We are the 14 %

von amfenster

Ich mag nicht mehr lesen, dass die Grünen jetzt so bürgerlich sind.

Ich mag nicht mehr lesen, dass die Grünen wahlweise eine umgefärbte FDP oder eine CDUökoplus sind.

Ich mag nicht mehr lesen, dass alle Zeichen unumkehrbar auf Schwarz-Grün stehen.

Ja, es ist den Grünen gelungen, mit biederen Gestalten wie Kretschmann und Kuhn das konservative Baden-Württemberg samt Hauptstadt zu erobern. Und eine brave Christentante ist Spitzenkandidatin, satte „Klatsche“ für Claudia inklusive, hurra.

Aber ich möchte einmal klarstellen: Als grüner Stammwähler (immer noch) sehe ich mich in dem derzeit vorherrschenden alleinregierenden Narrativ von den ach so spießbürgerlich gewordenen Öko-Cons nicht repräsentiert.

Demoskopen könnten mich wahrscheinlich mit Zahlen und Statistiken erschlagen, wonach zweifelsfrei erwiesen sei, dass die Grünen in den materiell abgesicherten Wohlfühlbezirken der Republik zuhause sind. Das mag ja alles sein, und dass die Grünen nicht mehr die ungewaschene Strickpulli-Truppe aus den Anfangszeiten sind, will ich auch gar nicht in Abrede stellen. Es ist ja auch schön, wenn die Partei inzwischen für Leute wählbar ist, die sich vor  zwanzig Jahren noch lieber die Hand abgehackt hätten, als ihr Kreuzchen bei den Grünen zu machen.

Aber ich bin ein Kind der Achtziger, und – ich denke, ich kann da auch n Stück weit für meine Altersgruppe sprechen – für mich gab es nie eine andere politische Heimat als die Grünen. (Und das ist, bei allen im Laufe der Jahre gewachsenen Vorbehalten und trotz Hartz IV und Hindukusch, immer noch der Fall.) Wir sind mit Mülltrennung und Friedenstauben und Ali-ist-mein-Freund großgeworden, ohne Anzug und Krawatte, aber dafür mit Leinenweste – irgendwie so ein bisschen „alternativ“ halt. Vielleicht fühlen wir uns tatsächlich manchmal unkonventioneller als wir sind, aber andererseits sehe ich auch nicht, warum der Konsum von Bio-Produkten etwas Verwerfliches sein sollte, nur weil man sich dabei – wie gerne unterstellt – angeblich „besser fühlt“. Für uns sind das Selbstverständlichkeiten, und die Grünen sind nach wie vor die Partei, die diese Werte und dieses Lebensgefühl am besten verkörpert.

Ja, ich kaufe Bio-Milch und Fair-Kaffee und bestätige wahrscheinlich allein damit alle Klischees jener auf Rebell gefönten Neocon-Schreiberlinge, die die Grünen zu den wahren Spießern deklarieren wollen (Öko-Bürgertum, yes!). Wer glaubt, ich sei damit ein typischer Wähler der angeblichen Besserverdienenden-Partei, der sich einen derart eitlen Distinktionsgewinn qua Lebensmittelkonsum halt leisten könne, dem gestatte ich gerne Einblick in meine Kontoauszüge. Besserverdiener – am Arsch!

Ich bin kein Öko-Spießer. Ich bin nur ein durch Zufall in den reichen Teil der Weltbevölkerung geborener Mensch, der versucht, im Rahmen seiner Möglichkeiten das Beste draus zu machen, ob es jetzt an der Mülltonne oder am Kühlregal ist. Dabei halte ich es durchaus für möglich, ja sogar für sehr wahrscheinlich, dass auch diese Einstellung etwas Beschränktes ist, ein Zeitgeistphänomen, ein Weltbild mit gewissen Scheuklappen. Ich glaube, diese Haltung ist nicht ganz untypisch für meine Generation.

Auch ich bin Grün-Wähler.

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