Feldpost

von amfenster

CD-Kritik: The Seer – „Wide Eyed Walker“

Zuerst die gute Nachricht: The Seer haben nach einem sehr, sehr guten Album ein ziemlich bis sehr gutes Album gemacht. Nach „Heading For The Sun“ lag die Messlatte dermaßen hoch, dass die Augsburger beim Nachfolger immer noch hoch erhobenen Hauptes drunter durch marschieren hätten können, ohne dass ihnen das zu verübeln gewesen wäre. Und im Grunde machen sie auch genau das.

Die Songs auf „Wide Eyed Walker“ sind allesamt gut und fallen dabei vielseitiger aus als auf dem Vorgänger. So orientieren sich etwa „The Evidence“, „Tell It Like It Is“ oder „Sirens“ am fröhlichen Hurra-Folkrock früherer Jahre, der auf „Heading For The Sun“ ja kaum noch wahrzunehmen war, ohne dabei zu plumpen 08/15-Spaßnummern zu werden, wie sie etwa noch auf dem Vor-Vorgänger „Arrival“ zu finden waren. Allein „The Answer“ droht ein wenig in diese Richtung zu kippen.
Auf der anderen Seite treiben The Seer ihr sehr erwachsenes Songwriting behutsam weiter in neue Gefilde. „Parallel World“ etwa lotet die Parallelwelt der 6/8-Ballade aus. „Our Story“ dagegen mag von der Komposition her eher mäßig interessant sein, enthält aber neben spacigen Synthiestring-Sounds und einem fast schon loungigen Beat das definitiv coolste Gitarrensolo der Bandgeschichte. Dazwischen findet sich der für The Seer inzwischen typische, reife Pop-Rock mit Hand, Fuß und Herz, der mal als treibender Über-Ohrwurm („Gone Forever“), mal als Midtempo-Hymne („Frozen Fields“), mal als herzzerreißend schöne Ballade in der Traditionslinie von „Man Behind Your Sky“ und „Try“ daherkommt („Losing My Head“). Dass es dabei zeitweise etwas belangloser zugeht („Servants Of Time“, „Our Story“) als auf dem in puncto Songauswahl absolut zwingenden Vorgänger, ist zu verschmerzen.

Was „Wide Eyed Walker“ neben den gelungenen Songs wirklich auszeichnet, ist der abwechslungreiche, dabei aber trotzdem homogene Sound, den die Band erneut mit Chris Wolff als Produzent erarbeitet hat. Der in erster Linie durch Jo Cordas Saiten-Arsenal besorgte Folk-Touch ist diesmal wieder etwas prominenter, fügt sich aber perfekt in den makellosen Pop-Rock und bereichert ihn so unaufdringlich wie effizient. Daneben machen viele Akustikgitarren, die Pfeifentöne des Stamm-Gastmusikers Konrad Stock, interessante Drumsounds und von The Seer bislang kaum gehörte Klavierklänge das Album zu einem der vielseitigeren in der Band-Diskographie. Und wer von The Seer redet, darf nicht von den Backgroundchören schweigen – ein inzwischen meisterhaft beherrschtes Markenzeichen, das die Band auch hier wieder zielsicher einzusetzen weiß.

Das geniale Covermotiv aus dem „Gone Forever“-Video und das konsequent durchgezogene, schnörkellose Artwork sind da nur noch das Tüpfelchen auf dem i. „Wide Eyed Walker“ dürfte einer der oberen Plätze in den ewigen The-Seer-Charts sicher sein.

Und nun die schlechte Nachricht: Das neue The-Seer-Album „Wide Eyed Walker“ ist kaum anhörbar.

Das liegt nur zum Teil an der Unart, praktisch jeden Song spätestens im Refrain mit einem grellen oder auch mal grummeligen E-Gitarren-Teppich zu unterlegen. Ja, The Seer sehen sich vor allem als ROCK!!!-Band, Botschaft angekommen. Aber der Wille zur Abwechslung sowie das entsprechende Können sind ja vorhanden, und warum man dann z.B. eine von fluffigen Akustikgitarren getragene Naturschönheit wie „A Man’s Coming Home“ derart aufschminken muss oder dem tollen Satzgesang in „Your Song“ nicht mehr Luft zum Atmen gewährt, entzieht sich meinem Verständnis. Aber das mag noch als schlechte Angewohnheit durchgehen, über die man eventuell mit einem Zähneknirschen hinwegsehen könnte, weil der Rest ja stimmt.

Dies wird nun aber durch das eigentliche Problem verhindert: den auf maximale Lautheit ausgelegten Mix, mit dem die „druckvolle“ Produktion erkauft wurde – ein viel zu hoher Preis! Der Sound ist von Anfang bis Ende permanent am Anschlag und stresst mit überpräsenten Drums und E-Gitarren dermaßen aus den Boxen, dass das Anhören nach kürzester Zeit ziemlich ermüdend ist. Man fragt sich, wie sowas das Studio verlassen konnte, ohne dass beim Mastering jemand an Ohrenbluten gestorben ist (zumindest ist nichts Gegenteiliges bekannt).
Es ist so schade: In den exquisiten Arrangements stecken ja ganz offensichtlich viele tolle Ideen und Klänge drin – aber all diese herrlichen Farbtupfer werden von der Wucht des Gesamtsounds einfach plattgewalzt, und keiner tut was dagegen. Am liebsten würde ich den Toningenieur nochmal ans Mischpult ketten, bis er eine un- oder wenigstens weniger aggressiv komprimierte Version des Albums angefertigt hat – eine solche wäre nämlich ohne Zweifel ziemlich großes Kino. So aber ist das, was eigentlich ein von den Kompositionen über die Arrangements bis hin zum Booklet rundweg gelungenes Album wäre, vor allem eine Feldpostkarte aus dem Loudness War.

Es ist ein großer Jammer.

(Disclaimer, eine kleine Inkonsistenz meinerseits betreffend:
Vermutlich gilt das alles auch für die von mir so verehrte „Heading For The Sun“, ohne dass es mich dort bisher gestört hätte. Vielleicht hat es besser zu deren homogenerem Nach-vorne-Sound gepasst, vielleicht war sie nicht ganz so böse komprimiert, oder vielleicht war ich auch einfach nur weniger empfindlich. Keine Ahnung. Werde mir das Album daraufhin nochmal reinziehen.)

 

Update 30.08.2013

Nach einem knappen Jahr und derzeit wieder verstärkter Rotation der CD in meinem Player muss ich meine Einschätzung etwas korrigieren: „Wide Eyed Walker“ ist wohl wirklich das bislang beste Album von The Seer. Das Ungewöhnliche an „Heading For The Sun“ war, dass es praktisch keine Durchhänger in der Qualität der Songs gab. Die leistet sich „Wide Eyed Walker“ zwar durchaus (nennen wir ruhig Namen: „Tell It Like It Is“ und „The Answer“ sind nach altbewährtem Muster gestrickte Haudrauf-Nummern, wie es sie auf „HFTS“ nicht gab), alle übrigen Songs aber spielen doch nochmal eine halbe bis ganze Liga höher als die auf „Heading For The Sun“.

Schier unglaublich, dass das dieselbe Band ist wie auf „Across The Border“. Und noch unerklärlicher, wie sie es schaffen, die alten Zeiten so weit hinter sich zu lassen ohne sie zu verraten, gleichzeitig völlig anders als damals und doch ganz und gar bei sich selbst zu sein.

Und: Wenn ich genau einen Song hätte, um jemandem The Seer zu erklären – es gäbe für mich keine eindeutigere Wahl als „Sirens“.

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