Erst der Anfang

von amfenster

Vor 50 Jahren wurde zwischen der BRD und der Türkei das Anwerbeabkommen für Arbeitskräfte geschlossen.

Kaum zu glauben, dass es immer noch Menschen gibt, die angesichts dieser langen, mehrere Generationen umfassenden und unglaublich vielfältigen Geschichte immer noch von „den Türken“ sprechen, Özdemir für einen fremdländischen Namen halten, „Integration“ sagen und dabei das Gegenteil meinen, oder gar glauben, Deutschland würde sich abschaffen. Ich meine – 50 Jahre! Woanders nennt man sowas Goldene Hochzeit.

Ich kann nur sagen: Die türkischen „Gastarbeiter“ der ersten Stunde – diejenigen unter ihnen, die gekommen und geblieben sind – leben 20 Jahre länger in diesem Land als ich. Ich kenne kein Deutschland ohne Türken und Deutsche türkischer Abstammung, und ich kann und mag es mir auch nicht vorstellen. Vielleicht empfand ich es deshalb als merkwürdig und fast schon anmaßend, als vor einigen Jahren der türkische Ministerpräsident Erdogan in Deutschland zu „seinen Landsleuten“ sprach (so zumindest die mediale Darstellung). „Hey, das sind unsere Türken!“, dachte ich mir damals. Auch wieder sehr deutsch gedacht, wahrscheinlich…

Wie auch immer, zur Feier dieses denkwürdigen Tages ein paar sachdienliche Hinweise:

Kai Strittmatter erzählt in der SZ am Beispiel des türkischen Dorfs Kızılca von der Entfremdung zwischen den Daheimgebliebenen und den Almancı, den „Deutschländern“ – ein lesenswerter Bericht vom anderen Ende der Migration.

Die Almanci mussten schon früh lernen, dass man ihnen in der Heimat mit einer Mischung aus Neid und Verachtung begegnete.

Man nannte sie „D-Mark-Väter“, was im Türkischen nach einer Mischung aus Geldsack und Mafiapate klingt; nahm ihnen übel, dass sie mit ihren Landkäufen in der Heimat die Preise in die Höhe trieben.

Ebenfalls in der SZ erklärt Heribert Prantl den 30. Oktober 1961 zum historischen Datum, das Deutschland nicht unmittelbar, aber dafür umso nachhaltiger verändert hat. Nicht ohne – berechtigte – Rührseligkeit:

Bis heute redet man sehr viel über die Probleme von Einwanderung und Integration, aber zu wenig über den Reichtum, die Schätze und die Erfahrung, die Deutschland dabei gewinnt.

Phoenix zeigt zum Jahrestag des Anwerbeabkommens vier Dokumentationen am Stück (Sonntag, 30.10. ab 14 Uhr, Wdh. Montag, 31.10. ab 9:30 Uhr). Ich habe bislang nur die letzten zehn Minuten der RBB-Produktion „‚Deukisch‘ für Anfänger“ gesehen, in der diverse Deutschtürken zu Wort kommen und die aber allein schon wegen der Titelmusik (einer ganz speziellen Interpretation der deutschen Nationalhymne…) das Einschalten lohnt.

Und schließlich sei noch auf das Festprogramm „Merhaba Augsburg“ der Stadt Augsburg verwiesen, das die verschiedensten Facetten von 50 Jahren deutsch-türkischem Zusammenleben beleuchtet und dabei von Vorträgen über Ausstellungen und Filme bis zu Konzerten Highlights aller Art bereithält.

Advertisements