Heading for the Hobbykeller

von amfenster

The Seer live in Landsberg am Lech, 21.05.2011

Wie Sie wissen, fand und finde ich das letzte The-Seer-Album „Heading For The Sun“ sehr, sehr gut. Nun kann ich außerdem sagen: Auch live sind The Seer so gut wie selten zuvor – zumindest solange sie neues Material spielen.

Soweit die Kurzfassung.

Ich könnte hier jetzt mit irgendeiner Metapher loslegen, von wegen schöner Abend mit alten Freunden und ollen Anekdoten, die keiner mehr hören kann, aber die halt irgendwie dazugehören usw… Oder irgendwas mit Wein. Aber solche Rezensionen sind des Teufels Maffays (obwohl sie natürlich der Art Mittelstands-Rock, den The Seer in Personal und Musik verkörpern, nicht unangemessen wären), deswegen: Wenn Sie sowas lesen wollen, gehen Sie googeln.

Es war mein erstes The-Seer-Konzert seit fast 6 Jahren (the latest one being the 15-Jahre-Bandjubiläums-Konzert am Augsburger Eiskanal). Und nachdem mich keines der wenigen Konzerte, die ich überhaupt in den letzten 10 Jahren besucht habe, vom Hocker gerissen hat, wäre auch die „Heading For The Sun“-Tour – bei allem Interesse, wie das neue Material wohl live tun möge – unbesucht geblieben, wenn aus Blutsverwandtschaftskreisen kein Ticket für das Landsberger The-Seer-Konzert als Geburtstagsgeschenk dahergekommen wäre.

Ich war mir nicht sicher, ob die Wiederbegegnung glücken würde, als ich den Veranstaltungsraum betrat, der aus dem abgedunkelten Vorraum (!) einer Mehrzweckhalle bestand und mit den drei (!) Stuhlreihen (!) vor dem etwa einen halben Meter hohen Podium wirkte wie ein etwas besserer Hobbykeller. Haben The Seer nicht auch schon mal in der Olympiahalle gespielt? (Doch, haben sie.) Nun, die Stuhlreihen wurden noch rechtzeitig vor Konzertbeginn zur Seite gerückt, und die Überschaubarkeit des venues sollte sich im weiteren Verlauf des Abends als zumindest nicht weiter störend erweisen.

Nun aber endlich zur Sache. Was also hat sich verändert in all den Jahren?

  • Das Publikum ist trotz der räumlichen Nähe zur Augsburger Homebase deutlich überschaubarer geworden, und (including myself): älter und weniger tanzlaunig.
  • Shook hat sich seine manierierten Ansagen abgewöhnt und moderiert den Abend auf eine sympathisch persönliche und spontane Art.
  • Peter Seipt hat einen Gutteil seiner Arbeit ans Macbook delegiert und kommt mit sage und schreibe einem Masterkeyboard aus.
  • Jürgen Möller, zwischendurch fast beunruhigend schlank, hat wieder zu einer gesunden Bassisten-Figur zurückgefunden.
  • Die nächste Seipt-Generation steht bereits als Roadies in den Startlöchern. So kam ja bekanntlich auch Jo Corda in die Band.
  • Der „Diesel – Only The Brave – Diesel“-Iro ist wieder da.

Und was ist wie früher?

Der ganze Rest.

Von „Heading For The Sun“ wurden sieben Songs gespielt, was natürlich – Sie haben sicher schon selbst nachgerechnet – genau fünf zu wenig sind. Das Zeug tönt – diese Frage war für mich durchaus offen – auch ohne Unterstützung durch ostfriesische Studio-Rechner ganz hervorragend. Mein Non-Favourite „Where Do We Go“ funktioniert tadellos als Opener, auch „Wishful Thinking“ macht sich gut auf der Bühne, und alle anderen Kandidaten widerlegen aufs Erfreulichste die alte Tendenzregel, dass CD-Faves live eher zu enttäuschen pflegen. Ob „Fallen Leaves“, „Setting Sails“, „Rain Down On Me“, oder auch „Raining“ in einer entspannt groovenden (und Shook-stimmschonenden) Flaschenhals-Version – alles prima, alles geil, und mit ungewohnt delikatem Sound-Händchen auf die Bühne gezaubert.

Umso unverständlicher, warum dann doch ganze Strecken mit alten Haudrauf-Nummern bestritten werden, die neben dem neuen Material fast wie Fremdkörper wirken. Klar, ganz ohne geht’s nicht, und sowas wie „The One“, „The First One In The Row“, die Akustik-Version von „Please“ (bei der es allerdings einer Schelle aus Mike Niggs Schellenkranz zuviel wurde) oder eine ungewohnt rockende „Esmeralda“ geht ja auch in Ordnung. Von der schick verschlankten Version des unkaputtbaren „The World Cries Love“ brauche ich nicht zu reden – wunderwunderschön!

Aber warum es mit „Own World“, dem unvermeidlichen „Ferryman“ (schickt ihn in Rente!), „I Need The Energy“, „Across The Border“ und „Take A Walk With Me“ doch immer noch eine ganze Latte von (auch auf der Bühne) komplett durchritualisierten Standards braucht – who knows? Zumal sie zwar eine Menge Krach machen und ebenso routiniert dargeboten wie bejubelt werden, aber kein so richtiger Funke mehr überspringen will (trotz oder vielleicht auch gerade wegen exzessiver „Heyo“-Mitsing-Animationen und „Lasst mich eure Hände sehen“). Irgendwie scheint auf wie vor der Bühne keiner mehr so richtig, richtig Lust drauf zu haben, aber es muss halt. Solche Augen-zu-und-durch-Momente, die ja fast jedes Konzert hat, sind okay, solange sie nicht signifikante Strecken des Abends bestimmen.

Richtig schlimm war es allerdings nur an zwei Stellen: „King Without A Throne“ und „Nothing Else“, zwei vom Bein weg schauderliche Hurra-Plumpheiten/-Ausfälle/-Geschmacklosigkeiten/-Pannen (passenden Ausdruck unterstreichen), mit denen aber vielleicht auch nur ich persönlich ein Problem habe. Schöner wär’s jedenfalls ohne gewesen.

Im Zugabenblock kam dann noch das sagenumwobene „namenlose“ Instrumental zu Gehör, das in Wirklichkeit natürlich „Fuckers And Suckers“ heißt und sich auch so anhört. Ein okayer Titel, der gerne im Amt bleiben darf, bis das Stück den verdienten Weg in den Papierkorb Himmel für früh verstorbene Songskizzen antritt.

Doch genug der negativen Töne, die Songs aus dem Sonnenshuttle haben wie gesagt auf ganzer Linie überzeugt und das Konzert alles in allem doch zu einem gelungenen gemacht. Und bei aller Kritik haben mir die Oldies – ein Hauch von „Weißt du noch…“ lässt sich halt nicht verleugnen – immerhin das Gefühl gegeben, doch schon ganz schön lange dabei zu sein.

Deswegen mein Rat: Den alten Krempel aufs Nötigste eindampfen (ein Drittel für immer vergessen, ein weiteres Drittel in ein Oldie-Medley packen und vom übrigen Drittel nochmal ein Drittel radikal umarrangieren). Dann nochmal so ein Album wie „Heading For The Sun“, und ab damit in die Olympiahalle.

PS: Der Putzigkeitspreis des Abends geht an den eigens aus Oberhausen (NRW) angereisten Fan, der der Band während des Konzerts eine Runde Bier ausgegeben hat.

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