Rassismus, frank und frei

von amfenster

Ein Rant

Es ist wieder soweit: It’s Rassismusdebatten-Time! Nachdem die Wellen Anfang des Jahres aufgrund einer behutsamen Überarbeitung eines alten Kinderbuchs hoch schlugen, entzündet sich der Volkszorn jetzt an einer kleinen, so unaufgeregten wie unaufregenden Maßnahme der Stadt Hannover, das bisher als „Zigeunerschnitzel“ bekannte Gericht in städtischen Kantinen fortan anders zu benennen.

Wie schon bei der ersten Debatte werden auch jetzt wieder allerlei Ekligkeiten nach oben gespült, von denen man lieber nie erfahren hätte. „Devot“ seien „wir Deutschen“, „irgendwann“ müsse doch „mal gut sein“, „übertrieben“, „haben wir keine anderen Probleme“, und überhaupt würde man mit „Zigeuner“ doch „Feurigkeit“ und „Freiheit“ assoziieren, das sei doch nichts Negatives (als ob es den Begriff der Exotisierung nicht gäbe).

Nun hat sich Arno Frank, Inlandskorrespondent der taz, in die Diskussion eingeschaltet. Um es kurz zu machen: Arno Frank will einfach weiter „Neger“ und „Zigeuner“ sagen dürfen. Er braucht nur sehr viele Worte, um das auszudrücken.

Franks Artikel kommt reflektiert und aufgeklärt daher, käut dabei aber nur die reaktionärsten Pseudoargumente wieder, die jedes Mal durch diese und vergleichbare Debatten geistern. Ich werde im Folgenden einzelne Passagen seines Textes kommentieren (und dabei auch einiges weglassen) – das wird nicht immer ganz stringent zugehen, manches wird unter den Tisch fallen, aber ich bin viel zu wütend über diesen Rotz, um an einer brillianten Replik zu laborieren.

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Also, nochmal durchatmen, es geht los:

Ich bin nicht der Richtige, um den folgenden Text zu schreiben. Weiße haben zu schweigen wie Kinder, wenn sich die eigentlich Betroffenen wie Erwachsene über „antirassistische Sprache“ verständigen. Erstens, weil angeblich privilegierte Weiße keine Erfahrung mit rassistischer Ausgrenzung haben. Zweitens, weil man sich mit jeder Einlassung zu diesem heiklen Thema in denkbar schlechte, weil reaktionäre Gesellschaft begibt.

Damit das schon mal klar ist: Hier spricht ein Opfer.

[…]

Es spricht nichts dagegen, Sprache therapeutisch einzufärben. Es spricht auch nichts gegen die Suche nach kreativen Neuschöpfungen für die allseits gewünschte Einwanderungsgesellschaft. Wir sollten aber darüber reden können, ob diese wichtige und notwendige Arbeit – sozusagen am Quellcode unserer Sprache – nicht besser gebündelt und vermittelt werden sollte. Denn im Moment führt sie zu nichts anderem als präventivem Verstummen.

Also von „Verstummen“, geschweige denn einem „präventiven“ merke ich nichts, im Gegenteil, es wird gequakt und geplärrt an allen Enden. Nicht zuletzt von Arno Frank.

Interessant aber schon die Forderung nach einer „Bündelung“ des Diskurses. Liefe das nicht auf die Sprachpolizei hinaus, über die Frank sich im weiteren Verlauf seines Textes noch beklagen wird?

[…]

Selbstverständlich soll die Minderheit selbst darüber entscheiden dürfen, wie sie angesprochen werden will.

Richtig. Auf diese einfache Erkenntnis lässt sich im Grunde die ganze Diskussion eindampfen. Aber Frank wäre ja fehlbesetzt in der Rolle als politisch korrekter Anwalt der politisch Inkorrekten, wenn ihm nicht gleich ein großes ABER einfiele:

In der „breiten Bevölkerung“ aber herrscht keineswegs Konsens darüber, dass sich Bezeichnungen wie „Negerküsse“ verbieten. Gewohnheit ist mächtig, hat Momentum und ist allergisch gegen Bevormundung. Eben deshalb wurde diese schleichende Rechtschreibreform zum Guten hin überhaupt erst in Gang gesetzt.

Ach, und weil Gewohnheit so „mächtig“ ist und „Momentum“ hat, deswegen bemüht man sich am besten gar nicht erst um nicht-diskriminierende Sprache?

Und, kleine nebensächliche Nörgelei eines Sprachwissenschaftlers: Einen problematischen Begriff durch einen weniger problematischen zu ersetzen, hat nichts, aber auch gar nichts mit Rechtschreibung zu tun.

Aber wer genau spricht denn mit welcher Legitimation für wen? Ist nicht der Begriff „Minderheit“ an sich schon diskriminierend?

Genau, die wahren Rassisten sind die, die sich die Wünsche Diskriminerter anhören und vielleicht sogar zu eigen machen.

[…]

An welches Blog, welches Forum, welchen Ausschuss soll ich mich in solchen Fragen halten?

Da ist es, das Sprachpolizei-Argument. Wie wär’s, wenn man sich einfach an den gesunden Menschenverstand, das eigene Taktgefühl, und ja: vielleicht auch an den Zweifel hielte?

Seit wann ist die evidente Tatsache, dass Aung San Suu Kyi „asiatisch“ und ein Robert Mugabe eher „afrikanisch“ aussieht, besser zu verschweigen?

Und spätestens jetzt hat sich Arno Frank als reaktionärer Dünnbrettbohrer geoutet. Die Frage ist doch nicht, dass „die evidente Tatsache“ asiatischen oder afrikanischen Aussehens eine zu verschweigende ist. Die Frage ist, warum, für wen und in welchen Zusammenhängen diese Tatsache überhaupt relevant sein sollte? So relevant gar, dass sie, trotz und zusätzlich zu ihrer Evidenz, nochmal extra benannt werden muss?

Natürlich kann man problemlos feststellen, dass Robert Mugabe eine dunkle Hautfarbe hat. Warum auch immer man das Bedürfnis dazu haben sollte. Leute wie Arno Frank wollen sich aber ganz einfach nicht davon verabschieden, dass für solche Fälle ein Label bereitsteht. Ob dieses Label nun der altgediente „Neger“ ist oder ein weniger belasteter (Menschen wie Frank würden wahrscheinlich sagen: „politisch korrekter“) Begriff, ist dafür eigentlich zweitrangig. Der pauschalisierende Blick auf andere Menschen, der Wunsch einen knackigen Begriff für sowas Banales wie eine andere Hautfarbe zu haben, die so stattfindende Konstruktion einer Gruppe von „Anderen“, also das „Othering“ ist strukturell rassistisch.

Diese Erkenntnis liegt freilich auf einer anderen Reflexionsebene als derjenigen, auf der schätzungsweise 99% der öffentlich geführten N-Wort-Debatten stattfinden.

[…]

Seit wann genau darf ich warum genau nicht mehr über die Genealogie, also die „Wurzeln“ eines Menschen sprechen? Haben wir denn nicht alle welche? Was wäre damit gewonnen, sie zu leugnen?

Zum einen ein Pappkamerad in bester PI-Manier: Erstmal ein Tabu erfinden, über das man dann jammern kann. Zum anderen aber auch hier wieder die Frage: Wie oft hat man denn tatsächlich Bedarf, über Genealogie zu sprechen? (Als ob es dem Inlandskorrespondenten Arno Frank ernsthaft um die „Wurzeln“ Robert Mugabes ginge.) Und warum sollten dafür dann ein paar praktische Labels bereitstehen, statt einfach zu versuchen, für den konkreten Fall die richtigen Worte zu finden?

Wenn wir nun, vorsichtig geworden, vom „Farbigen“ sprechen, dürfen wir uns von politisch korrekten Einsatzgruppen belehren lassen, „farbig“ im Sinne von „eingefärbt“ beschönige die Abweichung von einer „weißen“ Norm, und sei deshalb ebenfalls zu verwerfen.

Da ist es ja, das böse Wort: „politisch korrekt“. Matthias Dell vom „Freitag“ hat in einem sehr sehr guten, sehr sehr lesenswerten Artikel nachgewiesen, dass dieser Begriff nichts als ein neokonservativer Kampfbegriff, eine diffamierende Gegenprojektion ist – kein Mensch hat ihn jemals positiv als Programm formuliert.

Im Regen steht auch, wer sich auf Höhe des Diskurses wähnt und die vermeintlich progressive Umschreibung „People of Color“ für Nicht-Weiße benutzt, zumal schon Martin Luther King von „Citizens of Color“ sprach.

Da holt er seine Bildung hervor, und seinen schwarzen Kronzeugen gleich mit. Bei allem Respekt vor Martin Luther King und seinen Verdiensten: wir führen diese Debatte im Jahr 2013, Luther King ist seit 45 Jahren tot, die Welt hat sich weitergedreht und mit welchen Begriffen er operierte, ist in erster Linie von historischem Interesse.

Zwar muss sich einmal eine Repräsentationsgruppe für die Selbstzuschreibung „People of Color“ ausgesprochen haben. Doch gibt es neue Gruppen, die darin wiederum nur eine Variante von „Farbige“ erkennen. Nein, „Schwarzer“ ist die korrekte Bezeichnung. Einstweilen.

Ja da erlauben sich diese Ne… diese Personen doch tatsächlich, kein geschlossenes Meinungsbild zu vertreten. Die einen sagen so, die anderen so. Und huch!, es soll sogar welche geben, die sich selbst als „Neger“ bezeichnen (das schreibt nicht Frank, diesen Schocker bringe ich ein). Und diverse Organisationen von Sinti, Roma und Jenischen beziehen unterschiedlich Stellung in der Schnitzelfrage. Ja was denn nun? Was machen da jetzt arme, verlorene Seelen wie Arno Frank, wenn da gar nicht die Sprachpolizei ist, die sie allerorten maßregelnd am Werke wähnen? Irgendwer muss einem doch sagen, was richtig ist!

Letztlich führt auch das wieder auf die Frage hinaus, aus welchen Interessen man als Außenstehender überhaupt ein Wort für eine Gruppe haben sollte. Und welches Denken dahintersteht, überhaupt von einer Gruppe zu sprechen, wo vielleicht oder wahrscheinlich, nein: tatsächlich ja gar keine Gruppe ist, zumindest keine, deren Grenzen zu ziehen einem zustünde. Alter Vogel Selbsterkenntnis.

Was klären sollte, stiftet eine ungesunde Verunsicherung. Ungesund, weil sie ausgerechnet jene erfasst, die ohnehin um eine gerechte Sprache bemüht sind. […] Nicht die Belehrung als solche, sondern die Flut widersprüchlicher „Leitfäden“ und Ermahnungen ist problematisch.

Genau, wir meinen es doch gut, wir haben die richtigen Absichten, deswegen können wir gar keine Rassisten sein. Des is voll gemein, wenn jetzt jemand daherkommt und uns darauf hinweist, dass der selbst ausgestellte Persilschein „Ich bin kein Rassist“ halt vielleicht nicht genügt.

[…]

Wenn sprachgesetzliche Novellen sich alle fünf Minuten selbst aktualisieren, sind irgendwann nur noch die ehrenamtlichen Führungsoffiziere der Sprachpolizei auf dem neuesten Stand. Welches Wort ist gerade in Quarantäne? Welches hat Freigang? Das ist Herrschaftswissen, und entsprechend schnöselig klingen die Zurechtweisungen. Selbst Seminare zum Training „antirassistischer Sprache“ für Journalisten finden unter der Vorgabe statt, dass ihre Prämissen nicht diskutiert werden.

Tja, die Welt ist kompliziert und ändert sich sekündlich. Dass sich ausgerechnet ein Journalist darüber beklagt, ist – bemerkenswert. Dito die Klage eines berufsmäßigen Wort- und Sprachbenutzers über Schwierigkeiten, sich im Begriffsdschungel zurechtzufinden. Wenn er sich das nicht zutraut, sollte Herr Frank über einen Jobwechsel nachdenken.

Was die Schnöseligkeit angeht, muss ich ihm allerdings teilweise recht geben.

Dabei müsste gerade über eine Prämisse gesprochen werden, die davon ausgeht, eine „gerechtere Sprache“ sei die Grundlage einer gerechteren Welt. Es könnte nämlich sein, dass das nicht stimmt. Es könnte sein, dass die forcierte Dekonstruktion von „Konstrukten“ auch Unterschiede einebnet, die kostbar sind.

Es könnte auch sein, dass eine Aneinanderreihung von Fremdwörtern gar nicht so gebildet wirkt, wie sie soll. Sorry, aber hier klingt Arno Frank wie Norbert Geis und Katherina Reiche, die gegen die Homo-Ehe sind, weil „Ungleiches nicht gleich behandelt werden“ soll. Und warum sich die „kostbaren Unterschiede“ ausgerechnet an den Bezeichnungen für verschiedene Hautfarben festmachen sollen, erklärt er auch nicht.

In der Moderne ist noch jedes ideologische Projekt bei dem Versuch gescheitert, einen Homo novus zu schaffen. Und nun sollen wir das hohe Ziel durch ein paar läppische Manipulationen im Maschinenraum der Sprache plötzlich selbst herbeipalavern können? Wirklich?

Ein weiterer Pappkamerad. Erstmal den doofen Gutmenschen unterstellen, sie wollten einen „Homo novus“ erschaffen, um dieses schaurige Ansinnen direkt desavouieren zu können.

Allein: Niemand will einen neuen Menschen schaffen, wirklich nicht. Es ist viel einfacher, es geht darum, die Vielfältigkeit dieser Welt, und ja: auch die damit einhergehende Kompliziertheit und Unübersichtlichkeit anzuerkennen. Die Zeiten, in denen man „ohne böse Absicht“ von „Negern“ sprechen konnte, sind vorbei. Definitiv. Die Betroffenen melden sich zu Wort, sagen was ihnen nicht passt oder wie es ihnen lieber wäre, und natürlich gibt es da nicht die eine Meinung. Das ist doch gut so!

Für jemanden, der sich so schön in den weißen mitteleuropäischen Sound eingegroovt hat oder der einfach zu bequem ist, um einem vielstimmigen Konzert zuzuhören, ist das erstmal anstrengend, ja. Wie denn auch anders. Aber sich die Ohren zuzuhalten und allen Anwesenden die Zunge rauszustrecken, kann wohl kaum die Lösung sein.

Wer glaubt, durch die beflissene Behandlung symptomatischer Sprache ließe sich die Krankheit des Rassismus beheben, erliegt infantiler Sprachmagie. Was ich nicht nenne, ist auch nicht da.

Ein sehr beliebtes Argument: „Einem Neger, der auf der Straße angepöbelt wird, hilft es doch auch nicht, dass ich ihn nicht mehr Neger nenne.“ Unfug! Wenn der Sprachgebrauch bereits die Diskriminierung ist, und wenn ein Wort geronnene Unterdrückungs- und Ausgrenzungsgeschichte ist, was gibt es denn dann noch groß zu diskutieren?

Genauso, wie ich es niemandem, der zur Verteidigung des „Zigeunerschnitzels“ die Situation der Sinti und Roma in Rumänien ins Feld führt, die ja wohl das wichtigere Problem sei, auch nur eine Sekunde lang abnehme, dass es ihm um das Wohl der Angesprochenen geht. (Zumal: Wenn das Zigeunerschnitzel doch kein Problem ist, warum ist es dann eines, stattdessen Paprikaschnitzel zu sagen?)

Dass sich intelligente Debattenbeiträger hinter verprügelten Afrikanern verstecken, um nur ja nicht von ihrem N-Wort lassen zu müssen, ist beschämend genug. Aber wir müssen doch gar nicht mit tätlicher Gewalt argumentieren: Wenn ein dunkelhäutiger Mensch jeden Tag mal mehr, mal weniger subtil unter die Nase gerieben bekommt, dass er „anders“ ist, wenn er jedes Mal für einen winzigen Moment unwillkürlich zusammenzuckt, wenn in seiner Gegenwart das N-Wort fällt, selbst wenn er sich nicht davon angesprochen fühlt – muss er, müssen wir das hinnehmen? Was vergibt man sich denn, indem man in Dreiteufelsnamen auf dieses doofe Wort verzichtet?

Ich weiß nicht, woher dieser Ansatz kommt, Rassismus beginne erst, wenn schon einer die Streichhölzer in der Hand hat.

Es ist diese bestürzende Naivität, mit der gerade die furiosesten Verfechter einer ungeheuer wichtigen Sache unser Anliegen torpedieren, ganz bequem aus dem elitär-akademischen Elfenbeinturm heraus – und wirksamer, als ihre echten Gegner, auch die mit den Baseballschlägern, das jemals könnten.

Dieser Absatz ist ungeheuerlich.

Sprache ist intuitiv und immun gegen technokratische Versuche, ihr gut gemeinte, aber kontraintuitive Kunstbegriffe zu implementieren. Wer „Zigeuner“ schmutzig finden möchte, der kann, wie unlängst in der Süddeutschen Zeitung geschehen, auch „Sinti und Roma“ schmutzig finden. Wer nur die Anzeichen bekämpft, lässt die Krankheit fortschreiten.

„Kontraintuitiv“! Und „Neger“ zu sagen, ist demzufolge also „intuitiv“, oder was?

Sicher sind wir ganz tief drin an Dinge gewöhnt, gerade in der Sprache, die doch unsere Weltsicht prägt, das kann man schon mal mit Intuition verwechseln. Aber gerade darum geht es doch: Wo Menschen ausgegrenzt und diffamiert werden und sogar sagen, dass sie dieses oder jenes nicht so prall finden, kann man als denkendes Individuum seine eigenen „Intuitionen“ ruhig mal auf den Prüfstand stellen. Vielleicht kommt man so darauf, dass man selbst rassistischer ist, als man vermutet hätte. Dann kann man daran arbeiten. Das ist nicht unbedingt einfach, kann im Sinne eines zivilisierten Miteinanders aber wohl erwartet werden.

[…]

Bestenfalls kommt es dann zu einem dialogischen Abgleich der Lebenswelten, einem – ja, warum denn nicht? – gleichberechtigten Austausch unterschiedlicher Erfahrungen. Das könnte man „Gespräch“ nennen. Eine bewährte und bereichernde Kulturtechnik, für die man sich nur auf eine gemeinsame Sprache einigen muss.

Wenn ein dunkelhäutiger Augsburger aus Kriegshaber, dessen größter lebensweltlicher Unterschied zu mir vermutlich darin besteht, dass er aus dem Augsburger Westen kommt und ich aus der südlichen Zentrumsnähe, auf jeder Party gefragt wird, wo er denn herkäme, wo seine Eltern denn herseien – dann kann ich mir sehr gut vorstellen, dass ihm das einfach irgendwann auf die Nerven geht. Warum wird er das gefragt? Weil er Schwarzer ist, weil er (ich muss das jetzt so sagen:) „uns Weißen“ damit sofort auffällt. Und warum fällt „uns“ das auf? Das ist nämlich die interessante Frage. Mag sein, dass ich mich jetzt arg weit aus dem Fenster lehne, aber ich denke, „unser“ Blick ist da auch noch bei den allerbesten Absichten ein rassistischer. Ich meine: Hey, Hautfarbe – who fucking cares?

Natürlich ist die Frage „Woher kommst Du?“ nicht böse gemeint. Aber vielleicht will der Kriegshaberer ja gar keine Lebenswelten „dialogisch abgleichen“, sondern einfach nur eine nette Party haben.

Sprache ist Unterscheidung, zwischen rechts und links, gut und böse, Schwarz und Weiß.

Jetzt fehlt nur noch der alte Taschenspielertrick, auf die Herkunft von „diskriminieren“ vom lateinischen discriminare zu verweisen, das ja lediglich „unterscheiden“ bedeute, und nichts anderes sei ja die Funktion von Sprache (den Punkt spricht Frank ja sogar bereits an), weswegen „Diskriminierung“ völlig normal und gar nichts Böses sein könne, nicht wahr.

Jeder Versuch, die Differenz aus ihr zu verbannen, führt notwendigerweise in die Sprachlosigkeit. Nicht die Differenz ist der Feind. Unsere Wachsamkeit sollte vielmehr den finsteren Absichten gelten, wegen derer Differenz bisweilen über Gebühr betont wird.

Genau, zum Abschluss noch ein bisschen Armageddon („Sprachlosigkeit“) und ein bisschen Hokuspokus („finstere Mächte Absichten“), der uns aus der konkreten Verantwortung entlässt. Und fertig ist das, was taz-Onlinekommentatoren prompt für einen „klugen Artikel“ halten.

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Abschließend möchte ich sagen, dass ich beim Versuch, den ganz harten Anwälten diskriminierungsfreier Sprache zu folgen, auch immer wieder an meine Grenzen komme, zumal der Tonfall in der Tat oft von Arroganz geprägt ist, so à la „Die Deppen ham’s noch nicht kapiert“. Geduldiges Argumentieren wäre wohl manchmal zielführender.

Ja, auch mir geht das Anliegen einer nicht-diskriminierenden Sprache oft gegen die „Intuition“. Aber ich bin bereit mich zu fragen, ob das nicht in erster Linie mein Problem ist. Zu welchen Ergebnissen ich dabei komme, ist erstmal offen, und ich muss mir auch nicht alle Argumente mit allen Konsequenzen zu eigen machen. (So bin ich z.B. der Ansicht, dass man diskriminierende Wörter in einem Meta-Diskurs oder auch in einem künstlerisch-demaskierenden Zusammenhang durchaus aussprechen/ausschreiben darf, was mancher schon als „Reproduktion“ der Begriffe und damit als unzulässig werten würde.)

Aber allumfassende Einigkeit ist ja auch, meiner Meinung nach, gar nicht das Ziel. Ebensowenig, dass nun bitte jeder sofort seinen Sprachgebrauch umstellt. Vielleicht geht man im einen Fall mit, in einem anderen eher nicht, oder man muss sich erst ein wenig dran gewöhnen. Das ist doch ok so. Nur darauf einlassen sollte man sich. Auf das Nachdenken, das Hinterfragen, das Ändern. Das ist fraglos ungemütlicher, aber letztlich vielversprechender und zukunftsträchtiger als der unermüdliche Versuch, die Reaktion als progressiv zu verkaufen.

Update 11.10.  Sachlicher und konziser antwortet Lalon Sander in der taz auf Arno Frank, dem er bescheinigt, „schon die Grundannahmen seines Textes [seien] falsch“:

„Aber wie soll ich die jetzt nennen?“, diese Frage steht zwischen den Zeilen. „Die“, das sind die Neger, Fidschis und Zigeuner von früher. Doch diese Konstruktion der „Anderen“ gibt es in einem antirassistischen Weltbild nicht mehr, insofern gibt es für sie auch keinen neuen Begriff.
…weiterlesen…

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Links
taz – „Infantile Sprachmagie“
der Freitag – „Schießen Sie nicht auf den Pappkameraden“
Sprachlog – „Lustig ist das Rassistenleben, faria, faria, ho“
Sprachlog – „Meine Suppe ess‘ ich nicht unter anderem Namen!“
taz – „Infantile Sprachlosigkeit“

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