Hagia Soapia

von amfenster

Ach, hat das Elend denn die ein End‘!

Aldi hat eine Seife aus dem Sortiment genommen, auf deren Packung eine Moschee abgebildet war, woran offenbar einzelne Personen (die Angaben variieren von „einem“ bis „einige“) Anstoß genommen haben.

Das ist wieder mal einer dieser Fälle, bei denen es im ersten Moment so naheliegt zu denken: „Alle bekloppt!“, dass das gar nicht die ganze Geschichte sein kann. Was 99 % des Publikums freilich nicht davon abhält, das Denken an diesem Punkt einzustellen, nicht ohne nochmal schnell „Zigeunerschnitzel!“ in die Runde zu rülpsen, weil: Wird schon wieder irgendson linksgrüner PC-Scheiß sein.

Ich bin mir selbst nicht so ganz sicher, was ich von dem Konzept „Respekt vor religiösen Gefühlen“ halten soll – schließlich gibt es genug Religionen, die nicht den geringsten Respekt für meine ureigensten Herzensregungen aufbringen. Außerdem weiß man nicht so genau, was da nun eigentlich vorgefallen ist und wer da aus welchen Gründen mit welcher Verve welchen Standpunkt vertreten hat. Sicher ließe sich das alles recherchieren, aber darum geht es mir im Grunde gar nicht. Mir ist nur diese allzu wohlfeile Empörung zuwider, mit der nun vom biederen Bürger bis zum hysterischen „Hurra, wir kapitulieren“-Apostel alle reflexhaft die Backen aufblasen.

Im ungünstigsten (und leider anzunehmenden) Fall hatte da einfach jemand Schiss, Aldi könnte der nächste Charlie Hebdo werden – was natürlich Unfug ist. Vielleicht saß da aber auch ein kluger Mensch, der erkannt hat, dass gewisse Stereotype von irgendwelchen ungefähren „fernen Ländern“ in der globalisierten Welt des Jahres 2015 nicht mehr so ganz state of the art sind.

Man könnte nämlich auch mal in Betracht ziehen, ob es nicht vielleicht ein völlig überholter Exotismus ist, eine Moschee als sinnentleerte Illustration für „irgendwie so’n bisschen orientalisch“ zu verwenden. Oder wollen wir es „eurozentristischen Blödsinn“ nennen? Ich kann zumindest nachvollziehen, dass Leute, in deren Leben so eine Moschee einen tatsächlichen Stellenwert hat, darüber Unbehagen empfinden.

Niemand käme ernsthaft auf die Idee, eine Seife mit der Abbildung eines christlichen Gotteshauses zu bewerben. An dieser Stelle wird dann auf die Seifenschachtel von 4711 verwiesen, auf der neben dem Kölner Dom sogar noch Groß St. Martin zu sehen ist. Ein nicht völlig, aber eben doch etwas anders gelagerter Fall, dient hier doch die Abbildung dazu, Herkunft und Name des Produkts mit einem bekannten Wahrzeichen zu illustrieren – und eben nicht dazu, irgendwelche romantisierenden 1001-Nacht-Klischees abzurufen.

Da sind nun ein paar Leute, die nicht (mehr) bereit sind, ihr Heiligstes in einem solch banalen Zusammenhang zweckentfremdet zu sehen. Man mag das für albern und übersensibel halten, es bleibt dennoch ihr gutes Recht, diesen Standpunkt zu äußern. Das ist dann die freiheitlich-demokratische Grundordnung, deren Verständnis „den Muslimen“ ja in diesen Tagen so gerne abgesprochen wird. Ebenso ist es Aldis gutes Recht, auf eine einzelne Beschwerde zu reagieren oder auch Hunderttausende davon zu ignorieren. An dieser Stelle drängt sich die Frage auf, ob auch über ein „Einknicken“ geschnappatmet würde, wenn Aldi auf persönlichen Wunsch von Oma Kaschubiak aus Giengen an der Brenz fürderhin eine Kuh mehr auf den Milchkarton drucken lassen würde.

Letztlich scheint es wieder eines dieser ermüdenden Globalisierungs-Gefechte zu sein, mit denen all jene überfordert sind, deren kleine bequeme Welt das hier mal war. Aber ach!, Schwarze wollen nicht mehr, dass Weiße sich zum Spaß schwarz anmalen, Roma verwahren sich aus unerfindlichen Gründen gegen das durch die Bank positiv konnotierte Gypsy-Image – und nun auch noch Muslime, denen eine Moschee etwas bedeutet! Wo soll das alles hinführen?

Ja, das ist alles schrecklich unübersichtlich und verwirrend, und der Kopf ist schnell geschüttelt. Vielleicht ist aber genau das diese Integration, von der doch alle sprechen.

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