Unter Panikern

von amfenster

Komme gerade von einem Vortrag von Patrick Bahners, Feuilletonchef der FAZ und Autor des Buches „Die Panikmacher. Die deutsche Angst vor dem Islam“. Mir hätte klar sein müssen, dass es bei diesem Thema zwangsläufig degoutant werden würde. Aber nun gut, ich habe es hinter mich gebracht: mein erstes Mal, dass ich sogenannte „Islamkritiker“ live in action erlebt habe.

Bahners‘ Thema waren die Klischeebilder, die den medialen Diskurs über den Islam beherrschen und vor allem eines tun: Angst schüren (= Panik machen, vgl. Buchtitel). Sein Vortrag war keineswegs brilliant und wirkte mehr wie eine 45-minütige Einleitung, wie er so in gewundenen Sätzen um einen Gastartikel der Familienministerin Schröder in der heutigen FAZ-Ausgabe kreiste und dabei irgendwie keine Stoßrichtung finden wollte. In der anschließenden Diskussionsrunde war das aber völlig egal, denn nun traten die auf den Plan, die auf das Thema ja sowieso pfiffen und die einzig gekommen waren, um ihre vorgestanzte „Der Islam ist böse“-Paranoia unters Volk zu bringen.

Es war wie gesagt das erste Mal, dass ich einer solchen Veranstaltung beiwohnte, und doch  kamen sie mir vor wie auf Typ gecastet: der offensichtlich PI-geschulte junge Eiferer, der bereits vor Vortragsbeginn im Koran und mit Textmarker durchgearbeiteten Traktaten blätterte, sich unentwegt Notizen machte und nervös durch die Haare fuhr und in Bahners‘ Vortrag nur auf Haken lauerte, an denen er pseudoprovokant seinen  Sure-4-Theo-van-Gogh-Jyllands-Posten-wo-bleibt-der-Aufschrei-der-Muslime-Pudding festpinnen konnte (dabei aber „Charlie Hebdo“ nicht aussprechen konnte und das – „was weiß ich wie des heißt“ – auch für nicht weiter tragisch hielt); der schwitzige Klemmi mit Bauchtasche, der wirr an allen Inhalten des Vortrags vorbeikonterte und allen Ernstes fragte, worüber Bahners denn gestern gesprochen hätte, wenn der Schröder-Artikel doch erst heute erschienen ist; der pensionierte Lehrer, bei dem sich viele türkische Schülerinnen ausgeweint haben, der den Koran schon zweimal gelesen hat und nichts Menschliches darin finden konnte, dessen Freunde aber Türken sind; der Russlanddeutsche, der Herrn Bahners mit einem Christenmassaker in Nigeria konfrontierte ohne den Zusammenhang mit der Islamangst in den deutschen Medien darlegen zu können; und der besorgte Rentner, der gerade die Sira des Ibn Ishaq liest und dreimal wortgleich die Frage stellte, was passiere, wenn „junge begeisterungsfähige Muslime“, also im Sinne von: „junge begeisterungsfähige Muslime“ (und nochmal zum Mitschreiben: „junge begeisterungsfähige Muslime“) das lesen würden, ob man da nicht Angst haben müsse.

Allen gemeinsam war die unterschiedlich gut gespielte „Jetzt frag ich Sie“-Forschheit, die beim einen als pathetisch-unbequeme Widerstandspose (und in Wahrheit natürlich nur rotzfreche Flegelhaftigkeit) daherkam, beim anderen als unbeholfene Besserwisserei à la „Ich hab mich fei mit dem Thema befasst“. Ebenso mehrfach zu konstatieren: geschlossenes Wahnsystem, ohne Aussicht auf Besserung.

Ich bin kein religiöser Mensch, aber auf dem Nachhauseweg hatte ich spontan den Wunsch, mein Leben fortan Allah zu weihen. Jetzt muss ich aber erstmal duschen. Sehr lange duschen.

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