Gleichenhalle

von amfenster

Man stelle sich vor: Eine kleine Gruppe von Menschen zieht einfach ihr Ding durch, friedlich und ohne jemandem damit etwas Böses zu wollen – und schon tobt und schreit die deutsche Wutkartoffel in gewohnter Manier drauf los.

Es geht um den „Lesbenfriedhof“ in Berlin, der in Wahrheit kein Friedhof ist, sondern eine 400 m² große Parzelle auf einem hundertmal so großen evangelischen Friedhof, die von einer Aktivistinnengruppe aus Wuppertal als eine Art zukünftiges Gemeinschaftsgrab für lesbische Frauen organisiert wurde. Ich hatte im Grunde schon genug von dem Thema, als ich gesehen habe, dass Birgit Kelle sich dazu verbreitet hat. Aber nun bin ich doch noch in eine Facebook-Diskussion geraten und habe wieder mal zuviel Zeit damit verbracht und mich zuviel aufgeregt.

Es sind die üblichen Reaktionen, die man aus allen Rassismus-AntisemitismusHomophobie-Diskussionen kennt: verbale Rücksichtslosigkeit bis hin zur Grobheit, und ein Reflexionsniveau, das selten über „armes deutschland!!!!!111“ hinausgeht. Man fragt sich, was an der Idee einer Ruhestätte für Lesben so bedrohlich sein mag, dass man derart um sich schlagen muss.

Da würde sich eine Gruppe selbst ausgrenzen, die doch sonst immer um Integration und Gleichberechtigung kämpfen würde, ist wieder und wieder und wieder und wieder und wieder zu lesen. Keinem fällt auf, wie arrogant, überheblich und ja: gewälttätig dieser Gedankengang ist. Lässt diese Argumentation doch keinen Zweifel daran, dass es „die Mehrheitsgesellschaft“ ist, die den Daumen über eine Minderheit hebt oder senkt, die Gleichberechtigung nach Gutdünken huldvoll gewährt oder kalt lächelnd vorenthält. Selbstbestimmung? Fehlanzeige. Die schnappatmende Empörung, mit der über eine Handvoll lesbischer Aktivistinnen gegeifert wird, die für sich und ihre Mitstreiterinnen eine Option geschaffen haben (mehr ist es ja nicht), hat etwas von der Kränkung einer enttäuschten Majestät. Natürlich ist das diskriminierend, natürlich wird da strukturelle Ungleichbehandlung fortgeschrieben. (Besonders perfide im Übrigen, wenn sie im Gewand des besorgten Sympathisanten daherkommt, der treuherzig versichert, dass er ja durchaus für die Gleichberechtigung Homosexueller sei, aber mit solchen absonderlichen Wünschen täten sich die Damen ja nun keinen Gefallen, wie könne man sich nur selbst derart ghettoisieren, man wisse doch, wohin Ausgrenzung führen kann…)

Man mag das Ansinnen, sich im Kreise von Lesben begraben lassen zu wollen, ja für speziell halten. Man darf das auch ein bisschen strange finden – auf dieselbe Weise, auf die man auch ins All geschossene Urnen oder Fußballfriedhöfe strange finden darf. Man wundert sich vielleicht ein bisschen, schüttelt vielleicht ein wenig amüsiert den Kopf, denkt sich „Des Menschen Wille ist sein Himmelreich“, und gut.

Gleichberechtigung schließt das Recht ein, sich nach Belieben einer Gruppe zugehörig zu fühlen (oder zu mehreren oder zu keiner). Gleichberechtigung schließt auch das Recht ein, unter sich bleiben zu dürfen. Eine Gesellschaft, die von Homosexuellen verlangt, dass sie das – wie stark auch immer ausgeprägte – Zugehörigkeitsgefühl zu anderen Homosexuellen aufgibt, ist keine freie, offene, tolerante Gesellschaft. Sie hält immer noch schön den Daumen drauf. Sie erwartet Selbstaufgabe, und ist angepisst, wenn die gnädig Geduldeten sich dann auch noch erdreisten, ihr eigenes Ding machen zu wollen.

Und ganz plötzlich wird zum Politikum, was anderswo völlig selbstverständlich ist. Käme man bei einer Seebestattung auf den Gedanken: „Diese Seebären, wollen sich selbst im Tod nicht integrieren!“, oder würde man die Anlage eines Friedwalds mit „Gibt’s denn keine wichtigeren Probleme“ kommentieren? Nein, an individuellen Begräbniswünschen nimmt man erst dann Anstoß, wenn sie aus den Reihen einer als „anders“ identifizierten Gruppe formuliert werden. Dann aber ist man ohne Zögern bereit, eine Grundsatzdebatte vom Zaun zu brechen.

Entlarvend auch der Duktus, in dem dann von „den“ Lesben und „den“ Schwulen die Rede ist: „Die“ wollen doch immer Gleichberechtigung, und jetzt ghettoisieren „die“ sich selbst. Othering at its best.

Es ist unter den lesbischen Frauen, unter den lesbischen Frauen in Deutschland ein kleines Grüppchen, das sich hier um ein persönliches Anliegen gekümmert hat. Niemand wird dadurch zu etwas gezwungen, niemandem wird etwas weggenommen, und wahrscheinlich ist 98 % der lesbischen Frauen die Existenz eines lesbischen Grabfeldes vollkommen gleichgültig. Aber für wen die Liebe zu Frauen so identitätsprägend war, wer sich den lesbischen Schwestern so verbunden fühlt, dass sie ihnen auch im Tod nahe sein möchte – die soll doch einfach die Möglichkeit dazu haben.

Ich möchte nicht auf einem schwulen Friedhof begraben sein. Aber ich habe weißgott Besseres zu tun, als mich über jemanden zu echauffieren, der das gerne möchte. (Wieviel auf die Vorstellung einer irgendwie geschlossen fühlenden, denkenden und handelnden – und sich fröhlich selbstsegregierenden – Gruppe von Homosexuellen zu geben ist, zeigt im Übrigen auch dieses Abstimmungsergebnis.)

Es geht mir nicht um diesen Friedhof. Und das ist es auch nicht, was in dieser Debatte verhandelt wird. Es geht darum, welche Vorstellungen von Gesellschaft wir vertreten. Wollen wir eine Gesellschaft, in der Anderssein genau so lange gestattet ist, wie es nicht auffällt und nicht stört? Die Renegatentum wittert, wenn Anderssein tatsächlich gelebt wird (und darüber letztlich sogar erleichtert zu sein scheint, weil die Abgrenzung zwischen „uns“ und „denen“ noch funktioniert)? Oder wollen wir eine Gesellschaft, in der Anders- und Verschiedensein die Norm ist? Die Nischenbildung als Teil des Ganzen akzeptiert, und in der jeder und jede selbstbestimmt so leben (und sterben) kann, wie er/sie mag, solange er/sie damit niemandem etwas tut?

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