…wat willse ergeben?

von amfenster

Ein, nein: DER Klassiker unter Sprachnörglern ist ja der angebliche Anglizismus Sinn machen. Allerhand Einwände hört man dagegen, von denen derjenige, Sinn könne man nicht ‚machen‘ sicherlich einer der bizarrsten ist (als ob der Phraseologismus so verwendet würde). Als Alternative wird dann immer Sinn ergeben angepriesen, und diese Propaganda scheint Erfolg zu haben: Wie oft liest oder hört man Sinn ergeben, wo ein Sinn machen viel unauffälliger wäre? Man müsste das korpusanalysemäßig überprüfen, aber mein Gefühl ist, dass man die Wendung etwas ergibt Sinn heute häufiger hört und liest als vor zehn Jahren. Ich persönlich stolpere jedenfalls fast immer darüber, und darunter schreit mich umso lauter das vermiedene und reflexhaft ersetzte Sinn machen an.

Ein interessanter Fall begegnete mir heute bei Spiegel Online in einem Artikel über ein Alkohol-Aufklärungs-Team der BZgA. Darin heißt es:

„Mit Betrunkenen diskutieren, das ergibt keinen Sinn“, sagt Thomas.

Und da haben wir’s: den völlig unsinnigen Übergebrauch der vermeintlichen Wunderwaffe Sinn ergeben. Warum sollte es auch Sinn ergeben, mit Betrunkenen zu reden? Das Verb ergeben impliziert, dass da zwei oder mehr Faktoren waren oder sind, aus denen etwas Neues – naja, nicht direkt entstanden ist, sondern sich eben ergeben hat: Rechenergebnisse, Konsequenzen – oder eben Sinn. Zwei plus Drei ergibt Fünf. Einen Gedanken mit einem anderen Gedanken in Verbindung zu bringen, ein Problem mit einer Lösung zu kombinieren, über das unterschiedliche Handeln einer Person in zwei verschiedenen Situationen nachzudenken – all das kann Sinn ergeben oder eben auch nicht. Aber mit Betrunkenen reden? Das kann sinnvoll sein (oder eben nicht), Sinn haben (oder eben nicht), Sinn machen (oder eben nicht). Aber woraus sollte sich da Sinn ergeben?

Mit machen würde der Satz übrigens einwandfrei funktionieren:

„Mit Betrunkenen diskutieren, das macht keinen Sinn“, sagt Thomas.

Das wäre dann das Gleiche wie

„Mit Betrunkenen diskutieren, das hat keinen Sinn“, sagt Thomas.

Womit so ganz nebenbei erwiesen wäre, dass Sinn ergeben eben nicht das Gleiche ist wie Sinn machen, sondern dass Sinn machen vielleicht das Gleiche heißen kann wie Sinn ergeben, aber dass mindestens noch die Komponente Sinn haben dazu kommt. Aber das ist wahrscheinlich schon wieder zuviel für Leute, die gerne simple Antworten auf schlichte Empörungen haben wollen.

Vor allem aber fragt man sich da wieder, wo wir eigentlich leben, dass die Sprachnörgler dieser Welt gegen den unreflektierten Gebrauch von angeblichen Anglizismen zu Felde ziehen und dabei den ebenso unreflektierten Gebrauch von dezidierten Nicht-Anglizismen nicht sehen.

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