Die Asche des Phonix

von amfenster

Ich bin traurig, schockiert und betroffen. Mein zugegeben nur noch selten besuchtes, aber doch immer irgendwie noch Lieblingsgeschäft – es ist nicht mehr. Die „Schallplattenzentrale“ (von mir immer noch stur „Phonix“ genannt), mit der mich eine wirklich und wahrhaftig 20 Jahre lange Geschichte verbindet,  hat sang- und klanglos ihre Pforten geschlossen.

DSCN9139_2

Wo sie noch gestern gesungen, da war alles leer, lalala…

Erstmals betreten habe ich diese magische Welt aus abgelegtem Vinyl im Alter von 11 oder 12 mit meinem Papa, um dort nach der Ougenweide-LP „Ohrenschmaus“ zu suchen, die ich (!) unbedingt haben wollte (und an diesem Tag nicht gefunden habe). Es war noch der kleine Laden in der Karlstraße, und ich fing bald an, dort öfters hineinzuschauen. Mein erster Kauf dürfte die Single „You’re The Greatest Lover“ von Luv‘ gewesen sein – für drei Mark, wenn ich mich recht erinnere.

Kurze Zeit später zog der Laden um, und zwar einfach nur den Berg runter, an die Ecke Graben/Leonhardsberg. Jetzt war er viel größer und fing an, mein Plattenladen zu werden. Und das, obwohl ich eher selten tatsächlich etwas gekauft habe. Natürlich habe ich dort in Jugendjahren weite Teile meiner ABBA-Sammlung erstanden („Voulez-Vous“ und „The Visitors“ machten den Anfang, die eine für sieben, die andere für acht Mark), und dann immer wieder mal hier ein Album und da eine Single. Aber meistens habe ich einfach nur gestöbert, stundenlang, die Kisten durchwühlt, endlos fasziniert von Plattencovern, LP-Etiketten, unterschiedlichen Vinyl-Abnutzungsgraden, verschiedenen Auflagen desselben Albums, und was der Vinylfetischisten-Fetische mehr sind. Der Laden, der sich Mitte der 90er plötzlich „Phonix“ nannte, war ein Paradies für Leute, die einfach nur Schallplatten um sich haben wollen – egal was drauf ist, und fernab von irgendwelchen Analog-Digital-Glaubenskriegen.

Irgendwann wurden meine Besuche seltener. So bekam ich zunächst weder mit, dass mein „Phonix“ sich in „Schallplattenzentrale“ umbenannt hatte und die Filiale eines Münchner Geschäftes war (war das vielleicht schon die ganze Zeit so gewesen?), noch dass er – nochmal einige Zeit später – umgezogen war, auch diesmal wieder nur ein paar Meter die Straße runter. Aber diesmal hatte es ein bisschen was von Abstieg. Die neue Heimat waren zwei nebeneinander liegende Ladenlokale in der völlig verhauten Pilgerhauspassage, die jeweils abwechselnd geöffnet hatten, das aber nur an zwei Tagen in der Woche und zu nicht ganz durchschaubaren Zeiten. Die Platten waren nur noch notdürftigst sortiert, und war der Laden zwar noch nie ein aufgeräumtes Plattenantiquariat gewesen, so dominierte jetzt doch ein gewisses Ramsch- und Outlet-Flair. Aber es lief derselbe, etwas abseitige FolkJazzPsychedelicCountry-Musikmix wie immer, und auch die freundliche Phonix-Frau, die seit Karlstraßen-Zeiten übrigens um keine Sekunde gealtert zu sein scheint, saß gewohnt anmutig hinter ihrem Kassentresen und taxierte den Wareneingang. Willkommen zuhause.

Neulich, es war mein Geburtstag und ich hatte nichts Besseres vor, wollte ich mich mal wieder einer gepflegten Vinyl-Wühl-Orgie hingeben. Doch was musste ich sehen: gähnende Leere in den beiden Läden, neben den Eingangstüren noch ein paar runtergefetzte Schallplattenzentralen-Plakate. DSCN9144_2Kein Hinweis: „Wir sind umgezogen“ (vielleicht wieder ein Stück runter, Richtung Jakobertor?!), noch nicht mal ein „Geschlossen“-Schild. Auch auf der Website des Münchner Muttergeschäfts kein Wort.

Mein Plattenladen – einfach weg. Und ich bin vielleicht nicht mal ganz unschuldig daran, war ich doch nur noch selten dort. Traurig bin ich trotzdem. Denn nach Platten stöbern kann man zwar auch in Sozialkaufhäusern oder in diesem komischen, nach Tee stinkenden Rotationssortiment-Shop am Obstmarkt – aber das ist nicht das Gleiche.

Mach’s gut, Phonix. Ich werde dich nie vergessen. Und vielleicht steigst du ja irgendwann wieder aus der Asche.

Advertisements