Take a wide eyed walk with me

von amfenster

The Seer sind zurück – letzten Freitag erschien mit „Wide Eyed Walker“ das neueste Œuvre der Augsburger. Zu diesem Anlass fand sich Frontmann und Gitarrist Shook freundlicherweise bereit, auf einen wide eyed talk am Fenster vorbeizuschauen und über das neue Album und einiges mehr zu sprechen…

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Am Fenster: „Wide Eyed Walker“ – wenn Du das Album in einem Satz beschreiben müsstest, wie würde der lauten?

Shook: Für mich ist es ein sehr abwechslungsreiches Album, mit unterschiedlichen Instrumentierungen, unterschiedlichen Arrangements, irgendwo aber auch ein klassisches Pop-Rock-Album, und zeigt alle Facetten, die wir momentan so in unserer Komposition drinhaben.

Was hat es mit dem Albumtitel auf sich? Es ist ja kein Songtitel…

Wir hatten das ja schon ein paar Mal, dass wir wirklich einfach Songtitel genommen haben – „Across The Border“ oder „Own World“ zum Beispiel. Bei „Wide Eyed Walker“ hat die Sache eigentlich unterschiedliche Quellen. Wir haben das beim letzten Album auch schon so gemacht, dass wir uns alle auf die Suche gemacht haben nach coolen Albumtiteln, und eine gute Fundgrube sind Songtexte von allen möglichen Bands. Und ich hab da bei mir zuhause ein Album entdeckt von den Fleet Foxes, das ich bisher gar nicht so intensiv angehört habe, und im letzten Song kommt wide eyed walker vor. Bei mir war dann sofort die Verbindung da zu unserem Video zu „Gone Forever“. Da spielen ja lauter Kinder, und am Schluss schaut die Hauptdarstellerin mit großen Augen in die Welt – oder in die Kamera –, und ich hatte da gleich dieses Bild vor Augen. Wide eyed walker ist ja eigentlich jemand, der mit offenen Augen durch die Welt geht und Dinge aufnimmt. Aber es hat im Amerikanischen auch diese Nebenbedeutung von: man bestaunt etwas, und das hat auch immer so den Unterton von etwas Naivem, also man nimmt unvoreingenommen die Dinge wahr. Und das ist ja auch der kindliche Blick. So ist dann die Verbindung dagewesen zum Video zu „Gone Forever“. Und von daher ist das dann der Albumtitel.

Ist das dann auch was, wo ihr euch als Band seht: Die Augen offen halten und auch diesen kindlichen Blick nicht verlieren?

Ja, eigentlich schon. Die Songtexte basieren alle irgendwo auf Erfahrungen oder auf Gefühlen, die man gehabt hat. Wir sind jetzt auch nicht mehr so ganz jung, und das sind schon Dinge, die wir alle erlebt haben oder die wir gefühlt haben. Man muss ja die Dinge irgendwo wahrnehmen. Wenn man blind vor sich hinlebt und eigentlich gar nicht checkt was abgeht, dann fallen einem ja auch keine Songtexte ein.

Es fällt sofort auf, dass ihr sehr interessante und verschiedene Sounds auf dem Album habt, die man so von euch auch noch nicht unbedingt gehört hat. Wo seht ihr selbst als Band oder auch Du persönlich die Weiterentwicklung gegenüber „Heading For The Sun“, oder auch den Alben davor?

Also wenn ich das jetzt vergleiche… „Heading For The Sun“ war ja wirklich immer auf die Zwölf. Das Album ist ja ziemlich laut, und ich hatte zum Beispiel das ganze Album eigentlich mit einem Gitarrensound gespielt. Das war ein total geiler Amp, den ich damals hatte, den haben wir einfach aufgerissen bis zum Gehtnichtmehr, und das war dann eigentlich der Grundsound für das ganze Album.
Bei „Wide Eyed Walker“ war es nun so, dass ich sämtliche Balladen auf dem Album geschrieben habe, und da will man dann auch mal andere Gitarrensounds einsetzen. Und da waren wir diesmal sehr abwechslungsreich. Ich habe auch mit einem anderen Amp gearbeitet, der diese verschiedenen Sounds auch hergibt, so dass die Gitarrensounds eigentlich bei jedem Song andere sind. Das hat mir schon sehr viel Spaß gemacht. Ansonsten sind wir keyboardmäßig einige Male auf Neuland getreten. Solche Klaviersounds hatten wir eigentlich bisher auf keinem einzigen Album, das ist jetzt zum ersten Mal da, und ich finde das wirkt eigentlich sehr sehr gut. Am Anfang haben wir ein bisschen Probleme gehabt, uns damit anzufreunden… Aber jetzt zum Beispiel bei „Parallel World“ finde ich das Klavier einfach großartig, das hat dann halt einen ganz anderen Charakter. Ich finde, dadurch wird auch das ganze Album abwechslungsreicher, weil wir einfach mit unterschiedlichen Sounds arbeiten.

„Servants Of Time“ fängt ja wirklich an wie eine Pianoballade, was man von euch so noch gar nie gehört hat.

Genau. Aber dieses Klavier-Riff war von Anfang an da. Wir haben fast alle inzwischen kleine Heimstudios, wo wir die Songs schon als Demo aufnehmen. Bei „Servants Of Time“ habe ich zuerst dieses Klavier-Riff gehabt und daraus dann eigentlich schon den Song entwickelt. Wobei ich nicht Klavier spielen kann… Ich drück da halt, wo ich meine, dass es klingt… Aber mit der Hilfe moderner Computertechnik kann man das auch so hinschieben, dass es dann stimmt. Bei der Produktion reichen meine Klavierfähigkeiten nicht mehr aus. Da muss dann einer der Keyboarder ran, entweder Chris Wolff, der Produzent, oder eben mein Bruder, der ja Klavier spielt.

„Wide Eyed Walker“ ist jetzt schon das zweite Album, das ihr mit Chris Wolff gemacht habt. Ganz offensichtlich, oder hörbar vielmehr, eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit. Wie habt ihr als Band denn diese Zusammenarbeit erlebt, oder was zeichnet die Zusammenarbeit aus, auch gegenüber euren bisherigen Produzenten?

Ein Riesenunterschied ist natürlich schon mal der, dass er Deutsch spricht. Das hatten wir ja bisher nie, und das erleichtert natürlich einiges. Obwohl unsere Englisch-Fähigkeiten ja eigentlich auch ganz gut entwickelt sind – es ist was anderes, sich in der Muttersprache zu unterhalten, gerade über Musik, wenn es um Feinheiten geht. Und der Chris ist wahnsinnig umgänglich, da hat sich ein sehr freundschaftliches Verhältnis aufgebaut, und einer, der sehr gute eigene Ideen in die Produktion einbringt. Das finde ich schon echt spitze. Er ist ja selber Schlagzeuger und Pianist, und gerade an den Drum-Arrangements klinkt er sich voll ein… Er ist sehr akribisch beim Arbeiten, gerade was die Gesangsaufnahmen angeht… Da ist er wahnsinnig penibel und es dauert lang, bis man diese Takes hat. Aber das ist gut, weil er einen nicht bei so halbseidenen Sachen stehen lässt, sondern man versucht dann echt das Optimum rauszuholen. Vor allem die Gesänge gefallen mir eigentlich sehr gut auf dem neuen Album, ich finde, das ist echt gut geworden.

Ihr habt ja relativ früh angefangen, die Werbetrommel für das neue Album zu rühren. Das fing an mit Studioberichten auf eurer Website, und je näher es dann auf die Veröffentlichung zugegangen ist, habt ihr dann auch Einblicke in die Videodrehs gegeben, in das Artwork usw. Wie kam’s dazu?

Eigentlich kam sehr viel über die Videos, die hatten wir ja bisher auch nicht. Das gab uns die Möglichkeit, die Infos so langsam rauszulassen, weil das ja auch interessant ist für die Leute. Wir wollten einfach Spannung aufbauen, die Leute vorher schon aufmerksam machen. Wir haben ja jetzt auch keine riesige Werbemaschinerie hinter uns, sondern es muss sehr viel von uns kommen, und unser Hauptmittel sind eben die Homepage und unsere Band-Rundbriefe. Und es ist einfach gut, wenn auf der Homepage was passiert – wir hatten da ja lange Zeit ein bisschen Funkstille –, und ich glaube es ist interessant für die Leute, wenn sie jede Woche mal draufschauen und es ist was Neues da. Da haben wir jetzt versucht, dieses Medium einfach optimal für uns auszunützen und die Leute heißzumachen auf das Album. Und das ist eigentlich ganz gut gelungen. Ich hoffe, niemand ist genervt von zu viel Info vorab… Aber ich glaube, es war eigentlich in einem sehr guten Rahmen. Wir haben ja diese kleinen Berichte geschrieben und haben jetzt angefangen, auch bei den Gigs hinter der Bühne immer mal wieder kleine Statements zu drehen. Da waren wir früher ein bisschen faul, und inzwischen haben wir entdeckt, dass das auch Spaß machen kann, und so kommen die Leute in den Genuss.

Du hast schon die Videos angesprochen. Das sind richtig aufwendig produzierte Mini-Filme, und das ist ja wirklich Neuland für euch. Wie kam’s denn dazu?

Das kam über eine persönliche Connection. Die Nichte unseres Schlagzeugers, Sophia, und ihr Freund Robert sind in Stuttgart an einer Filmhochschule. Die sind den ganzen Tag mit der Kamera unterwegs und drehen kleine Filme, fotografieren auch wahnsinnig viel…Und die hatten dann mal die Idee, diese Videos zu drehen. Wir haben uns dann Filme von ihnen angeschaut. Ich war da wirklich total überrascht, weil wir auch schon mal eine negative Erfahrung gemacht haben beim Videodreh, bei unserem ersten Album, das war einfach richtig popelig. Die Videos, die Sophia und Robert gedreht hatten, die hatten eine total coole Ästhetik, das sah überhaupt nicht popelig aus, sondern nach super Kopf-Filmen. Und da haben wir gedacht, das könnte richtig gut werden. Die beiden haben sich dann voll reingekniet und haben zu verschiedenen Songs Storyboards entwickelt, und das hat uns dann richtig umgehauen. Gut, wir hatten ja nicht so viel Arbeit mit den Videos. Wir waren mal einen Tag beim Dreh, das ist auch anstrengend, da mal einen Tag lang zu acten. Aber die Hauptarbeit haben die beiden gehabt, das Ganze dann zusammenzuschneiden, die waren monatelang beschäftigt. Wir sind froh, und ich finde, hinter den Filmen steckt auch einfach eine gute Idee.
Es kommt noch ein Video zu „Losing My Head“, das ist noch in der Mache, und das wird für mich der Oberknaller. Vielleicht wird das ja auch noch eine Single, und dann würde das sehr gut passen.

Die Videos kamen also nach den Songs?

Das kam nach den Songs, ja.

The Seer – ‚Gone Forever‘. Directed by Sophia Magdalena Koegl & Robert Dziabel

Jedenfalls haben sie den Beweis erbracht, dass die Musik von The Seer auch zu bewegten Bildern funktioniert. Könntet ihr euch vorstellen, in der Richtung noch mehr zu machen, vielleicht sogar bis hin zu Filmmusik?

(überlegt) Nein, das ist momentan kein Thema, dass wir für Filme Musik machen, nein. Ich glaube, das wäre nicht so unser Ding, als Band gemeinsam wären wir überfordert. Wenn, dann müsste das einer von uns alleine machen, der sich dann darauf konzentriert, dann könnte ich es mir vielleicht schon vorstellen.
Aber mehr mit Videos zu arbeiten ist natürlich total cool, weil so ein Song durch das Video einen komplett anderen Charakter bekommt. Wenn du, jedesmal wenn du den Song hörst, dann diese Bilder im Hinterkopf hast, dann hört man plötzlich die Musik einfach auch anders. Von daher ist das sehr sehr wichtig. Schade, dass wir nicht schon früher damit angefangen haben!

Naja gut, es ist ja nie zu spät.

Es ist nie zu spät.

Lass uns mal ein bisschen in die Bandgeschichte eintauchen. Zunächst mal zu euren Jahren bei der BMG. Damals habt ihr ziemlich geackert, und mit „Please“ ja dann letztlich auch einen Radio-Hit gehabt. Wie realistisch war denn damals „der Durchbruch“ für euch?

Das war vor allem nach dem ersten Album realistisch, das hat echt richtig gut eingeschlagen. Hat dann auch dazu geführt, dass ich zwei Jahre lang eigentlich nur noch Musik gemacht habe. Da waren auch die familiären Verhältnisse noch anders, man brauchte nicht so viel Kohle zum Leben. Und da hatten wir schon die Hoffnung, dass das werden könnte, so richtig mit hauptberuflicher Profikarriere. Hat auch kurzzeitig funktioniert, wir haben ja wahnsinnig viele Konzerte gespielt in dem ersten Jahr. Dann kam uns wohl auch die Umstrukturierung des ganzen Musikmarktes nicht mehr entgegen. Wir haben mit dem ersten Album wirklich wahnsinnig viele CDs verkauft. Das ist dann immer weniger geworden, und das lag ja nicht nur an der Musik, sondern auch daran, dass die CDs kopiert wurden, und dann kamen die Downloads und die Internetverbreitung noch dazu… Uns hat das so gerade erwischt, als es bei uns eigentlich so richtig abgegangen ist.
Aber es muss auch ein bisschen Eigenkritik sein – ich finde, wir haben auch das zweite Album ein bisschen versemmelt. Also es ist ein gutes Album geworden, aber es war überhaupt kein Radiohit drauf, und da hätten wir einfach nachlegen müssen. Wir haben nach dem ersten Album wirklich nur gespielt, gespielt, gespielt und uns feiern lassen, und dann sind wir nach England ins Studio gegangen für das zweite Album und hatten eigentlich gar keine wirklichen Songs komponiert, sondern viele Songs, die wir schon früher hatten, und wenige neue, und da waren wir einfach noch nicht erfahren genug. Also wenn ich mir denke, was wir inzwischen für ein Songwriting, für Vorlaufprozesse haben bei den Alben, das war damals überhaupt nicht. Ich glaube, die Plattenfirma hat auch gedacht: Ja, das läuft jetzt alles von alleine, das machen wir schon, und hatte da vielleicht ein bisschen zu großes Vertrauen… Jetzt im Nachhinein würde ich sagen, hätte man da schon noch professioneller rangehen müssen. Also wenn wir jetzt „Wide Eyed Walker“ als zweites Album gebracht hätten, dann wär’s vielleicht anders gelaufen…

„Own World“ war damals natürlich auch ein tolles Album, aber es ist aus heutiger Sicht fast ein bisschen zu perfekt  produziert. Es glänzt, aber der letzte Funke fehlt irgendwie.

Es ist ja von ganz vielen das Lieblingsalbum. Hört man immer wieder beim Merchandising oder so… Es verkauft sich nach wie vor, und die Leute sind immer noch begeistert davon. Ich find’s auch schön, es anzuhören, aber es hat halt nicht so die ultimative Power, finde ich, das fehlt dem Album.

Um nochmal auf die Frage zurückzukommen: Zeitweise war das schon euer Ziel, den Durchbruch zu schaffen? Oder war das doch eher die Einstellung: Wär schön wenn’s klappt, aber wenn nicht, sind wir nicht unglücklich?

Das war sicher unser Ziel ursprünglich, vollkommen. Inzwischen haben sich unsere ganzen Lebensverhältnisse so gewandelt, dass wir eigentlich momentan total zufrieden sind, wie’s läuft. Wir haben eine super Möglichkeit Musik zu machen, wir können CDs aufnehmen, wir können live spielen, und haben eigentlich auch keinen Stress bei der ganzen Geschichte und keinen Druck. Diese Einstellung hat sich sehr bald rausgestellt. Ich würde sagen, nach dem „Organic“-Album ist es langsam dazu übergegangen, dass wir gesagt haben: Okay, wir machen jetzt die Musik so, wir genießen das in vollen Zügen, aber haben keinen Druck mehr, dass wir jetzt irgendwelche Hits schreiben müssen. Auf der anderen Seite braucht man ein bisschen Erfolge, um die Sache am Leben zu halten, und bisher ist das ja eigentlich ganz gut gelaufen.

Weil Du gerade die Zeit nach „Organic“ angesprochen hast: Da hattet ihr keinen Vertrag mehr mit einem Majorlabel. War das auch irgendwo eine Krisenzeit?

Eigentlich gar nicht. Da kam ja dann das „Rise“-Album, und das wurde auch sehr aufwendig produziert, wir waren da in einem richtig großen Studio in Regensburg, zusammen mit Ken Rose, und haben da aufgenommen. Das Album ist also unter höchstprofessionellen Voraussetzungen entstanden. Aber wir haben bei „Rise“ glaube ich schon ein bisschen den Fehler gemacht, dass wir die Dinge zu sehr aus der Hand gegeben haben. Wir haben uns gedacht: Der Produzent macht das schon alles, und der hat ja auch gute Ideen, und haben ein bisschen zu wenig Input gegeben von unserer Seite. Ich würde sagen, in der Zeit haben wir ein bisschen gepennt oder uns ein bisschen zu sehr zurückgelehnt und gesagt: Ja okay, wir schreiben unsere Songs und nehmen im Studio auf und dann ist auch wieder gut. Da muss man heutzutage einfach mehr bieten, man muss umtriebig sein im ganzen Umfeld und versuchen, sich auch in der Produktion noch mehr zu engagieren, voll dabei sein, dann kommt einfach was Besseres raus. Und ich finde, die letzten beiden Alben sind auch ein Beweis dafür, dass es gut ist, eine gute Kooperation mit einem Produzenten zu machen, aber sich selber auch richtig reinzuknien in die Produktion.

Bei „Rise“ war sehr auffällig, dass ihr euch im Songwriting ziemlich weiterentwickelt hattet, aber von der Produktion her… es klang halt dann irgendwie nicht mehr so wirklich nach The Seer.

Ja… Man hat immer so eine Hitliste der eigenen Alben, und da ist „Rise“ bei mir ganz unten. Das heißt nicht, dass ich’s schlecht finde, aber ich mag wirklich alle anderen lieber, und… Sagen wir mal, da steckt mir zu wenig von uns selber drin. Aber daran sind wir selber schuld.

Ihr spielt auch keinen Song mehr von dem Album, oder?

Nein, obwohl wir relativ lang ein „Walking Alone“ im Programm hatten. Und es ist ein Lied drauf, das ich wirklich hervorragend finde, nämlich „Company“. Das finde ich einen unserer besten Songs ever (lacht), aus dem hätte man noch mehr machen können. Den finde ich auch soundmäßig wirklich hervorragend.

2005 kam dann „Arrival“, da war mein Eindruck, dass ihr viel entspannter drauf wart als bei „Rise“ zum Beispiel. War das vielleicht auch der Punkt, an dem ihr euch mit eurem Status abgefunden habt oder auch ganz zufrieden damit wart, dass da jetzt keine große Plattenfirma mehr ist, die unbedingt einen Hit sehen will?

Wir hatten bei „Arrival“ schon ein Label, das das Ganze rausgebracht hat, also das war jetzt nicht so ohne Plattenfirma produziert. Aber sagen wir mal, wir waren wirklich stärker auf uns gestellt, der damalige Produzent hat uns da mal machen lassen. Ich kann mich erinnern, dass die Produktion einen riesen Spaß gemacht hat, wir hatten da unser Studio zum ersten Mal richtig am Start und hatten da unglaublich Equipment aufgetan und haben selber über Monate dran gebastelt und aufgenommen. Da steckt wirklich sehr sehr viel von uns drin. „Arrival“ ist auch wieder so ein Stück ungeschliffener, wenn man es mit den Vorgängern, mit „Rise“ zum Beispiel vergleicht. Es lebt mehr und hat gute Songs, die vielleicht noch ein bisschen exakter ausarrangiert werden hätten können, aber es hat Energie und Potenzial, und es hatte einige starke Songs drauf.

Seit einigen Jahren seid ihr jetzt bei dem Label F.A.M.E., das ist ja ein bisschen eine Anknüpfung an eure Ariola-Zeit, über euren damaligen A&R-Manager Tom Büscher…

Genau. Als wir mal im Schlachthof gespielt haben – das war die „Arrival“-Tour glaube ich –, da war er zufälligerweise im Publikum. Naja, nicht zufälligerweise, sondern er ist natürlich bewusst hingegangen um uns mal wieder zu hören… Da haben wir „Man Behind Your Sky“ gespielt, das ist vom ersten Album und war immer sein Lieblingssong. Da ist ihm das Herz aufgegangen, und da sind ihm die Tränen gekommen… Und dann kam er nachher hinter die Bühne und hat gesagt: Wir müssen jetzt unbedingt wieder was gemeinsam machen. Wir haben dann bei der Live-DVD und dem zweiten Live-Album zum ersten Mal zusammengearbeitet. Ja, und Tom Büscher hat auch wieder die Connection zu Chris Wolff gehabt, die haben gemeinsam schon einiges gemacht. Das war eigentlich eine schöne Rückkehr an die Anfänge, und wir sind ja nach wie vor mit ihm zusammen.

Wie läuft die Kooperation mit dem Label? Habt ihr von deren Seite irgendeinen Druck, was Verkaufszahlen angeht, oder Promoarbeit etc.?

Nein, gar nicht, die machen da überhaupt keinen Druck, die sind da sehr realistisch, und lassen uns auch beim Songwriting große Freiheiten. Tom gibt gern seine Statements ab zu den Songs, und wir hören auch gern seine Anregungen oder seine Kritik, aber wenn wir dann im Endeffekt was machen wollen, dann dürfen wir das auch durchziehen, also da gibt’s keine Beschränkungen von seiner Seite her. Und ansonsten ist es ein kleines Label, aber sie sind schon gut am Start und tun auch viel, und wir sind sehr glücklich bei denen.

Wie sehen eure Verkaufszahlen aus?

Da frägst Du jetzt genau den Falschen, ich hab wirklich keine Ahnung, was wir von den Alben verkaufen. Am Anfang, beim ersten Album war ich da noch informiert, aber inzwischen hab ich keine Ahnung mehr. (lacht)

Aber rechnet sich so eine CD-Produktion noch für euch?

Ich fürchte, bei uns hat sich noch keine einzige CD gerechnet. In den neunziger Jahren waren die Produktionen so unfassbar teuer, dass auch gute Verkaufszahlen das nicht reingespielt haben. Aber ich denke, dass auch eine Plattenfirma da irgendwie auf ihre Kosten gekommen ist, auf andere Wege, also nicht über die direkten CD-Verkäufe.
Ansonsten ist es heutzutage schon wieder leichter, dass es sich rechnet, weil die Produktionskosten wesentlich niedriger sind. Man muss keine Studios mehr anmieten, sondern du kannst alles überall aufnehmen. Du kannst heutzutage für wenig Geld CDs aufnehmen und die dann auch viel selber vertreiben, auf den Konzerten zum Beispiel. Also man kann da auch ganz gut über die Runden kommen. Aber früher… Es ist ja aberwitzig, was wir früher für CD-Produktionen ausgegeben haben, oder was die Plattenfirma ausgegeben hat, das ist ja unfassbar. Das ist heutzutage undenkbar.

Es ist aber doch bemerkenswert, dafür dass ihr eben kein großes Majorlabel im Rücken habt und auch viel selbst macht, dass ihr trotzdem so ein gewisses professionelles Level einfach haltet.

Ich finde, das muss auch so sein, und ich glaube, wenn wir das nicht mehr machen können, dann würden wir auch nicht mehr weitermachen. Also nur so zum Spaß irgendwie rummusizieren, das wäre nicht so unseres. Wir wollen schon immer ein Projekt vernünftig abschließen, das gehört für mich irgendwie dazu. Ich bin kein Feierabendjammer, der am Freitagabend zu ner Jamsession geht und dann da glücklich ist. Wir haben halt immer klare Projekte und die ziehen wir durch, und das macht mir dann Spaß.

„Heading For The Sun“ wurde auf diversen Heavy-Metal-Seiten sehr wohlwollend rezensiert, natürlich immer ein bisschen mit dem Exoten-Stempel, weil ihr ja logischerweise auch keinen Heavy Metal macht… Folker seid ihr auch nicht, andererseits spielt ihr regelmäßig auf diversen Folk-Festivals. Irgendwie scheint The Seer in keine Schublade reinzupassen, obwohl ihr mit eurem Sound ja doch eher im Mainstreambereich angesiedelt seid. Wo würdet ihr euch denn selber einordnen?

Also ich würde es schon eher irgendwo im Mainstreambereich ansiedeln. Aber wir hatten früher sehr stark diese keltischen Anklänge in den Songs und haben sie jetzt eigentlich immer weniger, nicht mehr zwangsweise, sondern halt wenn wir Lust dazu haben. Und es ist natürlich nicht so uninteressant, in dieser Folkszene so ein bisschen mitzumischen, weil man dann gleich mögliche Festivals hat, wo man spielen kann. Es hat also einfach viele Vorteile, in so einer Szene drin zu sein. Aber so richtig haben wir halt auch nie dazugehört, weil die Leute auch wissen, dass wir keine Folkband sind, und wir sagen das ja auch gar nicht. Aber sie sind oft auch froh, wenn auf so einem Festival mal andere Töne erklingen. Von daher sind wir da ganz gut aufgehoben. Zum Teil ist es aber auch schwierig, weil man dann diesen Folk-Stempel hat, obwohl man ihn eigentlich gar nicht bekommen sollte, und das ist dann beim Radio zum Beispiel wieder eher hinderlich. Folkbands finden in den großen Radiostationen weniger statt. Also so sitzen wir ein bisschen zwischen den Stühlen.

Apropos Radio: Wie läuft es jetzt für „Gone Forever“, wird das gespielt?

Ja, momentan schaut’s ganz gut aus. Wir sind jetzt schon ein paar Mal auf Bayern 3 gelaufen, und es wäre sehr schön, wenn sich das so weiterentwickelt. Aber dazu ist es noch zu frisch momentan. Wir haben ein paar Radiostationen, aber das ist noch kein Flächenbrand. Ich weiß nicht, ob’s einer wird. Vielleicht… Das wäre mal echt hilfreich, muss ich schon sagen. Aber wir sind jetzt schon zufrieden, dass Bayern 3 ganz positiv reagiert hat.

Ihr habt ja seit neuestem eine sehr eifrige Unterstützerin in Schottland, Fiona, die euch da mit sehr großer Begeisterung promotet, und bei Facebook sehr aktiv ist… Ihr erklärtes Ziel ist es, euch nach Britannien zu holen. Dürfen wir uns schon mal darauf gefasst machen, dass The Seer the next big thing in Britannien wird?

Schau mer mal! Ich bin immer sehr vorsichtig bei solchen Sachen… Fiona ist da sehr umtriebig, also man kann ihr alles zutrauen. Aber momentan ist da noch gar nichts spruchreif, also ob wir mal wieder in England spielen oder in Schottland oder nicht. Aber manchmal ist ja der Prophet im eigenen Lande nicht so viel wert, und dafür weiter weg… Schau mer mal, also mich würd’s freuen.

Also ihr würdet euch dem nicht verschließen?

Nö, gar nicht. 

Zum Schluss eine fiese Frage, weil jetzt gerade das neue Album draußen ist und das jetzt natürlich euer neues Baby ist. Trotzdem: Wisst ihr schon wie es weitergeht mit The Seer? Habt ihr schon irgendwelche Pläne für die nächste Zeit oder auch die nächsten Jahre?

Tja. Jetzt erstmal ein bisschen das Album promoten, ein paar Live-Gigs spielen über den Winter, und dann werden wir uns wahrscheinlich schon nächstes Jahr irgendwann mal zusammensetzen und überlegen, wie’s weitergehen soll. Momentan ist das schwierig zu sagen. Ich könnte mir schon vorstellen, dass wir dann recht bald wieder ein neues Album angehen wollen, weil eben das Songwriting so wahnsinnig viel Spaß macht. Und dann hier die Demos zu produzieren und mit den Jungs gemeinsam dann die Songs auszuarbeiten. Also das könnte schon sein, dass wir nächstes Jahr wieder ein neues Projekt angehen.

Vielen Dank für das Gespräch.

The Seer – ‚The Evidence‘. Directed by Sophia Magdalena Koegl & Robert Dziabel