasily… sie haben im Grunde alles erlebt und stehen oft nur noch unbeholfen in der Deko rum. (Halbwegs rühmliche Ausnahme in der letzten Zeit: das Emil-Drama um Hans und Anna sowie Hans‘ Parkinson-Erkrankung; ganz schlimm dagegen seit Jahren: die Zenkers, also Andrea Spatzek und Jo Bolling, die ja eigentlich zur Genüge bewiesen haben, dass sie es besser können). „Auserzählt“ nennt man das wohl. Das ist schade und sollte sich ändern. Wie wäre es zum Beispiel, wenn Gabi in religiösen Wahn verfällt und Carsten eine Tantra-Praxis eröffnet? (Oder umgekehrt?) Lasst euch was einfallen!

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Wieder mehr untertitelte Fremdsprach-Dialoge

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Ein würdiger Off-Tod für Eva Sperling

Es war der Wunsch der im  Jahr 2000 verstorbenen Schauspielerin Inga Abel, dass ihre Rolle nach ihrem Tod weiterleben soll. Dem Wunsch haben die Autoren entsprochen und Dr. Sperling nach Afrika geschickt. Das ist nun über 15 Jahre her und die Sperling-Brothers Momo und Flip scheinen sich nicht einmal mehr daran zu erinnern, dass sie mal eine Mutter hatten. Vielleicht wäre es an der Zeit, die Figur denselben Weg antreten zu lassen wie ihre Darstellerin.

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Genau richtige Raben

Ein zünftiger Running Gag verträgt es, auch mal auf den Kopf gestellt zu werden. Deshalb: einmal, nur ein einziges Mal soll Helga Beimer ihre Plätzchen sekundengenau zum richtigen Zeitpunkt aus dem Backofen holen! Gerne pompös und voll auf die Zwölf in Szene gesetzt. Und danach darf es dann wieder Schwarze Raben geben bis in alle Ewigkeit.

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Eine Lindenstraße-Hall-of-Fame

Jedes Jahr wird ein*e Schauspieler*in darin aufgenommen. Ich hätte da schon so meine Nominierungen für die ersten Jahrgänge. Manche werden es natürlich nie reinschaffen, auch klar.

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Eine wirksame Diät für Klaus Beimer

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Kein weiteres Aufwärmen der Sonia-Besirsky-Geschichte

Eintopf schmeckt gut, wenn man ihn öfter aufwärmt. Der Plan, die vor Jahrzehnten ins Jenseits gespritzte Sonia Besirsky zu rächen, ist kein Eintopf.

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Wunsch-Joker

Für alle Fälle.

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Ewiges Leben für Doktor Dressler

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Nostalgie – aber richtig

In letzter Zeit greifen die Macher vermehrt zum Stilmittel der Rückblende: hallig-verwaschene SD-Schnipsel aus Uralt-Folgen signalisieren, dass sich eine Figur in der HD-Gegenwart gerade an frühere Zeiten erinnert. Damit spart man einerseits die eine oder andere Neudreh-Minute, andererseits freuen sich die Langzeit-Fans immer über jedes noch so kleine Nostalgie-Zuckerl. Das würde freilich noch besser schmecken, wenn sich die gelegentliche Rückbesinnung auf 30 lange Jahre auch in den Geschichten, in den Dialogen, im Handeln der Figuren niederschlagen würde: Helga kommt gerade von Bennys Grab nach Hause, Andy zieht eine Postkarte von Valerie aus dem Briefkasten; eine beiläufige Erwähnung, ein kurzer Nebensatz – man könnte da mit wenig viel bewirken.

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Keine sparbedingten „Sommer-/Oster-/Weihnachts-Pausen“

Lindenstraße muss es wieder jede Woche geben, ohne Ausnahmen und -reden. Im Muttersender. Basta.

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Verzicht auf Fußball-Geschichten

Sicher, Welt- und Europameisterschaften müssen wohl oder übel vorkommen in einer Serie, die sich Realitätsnähe und Echtzeit auf die Fahnen geschrieben hat. Irgendwann in den 90ern hat es sich aber eingebürgert, diese Ereignisse mit ganzen Handlungssträngen zu würdigen, gerne aus der Abteilung „heiter-burleskes Episödchen“. Meine Bitte, sowas in Zukunft bleiben zu lassen, muss ich ja wohl nicht mehr weiter begründen.

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Lebenslange Comeback-Sperre für Olli Klatt

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Raffinierteres Flechtwerk

Früher™ war das so toll: Irgendeine Figur verließ ihre Wohnung und rannte kurz darauf in einem anderen Handlungsstrang als Statist durchs Treppenhaus oder über die Straße. Ein vom Prinzip her einfacher, dabei vermutlich irrsinnig aufwendig zu disponierender, unterm Strich aber ausgesprochen effizienter Trick, um einen kompakten Kosmos herzustellen. Diese kleine, beiläufige Inszenierungs-Raffinesse ist natürlich längst dem Spardiktat zum Opfer gefallen. Ich hätte sie trotzdem gerne wieder.

30
Mindestens dreißig weitere Jahre für die Lindenstraße und alle, die sie machen, gucken und lieben

 

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