Wihamasdenn

von amfenster

Am Ende dieses Beitrags werden Sie sich vielleicht fragen: Warum kommt der denn ausgerechnet jetzt damit daher? Ja, das Folgende besitzt keinerlei tagesaktuelle Relevanz, es ist nur Ergebnis einer aktuellen Freizeitbeschäftigung meinerseits.

Ich bin nämlich gerade dabei, das Werk von Fredl Fesl neu zu entdecken und zu bewerten (Kurzfassung: großartig, zeitlos, Klassiker) und habe mir im Zuge dessen mal wieder ein paar seiner alten Platten zu Gemüte geführt, logischerweise. Dabei stieß ich auf seiner ersten LP auch wieder auf die „Sowosama-N*ger“. Und meine Freude über Fesls virtuos-anarchische Schrulligkeit bekam ein kleines Loch.

DSCN7339_2Der Gag ist als reines Wortspiel („So, wo samma?“) heute so gelungen wie damals. Und im Gesamtkontext von Fredl Fesls Werk, das ja zu weiten Teilen von geradezu naiven Weltbetrachtungen und Sprachspielereien lebt, auch irgendwie ganz unschuldig. Aber die Welt, in der Fesl sich da bewegt und ohne böse Absicht über dieses fiktive „Steppenvolk“ fabuliert, ist es eben nicht. Sondern eine, die sich Mitte der 1970er Jahre mit ihrer kolonialistischen Vergangenheit offenbar immer noch ganz wohl zu fühlen scheint. Das wird natürlich nicht besser, wenn Fesl den Protagonisten des darauffolgenden Liedes gänzlich unbekümmert über die „Kaffern von Agrabekim“ dahinträllern lässt.

Das alles stößt bitter auf, ist aber vielleicht noch irgendwie mit einem damals noch durch keinerlei Reflexion getrübten Selbstverständlichkeitsrassismus zu erkären (nicht: zu entschuldigen). Da muss man dann vielleicht einfach sagen: Fredl Fesl, großartiger Künstler, origineller Denker, Sprach- und Gitarrenartist, der ein Werk von zeitloser Qualität geschaffen hat – in dem es aber ein paar Stellen gibt, an denen er eben doch einfach nur ein Kind seiner Zeit war, und zwar im ungünstigen Sinne. (Siehe auch diese Nummer aus dem Jahr 2000 (!)). Mit dieser kritischen Einordnung kann man das auch stehen lassen und sich dann weiterhin am „Königsjodler“ und dem Pferd mit vier Beinern (an jeder Seite einer!) erfreuen. Und sogar an den „Sowosamas“.

Zeitsprung: 2010 bekam Fredl Fesl den Großen Karl-Valentin-Preis. Gerhard Polt und die Biermösl Blosn waren Laudatoren und saßen nachher noch gemeinsam mit Fesl für ein kurzes Statement vor der Kamera. Polt zitierte dann (nebenbei bemerkt: falsch) die „Wosama(!)-N*ger“, nicht ohne dabei die von den Biermösln feist belächelte Frage aufzuwerfen, ob man das denn „noch sagen“ dürfe. (Woraufhin dann zu allem Überfluss auch noch der „Wosama-Farbige“ ins Spiel gebracht wurde.)

Jaja, die Sprachpolizei wieder. Wir wollen doch nur „N*ger“ sagen wollen dürfen spielen, ist doch nicht schlimm. Aber haha, wenn’s den Gutmenschen dann besser geht, sagen wir halt „Farbiger“. Wenn’s schee macht, haha!

Ich bin ehrlich ein wenig erschrocken darüber, dass ein Mann wie Polt, der ja nun erwiesenermaßen über ein hinreichendes Maß an Intellekt, Wortgefühl und Sprachbewusstsein verfügt, sich hier ganz locker-flockig und ohne Not zum Sprachrohr der „Man darf ja nichts mehr sagen“-Fraktion macht, zwischen den Zeilen, aber unmissverständlich. Dass ausgerechnet er, der Gerhard Polt, der komplette Figuren zum Leben erweckt nur durch die Wahl seiner Worte – dass ausgerechnet der anscheinend noch nicht kapiert hat, dass es nicht darum geht, was man „sagen darf“, sondern darum, was man über sich sagt, wenn man sagt, was man sagt. Und: was man damit tut. Bei der Biermösl Blosn wundert mich das nicht (die konnte ich eh noch nie leiden in ihrer auf widerständig gebürsteten, aber letztlich doch nur hofnärrischen Muhackligkeit und diesem selbstzufriedenen Gestus, der sich für was Besseres hält als die Musikantenstadl-Tümelei, und damit aber eben auch wieder genau das ist: Tümelei.). Aber Polt!

Wie gesagt: Fredl Fesls „Sowosama“-Geschöpf ist – als Wortspiel – genial. Aber es hat einen hässlichen Fleck auf der Weste, einen Fleck aus rassistischer Tradition und Kolonialgeschichte, und der sitzt so tief im Gewebe, dagegen hilft kein Fleckenteufel. Früher hat man den Fleck vielleicht nicht gesehen oder sich nicht dran gestört. Heute sieht man ihn, und kann deswegen vielleicht nicht mehr ganz so unbekümmert über den Scherz lachen. Und ein unbestritten sprachgewaltiger Mann wie Polt hat nichts Besseres zu tun, als sich ganz nebenbei über denjenigen zu belustigen, der auf den Fleck zeigt (oder genauer: möglicher- und imaginierterweise zeigen könnte). Ich hoffe, er hat es einfach nur unbedacht getan.

Vielleicht sind aber auch große und verdienstvolle Künstler irgendwann einfach nur arme alte Männer.

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