Was sie sind

von amfenster

Auch wenn ich mich anderswo bereits sehr lobend über das neue The Seer-Album „Heading For The Sun“ verbreitet habe, ist es mir ein Bedürfnis, noch einmal in die Welt zu schreien, was für eine großartige Platte den Herren da gelungen ist. Die Messlatte für alle The Seer-Alben war für mich bisher das in diesen Tagen ziemlich genau 15 Jahre alte Debüt „Across The Border“, das noch von keinem seiner Nachfolger getoppt wurde. Wie das in langen Ehen so ist, man gewöhnt sich aneinander und eine gewisse Leidenschaftslosigkeit macht sich breit, aber man schätzt sich und ist vertraut miteinander. Einen solchen Langzeittest hat das jüngste Baby freilich noch vor sich. Doch vom jetzigen Standpunkt aus muss ich sagen: „Heading For The Sun“ fegt all seine Vorgänger mühelos vom Platz – inklusive „Border“!

Tatsächlich ist kein schlechter Song auf dem Album, allenfalls zwei, drei etwas lauere Nummern, an denen wenig mehr auszusetzen ist, als dass sie halt meinen Geschmack nicht so ganz treffen. Der Rest aber ist robinsonesk einsame Spitze, und ich krieg mich – nach jetzt auch schon wieder drei Monaten – gar nicht mehr ein vor lauter Freude über die in etwa wöchentlich wechselnden Lieblingslieder.

Mit dem Produzenten Chris Wolff haben The Seer ganz offenbar ihren Meister gefunden, denn auch wenn seine Amtsvorgänger allesamt Solides geleistet haben, ist er der Erste, der mit viel Sensibilität die Charakteristika des The Seer-Stils herausgearbeitet, Schwächen sanft geglättet und einen Gesamtsound geformt hat, der trotz des weitgehenden Verzichts auf die früher sehr üppig eingesetzten (Pseudo-)Folk-Einsprengsel nicht gesichtslos wirkt – im Gegenteil.

Man darf sagen: Sowas war noch nie da.

„Across The Border“ war ein Rohdiamant; das Songwriting war oft noch sehr grobschlächtig und kam weitgehend ohne echte Melodiebögen aus, hatte aber doch viel Charme.

„Own World“ stellte die Schwächen von The Seer eher noch auf Hochglanz poliert aus, statt an ihrer Beseitigung zu arbeiten.

„Liquid“ war der Versuch, Neues zu wagen. Wohlgemerkt: der Versuch, wurde doch viel Charakter zugunsten halbgarer Experimente aufgegeben. Aus meiner persönlichen Sicht (fast) ein Desaster, immer noch.

„Rise“ kann ich dagegen als Versuch, wirklich mal alles anders zu machen, akzeptieren – auch wenn ich mit dem Album nie zur Gänze und auf Dauer warm geworden bin. Die vergessene Stieftochter unter den The Seer-Alben, die daher eine gewisse Outsider-Sympathie genießt. Und: Hier begann die Ära der durchkomponierten Songs, und das Schema Hookline – Füllmaterial – Hookline wurde aufgebrochen.

„Arrival“ kehrte dann wieder ein bisschen zu diesem Schema zurück, kam aber mit genug Power und ungewohnt bühnennahem Sound daher, um zu jenem Zeitpunkt richtig zu sein. Im Rückblick vielleicht auch wieder ein bisschen grobschlächtig, aber immer noch in der Liga der besseren Alben.

Und nun: „Heading For The Sun“. Alles ist da: strahlende Refrains, Jo Cordas Mandoline, Peter Seipts Harmoniegesang, auch die Anklänge an Vorbilder wie Big Country und die Simple Minds. Aber nie, wirklich noch nie klang all das so ausgewogen, so rundum entspannt und dabei doch so unverwechselbar nach The Seer. Ja: Sie haben ihren Sound gefunden (was auch für die zwei Songs gilt, die mir nicht so taugen – auch sie sind typisch The Seer, sie repräsentieren eben diese eine Facette, die mich jetzt weniger anspricht). Alle anderen Alben waren notwendig, um dorthin zu kommen, und sie haben ja auch eine Menge Spaß bereitet – aber das war das Ziel, so sollten The Seer klingen, das ist, wofür sie vor 20 Jahren angefangen haben, The Seer zu sein.

Und dafür möchte ich einfach nochmal sagen: Glückwunsch und Danke!

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„Heading For The Sun“ – hier reinhören, hier kaufen.

Update 09.10. DIESE PLATTE IST SO GUT!!!

Update 28.05.11 Hach!

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