Spark to a shame

von amfenster

Wer mich kennt, weiß es. Für alle anderen muss ich vorausschicken: Ja, ich mag Chris de Burgh, und wer sagt, dass das Leben einfach ist?

Wir ‚guten‘ CdeB-Fans sind natürlich Kummer gewohnt. Wir haben uns, irgendwie, mit der berüchtigten roten Schrapnelle arrangiert und gelernt, uns nach innen wie – wenn sich unser Fantum denn mal gar nicht mehr verschweigen lässt – nach außen von diesem Song zu distanzieren. Wir können oft auch den übleren Schmalzsongs noch etwas abgewinnen, und wenn’s gar nicht anders geht, hören wir weg und klammern uns an die guten und objektiv (wenn es denn nur jemanden interessierte) über jeden Zweifel erhabenen Nummern, von denen wir wissen, dass er sie in Mengen geschrieben hat und immer noch schreiben kann.

Auf Konzerten versuchen wir, uns nicht allzu sehr runterziehen zu lassen von all den Sekretärinnen, die der „kleine Ire (1,68 m) mit der großen Stimme“ immer noch in Kurzatmigkeit versetzt, und dem passiv-konsumistischen Wetten-dass-Publikum, das auf seinen Tribünenplätzen halt auch mal den Krissdebörg sehen will. Auch in den dünnen Hausfrauenchor bei „Sailing Away“ stimmen wir wacker ein.

Wir wissen, dass CdeB seine Marketingaktivitäten spätestens seit dem Start seines eigenen Labels Ferryman Productions ganz gezielt seinen unterschiedlichen Märkten anpasst. Und es sind verschiedene Märkte. Da sind seit einigen Jahren vor allem die arabischen Länder, in denen CdeB offenbar ein richtiges Idol auch jüngerer Musikhörer ist, und die regelmäßig mit sanften Revolutions-Songs und Duetten mit einheimischen Popsternchen bei Laune gehalten werden. Da ist das wohl allenfalls noch zweitrangige UK-Geschäft, in dem die aktuellen CDs nur noch über wechselnde Exklusiv-Partner wie Warenhaus-  und Drogerieketten vertrieben werden. Und da ist, als sehr solides Standbein, der deutsche Markt, der anscheinend wirklich maßgeblich aus Buchhalterinnen, Friseurinnen und all kinds of Mütterchen besteht und über Kooperationen mit „Freizeit Revue“ und mittlerweile standardmäßig etablierte Promo-Auftritte bei Carmen Nebel erschlossen werden muss (wo er dann auch mal „richtig dolle live“ singen darf, Zitat C. Nebel).

Wir lächeln auch den Frust weg, wenn wir zwecks Erwerb des neuen Albums – selbstverständlich direkt am Erscheinungstag – bei Saturn stehen (denn nur dort gibt’s die Special Edition mit Bonus-CD) und neben uns eine sächselnde Rentnerin ihren Gemahl mit der Information beglückt, da hätten sie heute was drüber im Radio gebracht.

Wir wissen das alles, wir versuchen damit zu leben und durch doppelte Selbstwahrnehmungs-Volten und dreifache Abgrenzungs-Rittberger irgendwie mit unserer Menschenwürde in Einklang zu bringen. Natürlich fühlen wir uns trotzdem ertappt, wenn wir Sachen lesen wie: „Stört es, wenn […] ein spannender Mann Kuschelrock von Chris de Burgh auf dem i-Pod [hat]? Ist das egal oder ein Grund zur Flucht?“, und löschen mal schnell ein paar nicht so ganz dringende Lieblingssongs vom iPod, quasi als Notoperation am offenen Ego, auch wenn wir schon wesentlich wüstere Schmähungen des Künstlers an uns haben abprallen lassen.

Kurz: Wir wissen und sind geübt.

Und doch sehen wir uns stets vor neue Herausforderungen gestellt, erreichen immer wieder einen Punkt, an dem wir nicht mehr weiter wissen. An dem uns routinierte Rechtfertigungen ebensowenig weiterführen wie trotzige Bekundungen eines eben höchst individuellen und unabhängigen Geschmacks oder verzweifelte Versuche, die landläufige CdeB-Rezeption zum großen Missverständnis zu erklären. An dem wir gar überlegen, ob eine feierliche CD-Verbrennung mit anschließendem radikalem Neuanfang in Übersee nicht doch der richtige Weg wäre.

Chris de Burgh wird morgen im „Winterfest der Volksmusik“ bei Florian Silbereisen zu Gast sein.

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