In friedvollen Gewässern

von amfenster

Chris de Burgh & Band live in Augsburg, 16.09.2011

Für mich hatte es was von „back to the roots“. In der Schwabenhalle hatte ich – this way up – 1994 mein erstes Chris-de-Burgh-Konzert besucht und bin seither auf manchen Konzerten gewesen. Doch in der Schwabenhalle gab sich CdeB erst jetzt wieder die Ehre, auf dem zweiten Teil der „Moonfleet“-Tour. Die ist zumindest insofern etwas Besonderes, als es sich bei „Moonfleet & Other Stories“ um ein Konzeptalbum handelt – eine Vertonung des gleichnamigen Abenteuerromans von John Meade Falkner – und man durchaus interessiert sein konnte, wie das Ganze auf die Bühne gebracht wird.

Den ersten Teil der Tour habe ich nicht besucht, daher kann ich nur spekulieren, ob dem Album da noch mehr Raum zugestanden oder die „Moonfleet“-Geschichte etwas kompakter präsentiert wurde. Zwar war die Bühne immer noch ein wenig schultheaterartig auf Schiffsatmospähre dekoriert, und der Abend begann mit der „Moonfleet Overture“ und den ersten Songs des Albums. Doch der erklärende Kontext fehlte, und so standen denn auch die weiteren Nummern, die lose über die erste Hälfte des Konzertes verteilt folgen sollten, etwas verloren da. Die Umsetzung des Konzeptalbums ist also tendenziell eher in die Hose gegangen – schade. Stattdessen ging es ein bisschen drunter und drüber: hier ein paar Songs von „Moonfleet“ (deren Shanty-Seligkeit live mit Rockband auch nicht so recht funktionieren wollte), da ein paar Hits („Missing You“, „Ship To Shore“), dort ein Vorausblick auf das kommende „Footsteps 2“-Album („SOS“, „Seven Bridges“) und vor der Pause (Pause!) die „Leader“-Trilogie, bei der wie schon vor 5 Jahren auf der „Storyman-„Tour ein aus diversen Filmausschnitten kompiliertes Video im Zentrum stand. Alles in allem eine auch für den bescheidwissenden Fan etwas krude Mischung – ich weiß nicht, wie das auf einen casual listener gewirkt haben mag, dem die Ein- und Zuordnung ins Gesamtwerk fehlt. Aber immerhin: Glückstränchen bei „Spanish Train“.

Die zweite Hälfte war dann etwas ausgewogener, der Soloblock mit drei Songs erstaunlich kurz. Bei „Lady In Red“ die einzig richtige Entscheidung: vom Song ablenken, und zwar indem man zu Fuß eine bemerkenswert große Runde durch die Halle dreht und, natürlich securitybewehrt, den Star zum Anfassen gibt. Danach eine Performance von Totos „Africa“, die 1:1 der auf „Footsteps“ verewigten 1:1-Karaokeversion entsprach, aber live dann doch irgendwie Spaß machte und allemal gut in den Greatest-Hits-Block überleitete. Vorher noch, als Überraschungs-Freudebringer dieses Konzerts, „Everywhere I Go“ von „Moonfleet“, und dann: CRASH! („Don’t Pay The Ferryman“), BOOM! („Say Goodbye To It All“), BANG! („The Getaway“), WHAM! („High On Emotion“). So bringt der demnächst 63jährige, in Argentinien geborene, nur 1,68m große, sympathische Ire („Lady In Red“) und stolze Vater der Ex-„Miss World“ Rosanna Davison (27), der sein nervöses Blinzeln inzwischen durch einen Kaumuskel-Tic ersetzt hat, routiniert aber effizient Stimmung in die Bude  – auch wenn der letzte vom-Hocker-reiß-Effekt ausblieb.

Der Abend war nicht frei von Groteskheiten, und zwar solche aus der Kategorie: Dinge, die passieren, wenn sich jemand nicht mehr mit Leuten umgeben muss, die ihm gewisse Ideen ausreden (vgl. CD-Cover). Zu der „Moonfleet“-Nummer „My Heart’s Surrender“¹ etwa wurde ein Paravent auf die Bühne gestellt, in den Plastik-Weinranken und -reben gewunden waren. Davor ein Gartenstuhl, in dem CdeB sich zum Vortrag der Ballade, der bei aller Plattheit dann doch irgendwo eine gewisse Inbrunst innewohnt, niederließ. Und zwar so, wie man sich halt in einen Gartenstuhl setzt. Als ironischer Kommentar zum eigenen Schmachtfetzen hätte das ohne Weiteres durchgehen können, allein: es war ernst gemeint. Auch die bei „Borderline“ gezeigten Bilder von den Einheitsfeiern am Brandenburger Tor (bei denen ein gewisser Chris de Burgh damals einen Song namens „Borderline“ zu Gehör brachte) waren nicht so ganz geschmackssicher, die gerahmten Mona-Lisa-Animationen bei „Why Mona Lisa Smiled“ nur billig. Und so war es dann eben auch nur dreiviertelkomisch, als de Burgh seinen Gitarristen Al Vosper mit den Worten vorstellte: „The man without whom my career would have drifted into obscurity…“

Auf der anderen Seite dann aber eben diese zuverlässig unterhaltsamen Moderationen, in denen über Spülmaschinengespenster und das unmittelbar bevorstehende Weihnachtsfest geflaxt wurde und die sogar für einen kurzen Moment das große Kino streiften, als CdeB sich herzlichst über einen Witz beömmelte, den das Publikum gar nicht verstand („I married Way Too Young – she is Chinese“). Und: CdeB sprach tatsächlich konsequent von „Aug-sch-burg“ – der Sprachkurs von atv-Moderatorin Angie Roß (diesen um des Witzes willen als „Roßkur“ zu bezeichnen, spare ich mir hiermit ausdrücklich) war also erfolgreich.²

Musikalisch ging der Abend in Ordnung, mit kleinen, aber deutlichen Abzügen in der B-Note. Stimmlich ist CdeB gut in Form, während die Band nach wie vor einen soliden Sound auf die Bühne bringt und dabei sogar immer noch Spaß zu haben scheint. Unrühmliche Ausnahme: Keyboarder Nigel Hopkins, der durchaus etwas von seinem Handwerk verstehen mag, dabei aber zielsicher zu den geschmacklosesten Synthpads greift (dies freilich oft getreu den ohne seine Beteiligung entstandenen Studioversionen). Wo ihm das nicht möglich ist (Orchestergedöns, Backgroundchöre), bedient er dann gleich die Festplatte. Ich habe da übrigens wirklich gerade „Backgroundchöre“ geschrieben. Was ist das für eine Welt, in der live on stage Studio-Backgroundchöre im Rechner mitgeführt werden müssen? Nicht immer, aber immer wieder, und das nicht nur an irgendwelchen hochkomplexen Stellen, an denen die Live-Darbietung nicht darauf verzichten könnte.

Wofür die Band nichts konnte: das garantiert stimmungstötende Mitklatsch-Geräusch mit Messehallen-Echo im Nacken. Wie ja überhaupt die Schwabenhalle so ziemlich die uncharmanteste, atmosphäreloseste Konzerthalle der Galaxis sein dürfte. Vielleicht erklärt sich damit ja die Tranigkeit und die selbst gegen Ende des knapp dreistündigen (netto!) Konzerts recht gebremste Stimmung des Publikums. Dazu nur so viel: CdeBs Bemerkung, dass „sometimes something special happens between an artist and the audience“ (oder so ähnlich), war an diesem Abend bestimmt gelogen. Denn viel passierte da von Publikumsseite nicht, von 1-2-3-4-Geklatsche und den schrecklich peinlichen und dabei entsetzlich rührenden Fangeschenken – Blumensträuße, Milka-Pralinen, Rotwein und Bio-Honig – mal abgesehen.

Statt eines „Alles in allem war es ein vergnüglicher Abend“-Resümees geht das Schlusswort an den Herren, der neben mir saß: Ich bekomme raus wo du wohnst, und dann steige ich nachts in deine Wohnung Doppelhaushälfte und schütte dir drei Flakons deines Parfums über die Nase.

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¹ Hintergrund: Der Protagonist John geht vor seiner Schatzsuche ein letztes Mal zu seiner Geliebten Grace, schwört ihr seine Liebe und dass er irgendwann zu ihr zurückkehren wird. Die Szene spielt in Graces Garten.
² Darüber, dass es der „Svetshka Datchee“ nicht auf die Bühne der Schwabenhalle geschafft hat, sehen wir mal hinweg.

Update 19.09. Für AZ-Verhältnisse erfreulich zickige Konzertkritik: „SOS auf der MS Chris de Burgh“

Update 28.09. Mit dem Gretzten Daushee Svetshka Datchee hat es doch noch geklappt.

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