Beimerdämmerung

von amfenster

Es ist höchste Zeit, ein paar ernste Worte über eine echte Herzensangelegenheit zu verlieren, bevor es zu spät ist. Die folgenden Gedanken mögen nicht immer ganz stringent sein, aber sie bewegen mich und müssen einfach mal raus. Schließlich geht es um nichts weniger als um die schönste Nebensache der Welt. Ich spreche natürlich von der Lindenstraße.

Es steht – nun ja, nicht akut schlecht um sie. Vielleicht ist „kritisch“ das bessere Wort, hat die Krise doch das Potenzial, letztlich auch einen positiven Ausgang zu nehmen. Also: Es steht kritisch genug um die Lindenstraße, um sich mal offen und ehrlich über ihre derzeitige Verfassung zu unterhalten. Dass die ARD immer skrupelloser den Institutions-Charakter der Serie in Frage stellt, gibt dem nur noch zusätzliche Relevanz.

Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll, um das Ganze nicht wie ein Klagelied der Kategorie „Früher™ war alles besser“ klingen zu lassen. Das ist nicht so.

Es war immer eines der grundlegendsten Probleme der Lindenstraße, dass sie so furchtbar bieder und schlurfig und tranig daherkam, und zwar in allem: in der Inszenierung, in den Dialogen, in der Ästhetik und in allem begleitenden Drumherum. An all den Klagen über das „Sauerkraut-Revier“ (Abendzeitung, 1985) und das „Panoptikum der Piefigkeit“ (Spiegel, 2008) ist ja was dran. Natürlich krümmt man sich beim Ansehen alter Folgen oft vor Schmerzen und versteht, warum viele diese Serie von ganzem Herzen hassen. Niemand will die bauerntheaterartigen Putzeimer-Auftritte von Else Kling zurück, niemand sehnt sich nach den oft grauenvoll hölzernen Dialogen, der holprigen Dramaturgie, den schlecht ausgeleuchteten Sperrholzkulissen und den manchmal sensationell schlecht besetzten Klein- und Mittelrollen.

In all diesen Punkten ist die Lindenstraße gerade in den letzten Jahren so viel besser geworden. Und dass sie mehr auf ihr Äußeres achtet, ist in jedem Fall zu begrüßen. Das gilt auch und besonders für den zeitgemäßen Online-Auftritt (inklusive Facebook-Seite und Youtube-Channel), der an die Stelle einer jahrelang vor sich hin biedernden Homepage getreten ist.

Und doch ist der Lindenstraße auf der anderen Seite mit dem alten Muff auch viel von dem abhanden gekommen, was sie so liebenswert und so faszinierend gemacht hat. Was früher eine fortlaufende Erzählung war, in der eins zum anderen kam, ist heute ein atemloses und oft halbherzig wirkendes Abhaken von ins Blaue behaupteten Zuständen; wo früher im Grunde Mietshausgeschichten erzählt wurden (mit dem Haus als heimlichem Hauptdarsteller), sind die Straße, das Haus Nr. 3 und die Wohnungen darin nur noch austauschbare, aber nun einmal lästigerweise gesetzte Kulisse für Storylines, die man rückstandsfrei in jedes andere Setting verlegen könnte; wo früher eine regelrechte Lust daran zu spüren war, möglichst realitätsgetreu Alltag in Szene zu setzen, scheint es heute eher einschränkende Pflicht zu sein, die Figuren auch mal bei der Arbeit oder im Haushalt zeigen zu müssen; wo Handlungsstränge sich früher mit hohem Inszenierungsaufwand berührten und ineinandergriffen (so dass z.B. auch eine Hauptrolle einmal einen Komparsenauftritt in einem anderen Handlungsstrang haben durfte) und so den Mikrokosmos Mietshaus mit Leben füllten, herrscht heute episodenhaftes Nebeneinander.

Es klingt, als würde Opa vom Krieg Adi Stadler von 68 erzählen, und ich will ja auch nicht alles schlechtreden. Es ist völlig klar, dass eine Fernsehserie sich über so einen langen Zeitraum entwickelt und verändert – es wäre unheimlich, wenn nicht. Viele dieser Veränderungen „passieren“ einfach mit der Zeit, andere werden mit mehr oder weniger Nachdruck forciert, wieder anderes ist äußeren Umständen (sprich: Budgetkürzungen) geschuldet. Und es ist unendlich faszinierend, das zu beobachten. Die Lindenstraße von 1985 mit der von heute mit der von 1997 mit der von 1990 zu vergleichen, und im Wandel auch die Kontinuitäten zu sehen.

In allerjüngster Zeit aber ist mir die Lindenstraße ein bisschen fremd geworden. Ich versuche die ganze Zeit zu ergründen, woran das liegt, und komme nicht so recht weiter. Der Produzent ist der gleiche, das Autorenteam ist seit Jahren ebenso stabil wie die Regie-Riege – daran kann es also kaum liegen.

Nun, im Erzählerischen machen sich vielleicht doch langsam gewisse Abnutzungserscheinungen bemerkbar. Geschichten werden oft nur angerissen und dann schnell wieder für beendet erklärt oder vergessen. Das alteingesessene Personal scheint tatsächlich derart auserzählt zu sein, dass den Autoren dazu nur noch Vollhorst-Geschichten einfallen (Stichwort „HAndy“!). Der Figurenpool nährt sich in einer Art und Weise von sich selbst, gegen die die Inzucht früherer Jahre blass aussieht (so steht zum Beispiel grundsätzlich Phil Seegers auf der Matte, wann immer ein omnipotenter Immobilienbesitzer gebraucht wird) und wird Opfer immer unwahrscheinlicherer Personenrochaden und Reißbrett-Konstellationen. Weichgezeichnete Rührstücke verdrängen den stets hochgehaltenen Realitätsanspruch (aktuelles Beispiel: der üppig in Szene gesetzte Krebstod von Sabrina Scholz, der mich zwar am Ende ernsthaft zu Tränen gerührt hat, der aber eines zu keinem Zeitpunkt war: eine realistische Darstellung einer qualvollen, todbringenden Krankheit).

Viele dieser Entwicklungen sind wahrscheinlich unvermeidlich, wenn eine Saga über einen derart langen Zeitraum fortgeschrieben wird. Muster schleifen sich ein, und so braucht ein Dr. Dressler halt irgendwann kein Motiv mehr, um mal wieder Gott zu spielen. Es ist kein Wesenszug mehr, sondern seine Funktion im Serienkosmos, also tut er es. Ist das den Autoren wirklich anzulasten? Ich weiß es nicht.

Krasser und im wahrsten Sinne des Wortes augenfälliger sind die ästhetischen Veränderungen – um nicht zu sagen Umwälzungen – der letzten Zeit. „Filmischer“ als früher kam die Lindenstraße schon seit einigen Jahren daher, und im Großen und Ganzen stand ihr diese Entwicklung nicht schlecht zu Gesicht. Doch mit der Umstellung auf HD im Herbst 2011 wurde der Look schicker, stylish farbentsättigte Bilder ruckeln seitdem im Progressivmodus über meinen Röhrenbildschirm und wirken wie ein Schleier, der es mir nicht mehr erlaubt, den Lindensträßlern richtig nahezukommen. Die Filmmusik ist nach dem Ausscheiden des langjährigen Komponisten Jürgen Knieper deutlich smarter geworden – und am Ende der klassischen Vorspannmelodie klebt ein lästiges kleines Synthesizer-Pling. So weit, so gewöhnungsbedürftig.

Orkan putzt.                                Screenshot aus Folge 1381

Obendrein werden nun aber verfremdende Elemente in einem Maß eingesetzt, das – anders als bisher – kaum noch als willkommene Auflockerung oder Abwechslung von der Inszenierungs-Routine durchgeht, sondern das den Charakter der Serie zu verändern beginnt. Wenn vor Jahren verstorbene Figuren Gastauftritte als durchsichtiger Geist haben, wenn mit musikunterlegten, textlosen Schnittbild-Sequenzen Stimmungen in Szene gesetzt werden und wenn jetzt sogar mit kessen Splitscreen-Montagen „Aktivität“ dargestellt wird – dann mag das in jedem einzelnen Fall sauberes Handwerk sein, das punktgenau auf die Emotionen der Zuschauer abzielt und schöne Effekte erzielt. Ich kann mich von solchen Tricks durchaus anrühren lassen. Insgesamt aber geht es völlig an dem vorbei, was die Lindenstraße immer ausgemacht und von allem anderen abgehoben hat: der quasi-dokumentarische Blick auf den Alltag der Normalos.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Natürlich war das Seriengeschehen immer schon Drama, Fiktion, konstruiert, inszeniert und gestaltet, die Bilder waren immer schon kameragerecht komponiert, und bei all dem war die Hölzernheit stets ein treuerer Begleiter als die Natürlichkeit. Und doch haftete dieser lindenstraßentypischen, glanzlosen Biederkeit eine gewisse Authentizität an. Auf ihre ganz eigene Weise gab einem die Serie das Gefühl, als würde beiläufig, ohne irgendwelchen Budenzauber ein Geschehen abgefilmt, das sowieso stattfindet. Der Schlüsselloch-Effekt.

Der neue Stil ist das komplette Gegenteil davon. Schick, smart, professionell, auf der Höhe der Zeit und ohne Frage konkurrenzfähig – aber eben zu künstlich und geformt, um noch das sein zu können, was die Lindenstraße einmal sein sollte und lange Zeit auch war. Und um genau die Heimeligkeit zu vermitteln, wegen der wir seit so vielen Jahren Sonntag für Sonntag wieder einschalten. Ja, man muss ab und zu mal renovieren. Aber vielleicht sind es etwas zu viele neue Möbel, etwas zu erlesene Designerstücke oder etwas zu grelle Tapeten, als dass man sich noch zuhause fühlen könnte.

Hans weiß auch noch nicht so recht, wie er das alles finden soll.

„In Sachen Kameratechnik und Bildsprache“, schrieb der Evangelische Pressedienst vor einigen Jahren in einer Replik auf eine ziemlich unqualifizierte Invektive gegen die Lindenstraße im Spiegel, „ist sie professioneller geworden, ohne sich dem glatten Styling der Konkurrenz anzupassen“. Es ist der letzte Teil dieser Feststellung, der so inzwischen nicht mehr gilt. Die Lindenstraße kommt inzwischen kaum weniger poliert daher als andere Soaps. Und vielleicht ist das gar nicht mal ihre eigene Schuld. Die heutigen technischen Möglichkeiten, die eine relativ kostengünstige Produktion von optisch hochwertigem Fernsehen erlauben, haben den production value aller ‚industriell‘ hergestellen TV-Serien gesteigert. Was paradoxerweise zur Folge hat, dass eine Ästhetik, die gegenüber den matten Videobildern und statischen Studio-Inszenierungen früherer Zeiten eigentlich wirklich einen Quantensprung bedeutet, inzwischen das Soap-Stigma trägt.

Und eine Soap, so will es ein tief im Selbstverständnis der Serie verwurzelter und von Fans wie Produzent immer noch hochgehaltener Urmythos, ist die Lindenstraße nicht. Was natürlich nicht stimmt, denn in Erzähltechnik, Stilmitteln und Herstellungsweise war die Lindenstraße von der ersten Folge an mit der klassischen Soap zumindest sehr, sehr eng verwandt. Aber eine durchaus eigenwillige Ausprägung der Produktionsform „Soap“, das war die Lindenstraße mit ihrer Biederkeit, ihren Durchschnittscharakteren und ihrem sprichwörtlichen erhobenen Zeigefinger, aber auch mit einem gewissen Mut zur Sperrigkeit immer. Und genau diese ihre Alleinstellungsmerkmale hat die Serie in letzter Zeit – tja, was? Verloren, vernachlässigt, preisgegeben?

Alter Scherz unter Fans

Wenn über einen angeblichen Jugendwahn der Macher geklagt wird, versuche ich immer, einen mäßigenden Standpunkt einzunehmen, denn das Bemühen um junge Zuschauer ist erstens nichts Böses und zweitens über kurz oder lang unvermeidlich. Außerdem ist es ja auch sehr verständlich, dass Autoren, Regisseure, Kameraleute und Cutter als kreative Geister ein „schönes“ Produkt abliefern wollen (das tun sie!), und so ist sicher nicht jede Neuerung einfach nur blinder Verjüngungswut zuzuschreiben. Andererseits fällt es schwer, den modernen Look, die Teenie-Dramen um Lea & Co. und vor allem auch die sehr flott daherfrisierte Online-Präsenz anders zu deuten denn als Buhlen um die soap-sozialisierte Jugend. Aber egal mit welchem Ausmaß an Mutwilligkeit die Veränderungen der letzten Zeit nun stattgefunden haben – es kratzt am besagten Urmythos, wenn die Lindenstraße mit anderen Soaps verwechselbar wird. Für viele Fans ist eben dieses Bewusstsein, keine Soap zu gucken, ein wichtiger Grund dafür die Lindenstraße einzuschalten, und nicht GZSZ oder VL oder UU. Wenn die Verantwortlichen im Sender und/oder der Produktion dies ignorieren, gefährden sie die Stabilität der ganzen Serie.

Ich weiß keine Antwort auf diese Situation, und ich kann auch nicht sagen, was meine Wunschrichtung wäre. Ein „Back to the roots“ im Dogma-Stil kann nicht der richtige Weg sein (von der Durchführbarkeit gar nicht zu reden). Das Abrücken von der Reinen Lehre hat der Lindenstraße ja auch sehr gut getan, siehe oben. Dennoch bleibt die Frage, wie weit man gehen kann, und ein diffuses Bauchgefühl sagt mir: Nicht ganz so weit wie in letzter Zeit.

Vielleicht ist ja die lange Laufzeit der Serie inzwischen auch ein Fluch. Einerseits ist alles gesagt, alles erzählt, alles erreicht, und die immer weiter fortgeschriebenen Geschichten sind vielleicht eher bloße lebenserhaltende Maßnahmen als Zeichen echter Vitalität. Und wenn die Lindenstraße nur noch überleben kann, indem sie nicht mehr sie selbst ist, könnte man auch Schluss machen. Andererseits: Aufhören? Nach 29 Jahren (bis 2014 ist die Serie in trockenen Tüchern)? Deutschland ohne Lindenstraße? Mein Leben ohne Lindenstraße?! Undenkbar. Es muss weitergehen. Jetzt und immerdar. Nur wie?

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Redaktionelle Anmerkung:
Leider wurde mir die Verwendung offizieller Fotos vom Pressebüro der Lindenstraße nicht genehmigt. Der Orkan-Screenshot sowie die übrigen Bilder wurden von mir selbst angefertigt.

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