Sowas kommt von sowas (aber nicht von sowas)

von amfenster

Liebe Leute,

ihr empört euch also rechtschaffen darüber, dass die Stadtwerke München am Platz der Opfer des Nationalsozialismus Arbeiten „am Gasnetz“ durchführen und ruft laut „Fail!“, wenn eine Buchhandlung das Tagebuch der Anne Frank zwischen albernen Dummfrauen- und Liebe-unter-Palmen-Romanen platziert. Nun sind das ohne Frage Gedankenlosigkeiten, die man unsensibel, peinlich, grotesk oder auf eine schwarzhumorige Art lustig finden kann – oder auch einfach so egal, wie sie im Grunde sind. Ähnlich wie das (bislang nicht inkriminierte) Musikvideo, in dem die israelische Sängerin Daliah Lavi neben einem Güterzug einer prominent ausgeschilderten „Autorampe“ entgegentanzt.

Sensibilität und Wachsamkeit in allen Ehren, aber bitte: Das Problem sind doch keine ungeschickt formulierten Infotafeln. Ich habe ein bisschen Angst, dass beim Hyperventilieren über Nebensächlichkeiten der Blick auf die Dinge verlorengeht, über die man sich wirklich lautstark aufregen müsste. Und davon gibt es weißgott mehr als genug.

Antisemitische Klischees feiern fröhliche Urständ, ob es nun der kinderfressende Jude („… aber die palästinensischen Kinder!“), der kapitalkräftige Strippenzieher oder die finstere Weltregierung ist. Eine Debatte über die rituelle Beschneidung von jüdischen und muslimischen Jungen wird gar mit einer Aggression und Rechthaberei geführt, dass sich eine besonnene Frau wie Charlotte Knobloch dazu veranlasst sieht, die Schicksalsfrage zu stellen. Die Empörung darüber, wie hier ganzen Bevölkerungsgruppen pauschal ein Hang zur Barbarei unterstellt wird (die ihnen – im Fall der Juden – noch dazu blöderweise zugestanden werden müsse, weil die hier zufällig noch was gut haben) erschallt nicht halb so laut wie die Vorhaltungen selbst.

Er kommt mal mehr, mal weniger gut getarnt oder aktualisiert daher, der Antisemitismus, aber er ist immer auf uralte Stereotype rückführbar, dank Holocaust sogar um eine Facette reicher („Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen“, wie das Bonmot so treffend lautet) und alles in allem also alive and kicking.

Ihn zu kennen, zu entlarven und dagegen anzureden – das ist die Verantwortung, die uns die Geschichte aufgetragen hat. Und nicht, eine unglückliche, aber harmlose Verbindung der Wörter „Gas“, „Opfer“ und „Nationalsozialismus“ total krass und gehtgarnich zu finden.

Immer wieder begegnet man dem Ruf nach einem „Schlussstrich“, der doch endlich mal unter die deutsche Vergangenheit gezogen werden solle. Dass Geschichte keine Schlussstriche kennt; dass man annehmen muss, was in der deutschen Geschichte passiert ist, sobald man sich mit dem Adjektiv „deutsch“ identifiziert, und dass das eben nicht nur Barbarossa und das Wirtschaftswunder sind; dass das nichts mit „ewiger Schuld“ zu tun hat, nur weil es sich unbequem anfühlt – egal, man fühlt sich persönlich beleidigt, sobald nur Michel Friedman in einer Talkshow sitzt und will sich von „den Juden“ kein „schlechtes Gewissen einreden“ lassen. Diese perverse Opfer-Täter-Umkehrung ist natürlich einfacher, als sich klarzumachen, dass „die Juden“ eine von vielen Gruppen in der Gesellschaft dieses Landes sind – deren Stimme aber aus naheliegenden Gründen immer ein kleines bisschen schwerer wiegen wird als die des Dachverbands der Kaninchenzüchter.

Weist man Leute auf solche rechten Denk- und Argumentationsmuster hin, fallen die Reaktionen in der Regel genervt bis aggressiv, bestenfalls einfach nur verständnislos aus. Natürlich sei man nicht rechts! Natürlich sei man kein Antisemit! (Als ob sich das links von der NPD irgendwer an die Brust heften würde.) Ich bin überzeugt, dass sich tatsächlich die wenigsten bewusst mit rechtem Gedankengut identifizieren. Das Bekenntnis, Anti-Nazi zu sein, ist wohl in den allermeisten Fällen aufrichtig.

Aber: Es gibt nun mal rassistische Denkmuster und antisemitische Stereotype, und denen kann man auch als Gutwilliger aufsitzen. Der Dreck ist bekannt und – auch weit weg vom rechten Rand – im Bodensatz vieler Äußerungen nachweisbar. Der Hinweis darauf ist nicht die „Nazikeule“, die dann immer gleich – nicht minder keulenartig – beklagt wird.

Längst ist es selbstverständlich geworden, „stolz auf unser Land“ zu sein und das für einen unhinterfragbar erstrebenswerten Zustand zu halten, der dann auch gleich als Erklärung des ganzen Schwarz-Rot-Geil-Gehopses und Fahnenschwenkens durchgeht, wo hier doch die Suche nach Antworten erst losgehen müsste.

Deutschen Fußball-Nationalspielern wird zum Vorwurf gemacht, dass sie die Nationalhymne nicht mitsingen, und mehr noch: Dieses Faktum wird allen Ernstes zur Erklärung einer Niederlage im EM-Halbfinale (!) herangezogen, die das nationale Pathos gewiss abzuwenden vermocht hätte, hätte man es nur ungestört walten lassen. (Nachdem es Stalingrad ja auch schon zu so einer gelungenen Party gemacht hat.)

Längst ist es salonfähig geworden, seine erbärmlichen Kleinbürger-Ressentiments unter dem Tarnmantel des heldenhaften „Problemebenennens“ in die Welt zu blasen und sich über „Integrationsverweigerer“ zu mokieren – wobei weder das dicke Wort „Integration“ einer genaueren Betrachtung unterzogen noch näher definiert wird, worin denn nun konkret die Verweigerung besteht oder gar wie eine Nicht-Verweigerung auszusehen hätte.

„Integration“ – das klingt so nett und freundlich und weltoffen. Aber das Wort wird missbraucht, um anderen wann immer es gerade passt ihr Anderssein (oder auch nur den Grad ihres Andersseins) vorwerfen zu können. Jene Bedeutungskomponenten von „Integration“, die auf ein größeres Ganzes verweisen, zu dem alle Beteiligten beizutragen hätten, werden konsequent ausgeblendet: Integration sagen, Assimilation meinen.

So hört man es mittlerweile in den Smalltalks ganz selbstverständlich über „Migranten“ raunen, die „gut integriert“ seien, also „so wie man es sich wünscht“, womit dann aber natürlich – wirverstehnuns – eine ganze Menge Unausgesprochenes mitgemeint ist. Da spielt es dann auch keine Rolle, dass „die Migranten“ vielleicht hier geboren, aufgewachsen, zur Schule gegangen sind. Einmal Türke, immer Türke, und wer weiterhin seine blöden Russenkekse kauft, will sich ja wohl offensichtlich nicht integrieren – so ist das halt in einem Land, in dem Blut dicker ist als Verfassungstreue.

Statt Fakten zum Zu- und Abwanderungsgeschehen zur Kenntnis zu nehmen, verschanzt man sich hinter der Klage über „die Falschen“, die „ins Land“ kämen – fürwahr ein sehr aufgeklärter Gedanke, zwischen richtigen und falschen Menschen zu unterscheiden. Im Angesicht des Feindbildes Islam wird eine „christlich-jüdische Tradition“ des Abendlandes beschworen – eine Tradition, die über Jahrhunderte im Wesentlichen darin bestand, dass die einen die anderen gegängelt, verfolgt, vertrieben und ermordet haben -, und keiner widerspricht.

Zum selben Zweck wird das Wohlergehen Homosexueller vorgeschoben, das ja durch „den Islam“ bedroht sei (als gäbe es keine christlich verbrämte Diskriminierung und Verfolgung Homosexueller), und das von Leuten, die keineswegs im Verdacht stehen, große Gay-Pride-Aktivisten zu sein oder auch nur im Alltag etwas mit Schwulen zu tun haben zu wollen. Und selbstverständlich ohne einen einzigen Schwulen gefragt zu haben, ob er in dieser seiner Eigenschaft gerne als Sturmgeschütz der Islamophoben missbraucht werden möchte.

Keine Debatte über Migration, Integration oder Multikulturalität, die nicht eher früher als später bei den Themen Kopftuch und Ehrenmord enden würde. Als sei das Kopftuch ein törichtes Modeaccessoire. Und als gäbe es keine Nonnen, die ja nichts anderes sind als christliche Kopftuchträgerinnen. Und als sei Ehrenmord nicht derselbe kranke Ausnahmefall wie hiesige „Familiendramen“. Und als sei überhaupt Kriminalität – nichts anderes ist ein egal aus welchen Gründen begangener Mord – ein Problem, das „Migranten“ auf eine Insel der Seligen einschleppen würden. Und als stellte ein muslimisches Familiendrama in irgendeiner Weise eine größere Bedrohung für die Selbstzufriedenheit des deutschen Kleinbürgers dar als eine jahrelang fröhlich meuchelnd durchs Land ziehende NSU. Und … aargh!

Die ganze moralische Überlegenheit des „christlich-jüdischen Abendlandes“ zeigte sich unlängst in den bizarren Reaktionen auf die Papst-Darstellung eines Satiremagazins, in denen sich auf geradezu pathologische Weise die Empörung des verletzten Christenmenschen mit dem unverhohlen boshaften Wunsch nach Verunglimpfung derer vermischte, denen man im selben Atemzug pauschal ihre Unentspanntheit im Umgang mit Satire vorhielt (Standardfloskel: „Das sollten die sich mal mit Mohammed trauen!“). Sternstunden der Aufklärung.

So. Bin ein bisschen abgeschweift, tschuldigung. Was ich sagen will, ist dies: Liebe Leute! Es ist gut, wenn ihr zeigen wollt, dass ihr eure Lektion gelernt habt. Deshalb: Widersprecht. Streitet. Diskutiert. Mischt euch ein. Informiert euch. Alles gut, richtig und wichtig. Aber regt euch nicht wohlfeil über Pillepalle auf.

Advertisements