Ich mein, hallo?!

von amfenster

Zeter! Mordio! Zwangsbajuwarisierung! Sprachfaschismus im katholischen Bayern! Man glaubt es nicht! Ohne Worte!

Was ist passiert?

Eine Passauer Schulleiterin hat „ihre Schule zur ‚Hallo- und tschüss-freien Zone‘ erklärt“. Was natürlich gleich wieder ein herrlicher Grund für irreführende Schlagzeilen, atemlose Facebook-Shares und hysterische Online-Diskussionen ist. Ferner für:

  • unglaublich tumbes Klischeegeklopfe über die katholisch-reaktionären Umpapa-Bajuwaren;
  • sprachphilosophisch-ideologiekritische Exkurse über die Bot- oder Unbotmäßigkeit von Grußformeln, in denen das Wort Gott vorkommt;
  • etymologische Expertisen zur Herkunft von „Tschüss“, in dem ja letzlich auch der liebe Gott stecke;
  • sowie die sich quasi als Crossover aus dem Vorgenannten ergebende  Feststellung, dass man in diesem seltsamen Land da im Süden ja nicht tot übern Zaun hängen wolle.*

Also. Durchatmen, strecken, Finger knacken lassen, und dann nochmal: Was ist passiert?

Die Passauer Rektorin Petra Seibert hat an ihrer Schule einen Aushang (!) anbringen lassen mit dem Inhalt, dass man sich bemühe, „ohne diese beiden Grußformeln in unserem Haus auszukommen“, sich aber „über ein ‚Grüß Gott‘ und ein freundliches ‚Auf Wiedersehen‘ … jederzeit“ freue. Das war’s.

Auch wenn der oben verlinkte und von Süddeutsche.de und SpiegelOnline (und vermutlich vielen anderen) beinahe wortgleich übernommene Agenturartikel sich nun redlich bemüht, den Vorgang auf die Frontlinie „Norddeutsches Idiom vs. Bayerischer Traditionsstarrsinn“ herunterzubrechen, lässt sich aus ihm ziemlich mühelos herauslesen, dass diese Frage nie das Problem war.

Das Anliegen der Rektorin scheint vielmehr zu sein, dass die Schülerschratzen nicht mehr wissen, wie man eine Respektsperson anredet. Was heißt scheint – sie spricht explizit von „Respekt“, davon dass sie ihre Schüler auf das Berufsleben vorbereiten wolle, und da sei ein „Hallo“ eben nicht immer statthaft.

Und so leid es mir angesichts ihrer weidlich ungeschickten Aktion und des ehrpusseligen „Über ein ‚Grüß Gott‘ schmunzle ich gern einmal  freuen wir uns jederzeit“-Sprüchleins tut – in dieser Frage bin ich so ziemlich bei ihr. Ich weiß, das klingt jetzt so als wäre ich 90, aber: Nie wäre es mir eingefallen, einen Lehrer mit „Hallo“ anzusprechen. Das hieß „Grüß Gott“. (Setzen Sie dafür meinetwegen gerne „Guten Tag“ ein. Darüber, dass „Grüß Gott“ eine in hiesigen Breiten absolut gängige – und völlig säkulare – Grußformel ist, und zwar abseits aller Krachledernheit, möchte ich bitte nicht diskutieren müssen.)

Heute sehe ich das deutlich entspannter und hatte z.B. im Studium keine Probleme mehr, bestimmte Professoren mit „Hallo“ und „Tschüss“ zu grüßen. Auch im Alltag werden das – ich habe nie darauf geachtet – heute sicher meine häufigsten Grußformeln sein. Aber an meinem grundsätzlichen Empfinden, dass es eine gegenüber Respektspersonen im Zweifelsfall eher unangebrachte Vertraulichkeit herstellt, hat sich nichts geändert. Vergleichbar (aber nicht deckungsgleich) vielleicht am ehesten mit der Duz-/Siez-Frage.

Wenn nun also eine Lehranstalt sich darum bemüht, dem Nachwuchs ein gewisses Bewusstsein, eine Awareness dafür nahezubringen, dass es verschiedene Umgangstöne gibt und es unter Umständen unangemessen, ja unhöflich sein kann, ein jedes Gegenüber unterschiedslos mit „Hallotschüss“ anzukumpeln, kann ich darin nichts Anstößiges sehen. Im Gegenteil. Über die Methode mag man streiten. Aber weder wurde hier ein Bannfluch auf unbayerische Umtriebe ausgesprochen, noch wurde zum Kreuzzug gegen die Hallo-Heiden aufgerufen. Frau Seibert hat sich ja – auf empört gekläffte Journalistennachfrage, nehme ich an – sogar zu der Erläuterung hinreißen lassen, man könne auch „Guten Tag“ oder „Guten Morgen“ sagen, wenn einem „Grüß Gott“ schwer über die Lippen gehe.

Rätselhaft – und dabei doch so gar nicht überraschend – also, wie man in dieser Geschichte einen Skandal erkennen und reflexartig drauf los geifern kann. Und aufschlussreich – wenn ich nur wüsste, worüber.

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* Einzelnachweise muss ich leider schuldig bleiben. Schauen Sie selbst. Aber halten Sie die Betablocker in Griffweite.

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