Was Doktor? Das Doktor!

von amfenster

Die Nation spaltet sich momentan ob der Frage, wie Karl Theodor zu Guttenbergs Abschreiberei und sein Verhalten in der ‚Copy-Paste-Affäre‘ zu bewerten sind. Während die Sachlage klar ist und Guttenberg damit, wenn hier irgendwas mit rechten Dingen zuginge, ein für allemal erledigt sein müsste, halten große Teile des deutschen Wahlvolkes an ihrer Verehrung für den Teflon-Prinzen fest.

Dabei greift die Guttenberg-Verteidigung praktisch durch die Bank auf eine Handvoll stereotyper Argumente zurück, die wenig Durchblick erkennen lassen und noch viel weniger überzeugen, dafür aber mit beharrlicher Dreistigkeit von diversen Unions-Knallchargen (die es natürlich allesamt besser wissen) in die Talkshows getragen werden. „Abstrus“ (Guttenberg 2011).

 

1. Der ist manchen zu beliebt geworden.

Mag sein, dass mancher nichts dagegen hat, Guttenberg in Kalamitäten zu sehen (ich nehme mich da nicht aus). Den Anlass  dazu aber hat Guttenberg selber geliefert.

Die plagiierten Stellen – und deren erdrückendes Ausmaß! – sind evident und im Prinzip für jeden nachprüfbar. Das hat sich ja keiner ausgedacht.

Warum hätte der Jurist Andreas Fischer-Lescano, der durch das Vorhaben, Guttenbergs Dissertation für eine Fachzeitschrift zu rezensieren, eher zufällig auf erste Plagiate aufmerksam geworden ist, darüber schweigen sollen? Es handelte sich um die Arbeit eines amtierenden Bundesministers! (Oder naja…)

 

2. Das wird alles aufgebauscht. Es gibt doch Wichtigeres.

Geschenkt. Es gibt immer und grundsätzlich Wichtigeres.

 

3. Der Doktortitel hat nichts mit seiner Arbeit als Verteidigungsminister zu tun.

Das sollte man am besten mal dem Kalle Theodor erzählen, der ja nicht um der hehren wissenschaftlichen Ideale willen promoviert hat, sondern weil so ein Doktortitel eben ganz ungemein putzt in einem schicken Karrieristen-Lebenslauf.

Aber es geht ja noch viel tiefer als das.

Wir Staatsbürger können von unseren gewählten Volksvertretern Ehrlichkeit und Integrität erwarten. Natürlich wissen wir, dass es Berufspolitiker damit oft nicht so genau nehmen – vielleicht öfter oder vielleicht auch weniger oft, als man annimmt, wer weiß das schon. Aber den Anspruch dürfen wir immer wieder neu an jeden Politiker stellen.

Es geht noch weiter: Guttenberg hat diesen Anspruch zu seinem Image gemacht und sich immer als integrer und aufrichtiger Klartextreder und regelrechter Anti-Politiker in Szene gesetzt.

Wie kann also einem Mann, in dessen Beruf Glaubwürdigkeit die wichtigste Währung ist und der sich noch darüber hinaus als besonders ehrlicher Vertreter seiner Kaste verkauft – wie kann dem nach einem schweren akademischen Betrugsfall noch Glauben oder gar Vertrauen geschenkt werden? (Und obendrein noch nach dem öffentlichen Rumgeeiere, das mit „abstrusen“ Vorwürfen begann, mit ein paar „vergessenen“ Fußnoten weiterging und schließlich endete bei „Blödsinn, den ich geschrieben habe“.)

Ich zitiere ungern einen SPDler, aber Thomas Oppermann hat es  ganz gut auf den Punkt gebracht mit dem Vergleich zum Ladendieb, der auch nicht sagen könne, „das war mein zweites Ich, das gerade schlampig eingekauft hat“.

Bleibt die Frage, ob sich das Hat-ja-nichts-mit-seinem-Amt-zu-tun-Argument derselben Popularität erfreuen würde, wenn Guttenberg ein überführter Ladendieb, Trickbetrüger, Drogenboss, Kinder****er oder Serienmörder wäre.

 

4. Jeder macht Fehler.

Tritt auch gerne in Form des verschmitzten Eingeständnisses auf, wir hätten „doch alle mal abgeschrieben“.

Nun.

Dazu ist es vielleicht nötig zu erklären, dass ein (ein?) Plagiat in einer wissenschaftlichen Arbeit etwas anderes ist, als beim Semmelholen mal schnell zwei Minuten im eingeschränkten Halteverbot zu stehen.

Guttenberg hat die simpelsten Grundregeln des wissenschaftlichen Arbeitens verletzt – und das in einem Ausmaß, dass man nur noch mit den Ohren schlackern kann. Das ist nicht das Kavaliersdelikt oder der Lausbubenstreich, den offenbar viele  darin sehen (wollen). Das ist Betrug. Ganz einfach.

Die Überforderung des Fleißigen dagegen, mit der z.B. Günther Beckstein in der „Münchner Runde“ noch am Montag Guttenbergs Verfehlung unwidersprochen zu rechtfertigen versucht hat, würde selbst dann nicht zur Verteidigung taugen, wenn wir tatsächlich nur von ein paar unsauberen Zitaten sprechen würden. Wer es in Schule und Studium nicht gelernt hat, den Überblick über seinen eigenen Text und darin verwendete Zitate und Verweise zu behalten, der sollte nicht promovieren.

Wenn Guttenberg nun selbst sagt, er habe „Blödsinn“ geschrieben, straft er damit nicht nur sich selbst Lügen – hat er doch letzte Woche noch die G’schicht von der neben beruflichen und familiären Verpflichtungen unter Schweiß und Tränen abgerungenen Schreibarbeit erzählt. Er brüskiert damit auch seinen Doktorvater, dem er den „Blödsinn“ ernsthaft anzudrehen ja immerhin mal die Stirn hatte. Und er beleidigt im Grunde auch all die unfreiwilligen Versatzstück-Lieferanten seiner Dissertation (vgl. Trittin 2011).

Geradezu atemberaubend ist es, wie Guttenberg selbst es geschafft hat, diese für ihn so unrühmliche Affäre mit der Reue-Arie auch noch in ein Stahlbad zu verwandeln, aus dem die Lichtgestalt nun mit noch mehr Glanz hervorgeht. Schließlich kaufen ihm die Leute sein „Fehler“-Geschwätz ab, und das Märchen vom wackeren Prinzen bekommt so erst noch das nötige Quentchen menschliches Drama, um zur wirklich übermenschlichen Heldensage zu werden.

 

5. Er hat den Doktor ja zurückgegeben.

Schön, wenn er das kann.

In Wahrheit kann er es natürlich nicht. Das steht einzig und allein der Universität Bayreuth  zu (die ihm den Titel inzwischen ja auch  erwartungsgemäß aberkannt hat).

Guttenbergs gutsherrenartige Geste, dann eben freiwillig auf den Titel zu verzichten (oder auch nur so zu tun als könne er das aus freien Stücken), war anmaßend, selbstherrlich, eine Farce.

 

6. Erst schreiben sie ihn hoch…

Auch hier wieder der Kampagnen-Vorwurf.

Es ist ja wahr, Guttenberg wurde in den letzten Jahren medial zum Star hochstilisiert, dass es kaum auszuhalten war. Im Gegensatz zu dieser bisher gewohnten KT-Mania scheint mir die journalistische Aufarbeitung der Plagiatsaffäre im Allgemeinen aber sehr sachlich vonstatten zu gehen. Häme, Gehässigkeit oder Lust an der Zerstörung eines Idols konnte ich in der Berichterstattung nicht ausmachen.

Der natürlich zu einem guten Teil herbeigeschriebene Kurz-vor-heilig-Status Guttenbergs gefällt den Massen dann aber offenbar doch zu gut, als dass sie den Schild ihres Barons mal eine Etage tiefer hängen würden. Jetzt sind eben genau die Medien böse, denen man das Märchen von Prince Perfect vorher nur zu gerne abgekauft hat.

 

Das waren sie, die Argumente, mit denen Guttenberg in Schutz genommen und für seinen Verbleib im Amt plädiert wird. Alle sind – das konnte ich hoffentlich zeigen – widerlegbar, und andere habe ich noch nicht vernommen.

Übrigens, Du hast da Schmiere in den Haaren, Theo.

Advertisements