A Band’s Coming Home

von amfenster

The Seer live im Spectrum, 03.01.2013

seer_spectrum04Eigentlich hätte dieses Konzert von The Seer schon vor einem Jahr stattfinden sollen. Wegen der Aufnahmen zum neuen Album „Wide Eyed Walker“ wurde der Termin allerdings kurzfristig um ein Jahr vertagt. Eine gute Entscheidung, die der Band mindestens einen Besucher mehr beschert hat.

Es war nämlich vor allem – oder besser: nur – das Interesse an den neuen Songs, das mich ins Spectrum lockte, denn wie „Take A Walk With Me“ geht, weiß ich inzwischen so ungefähr. Und was soll ich sagen: Das Zeug macht sich großartig! „Your Song“ funktioniert als unerwarteter Show-Opener (wo ich doch einen Großmütter-Doppelpack auf „The Evidence“ verwettet hätte!), „Gone Forever“ kommt noch ohrwurmiger rüber als auf Platte, und es gibt wirklich keinen vernünftigen Grund, das hervorragend dargebotene „Parallel World“ verschämt als Rausschmeißer ans Ende des Zugabenblocks zu stellen. Allein der grandios produzierte Album-Opener „The Evidence“ kam auf der Bühne leider etwas ungeschlacht daher, das ist dann wohl so ein Song, den man sich besser zuhause oder im Internet anhört.

Im Bühnenhintergrund hing das in zwei Hälften geteilte Covergesicht von „Wide Eyed Walker“ (ein etwas grusliger Effekt), und ich war mir fast sicher, dass die beiden Fahnen irgendwann mal zur Seite gefahren würden, um einem der ja doch recht hübschen Videoclips Platz zu machen. The Seer verzichteten jedoch völlig darauf, die Show mit visuellen Effekten dieser Art anzureichern.

seer_spectrum02Eine ganz andere Überraschung bot die Gastperformance der jungen Augsburger Sängerin Sarah Ego, die den altgedienten „Man In The Mirror“ mit allerlei Melismen anreicherte und zwischendurch auch ein wenig mit Sänger Shook duettierte. Immerhin, man hat mal was probiert.

Wesentlich unauffälliger gestaltete sich der Auftritt von Produzent Chris Wolff – ein sympathischer Schlaks, der Shook bei dem etwas halbherzig ins Set gezimmerten „Losing My Head“ (mein Lieblingssong von „Wide Eyed Walker“ und nächste Single!) am Piano begleitete.

Sonst war alles beim Alten. Auch dieses Mal langweilten mich die alten Heuler wie „Own World“, „Across The Border“ oder „The One“ mehr, als dass sie mich unterhielten. Die eine oder andere Reminiszenz an alte Zeiten – „The First One In The Row“, „The World Cries Love“, meinetwegen auch noch „Travel On“ – will ich mir noch eingehen lassen, aber sonst gibt mir das alles nichts mehr. Was überhaupt nicht an der Leistung der Musiker liegt, die gewohnt hohe Qualität liefern, ich hab das Zeug nur einfach ein paar Mal zu oft gehört, als dass es mich noch vom Hocker risse. Wie ich überhaupt die ganze aufgepeitschte Mitklatsch- und Hüpfatmosphäre nicht mehr brauche. Been there, done that.

Und: „Nothing Else“ bleibt eine Zumutung in drei Akkorden. Mein ewiger Hass-Song – aber auf der Setlist wohl ebenso gesetzt wie eine „Esmeralda“. Andererseits haben sich The Seer endlich mal getraut, die endlose „Ferryman“-Arie aus dem Programm zu kicken (die ja tatsächlich irgendwann mal ganz witzig war, so zu Zeiten Friedrichs des Großen ungefähr). Es besteht also noch Hoffnung. Richtig schade allerdings, dass das ja immer noch relativ aktuelle Album „Heading For The Sun„, auf das die Band zurecht stolz war, nur mit der Akustik-Ballade „Rain Down On Me“ vertreten war.

Aber gut, die Band scheint sich für diesen Weg entschieden zu haben, der vor allem auf Altbekanntes baut (und Neuerem so freilich gar keine rechte Chance einräumt, noch zu einem vergleichbaren Klassiker zu werden). Zumindest der auf irgendeinem Festival aufgegabelte Fanblock, der sich bis zur Grenze der Fremdscham in Wink- und Hüpfexzessen und Schlachtgesängen gefiel, schien sich daran kaum zu stören. Das übrige Publikum pflegte im direkten Vergleich dazu eine gewisse – mir wesentlich näherstehende – Augsburger Reserviertheit. Womit keineswegs gesagt werden soll, dass die Stimmung mau war – im Gegenteil, mein letztes The-Seer-Konzert mit derart herzlichen Appläusen dürfte eines der „Organic“-Konzerte von 1998 gewesen sein. Vielleicht ist das Spectrum tatsächlich das „Wohnzimmer“, als das es von Shook tituliert wurde.

seer_spectrum01Für ein wenig Abwechslung von all der Oldie-Routine sorgten die anhaltenden Probleme mit dem Headmikrofon von Keyboarder Peter Seipt, die letztlich nur durch einen ganz konservativ vor dem Keyboard postierten Mikrofonständer gelöst werden konnten – ein noch nie dagewesenes Bild – , sowie ein paar sympathische kleine Unkonzentriertheiten von Drummer Mike Nigg.

Obwohl das Publikum immer noch gewohnt gemischt war, dominieren inzwischen doch die gemütlichen Ich-strecke-beim-Refrain-den-Zeigefinger-in-die-Höh-Feierabendrocker, die mit der Band gealtert zu sein scheinen (jaja, Glashaus, ich weiß…), und die es vermutlich auch völlig ironiefrei für die Beschreibung eines gelungenen Konzertabends halten, wenn „der Schweiß in Strömen floss“, weil „der Schwabenfünfer“ beim „Heimspiel“ in der „vollen Hütte“ „tüchtig eingeheizt“ hat. Ob da noch nennenswerte Fan-Generationen nachwachsen, before we get old? Heiß war es übrigens wirklich.

Und wo wir beim Mikroklima sind: Mein Konzert-Parfüm-Karma hat sich eine schicke kleine Volte ausgedacht, indem es mich mit Chanel und Dior verschonte, mir dafür aber eine äußerlich gepflegte, aber nach altem Schweiß miefende Dame zur Seite stellte. Großartig!

An diese Stelle gehört wohl ein Fazit. Nun, solange The Seer neue Alben machen, wird es mich wohl weiterhin auf das eine oder andere Konzert ziehen, weil ich, siehe oben, dann doch immer zu neugierig bin – und sich für das neuere Material ein Konzertbesuch definitiv lohnt. Aber vielleicht sollte ich mir beim nächsten Mal für zwischendurch was zu lesen mitnehmen.

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