It’s more interesting with fragliche Moral

von amfenster

Kari Bremnes live im Parktheater Augsburg, 13.11.2012

Natürlich ist es der blanke Luxus, wenn eine Künstlerin wie Kari Bremnes in einer Location wie dem Augsburger Parktheater gastiert. Sich den nicht zu gönnen, wäre Sünde gewesen. Also: Karte gekauft, drei Monate drauf gefreut, hingegangen.

Ganz unprätentios betrat die norwegische Sängerin mit ihrer Band die Bühne und erklärte in einem zum Niederknien charmanten Englisch-Deutsch-Mix (den sie dankenswerterweise den ganzen Abend lang beibehalten sollte) gleich mal ihren ersten Song, noch bevor überhaupt der erste Ton erklungen war.

In der Tat würde man so ganz ohne Erläuterungen nicht viel verstehen, wenn sie auf Norwegisch von eigenwilligen Künstlerinnen und schrägen Köpfen, von Erinnerungen und Lebenswegen singt – und von Menschen und Geschichten mit „fraglicher Moral“, an denen sie nach eigenem Bekunden am meisten interessiert ist. Aber die Botschaft kommt an, und so meinte man direkt zu spüren, wie die Fjordnebel durchs Parktheater wehen und sich die Schwere der Polarnächte aufs Gemüt legt, als Kari Bremnes von der „Schwarzen Bärin“ Anna Rebecka erzählte und sich in „Coastal Ship“ an die großen Schiffe erinnerte, die ihr von der großen weiten Welt kündeten, als sie sie als Kind auf den Lofoten vorbeiziehen sah. „It’s the power of the music“, wie sie selbst feststellte.

Wenn es ein Problem mit der Musik von Kari Bremnes gibt, dann ist es die stetige Gefahr, dass der hyperperfekte Sound, der einen in seinen besten Momenten einhüllt wie ein duftendes Bad oder die Seele streichelt wie eine große Tasse heiße Ovomaltine, ins Schöner-Wohnen-mäßige kippt. (Nicht umsonst ist Kari Bremnes aufgrund ihrer glasklar produzierten CDs vor allem in Audiophilen-Kreisen ein Begriff, wobei ich mir nie sicher bin, ob diese Klientel wirklich die Musik gut findet oder nur froh ist, dass ihr Esoterikkram Highend-Spielzeug auch mal für was gut ist…) Das Live-Erlebnis, so sollte sich herausstellen, rettete gottlob vor zuviel Sterilität – auch wenn Keyboarder Bengt Hanssen auf der Bühne dieselben, eine Spur zu überzüchteten Edel-Klaviersounds verwendet wie im Studio.

Es war wieder einmal die hallige Akustik des Parktheaters, die manches, was die  famosen Musiker da produzierten, ein bisschen verschwimmen oder zu wummerig klingen ließ. Die Tontechnik verstand aber das Beste daraus zu machen, und so störte dieser kleine Fehler nicht zu sehr. Das Beeindruckendste war ohnehin, wie die (un-fucking-fassbar!) knapp 56jährige Bremnes da bescheiden am Mikro stand (bzw. saß) und die Zuhörer ohne große Gesten allein mit ihrer stillen Anmut und ihrer geschmeidigen Samtstimme in ihren Bann zog.

Das Publikum im nicht ganz vollen Theater war eher übersichtlich und vielleicht einen Tick zu entschlossen, an diesem Abend eine „ganz große Künstlerin“ zu bejubeln – aber die Leute hörten sehr aufmerksam zu, zeigten sich von ganzem Herzen dankbar und wollten Kari Bremnes am Ende kaum von der Bühne lassen. Und einig waren sich – wie sich auch an den Abstimmungssäulen am Ausgang zeigte (siehe Foto) – wohl am Ende alle: Die Frau darf wiederkommen.

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