Public compound

von amfenster

Auf den neuen Public-Viewing-Artikel im Sprachlog habe ich im letzten Beitrag bereits verwiesen.  Nun hat der Leser Dierk dort einen interessanten Kommentar hinterlassen, der vielleicht ein wenig zur Aufdröselung des Leichenschau-Gerüchts beitragen kann.

Dierk schreibt:

Mir scheint hier ein ganz simples Missverständnis vorzuliegen. In meinem ersten Kommentar deutete ich bereits an, dass ich ‚public viewing‘ nicht für ein Kompositum halte, sondern eine einfache NP – ‚public‘ modifiziert hier ‚viewing‘, es entsteht kein eigenständiger Begriff wie ‚doghouse‘ oder ‚white collar‘.

[…]

Wenn Staatsoberhäupter sterben ist es in vielen Ländern, u.a. den US, üblich, eine Totenwache zu halten (egal, ob der Präsident katholisch war oder nicht), dabei wird dann oft zwischen unterschieden nach den Tagen, an denen jeder am offenen Sarg vorbei darf, und Tagen, in denen nur die Familie und enge Freunde oder offizielle Besucher vorbeischauen dürfen. Das ‚public viewing‘ bezeichnet also auch hier nicht etwa die Aufbahrung an sich […]

Wenn ich das recht verstanden habe, ist also von zwei unterschiedlichen Phänomenen auszugehen:

  • einerseits der Nominalphrase public viewing (also Adjektiv public + Nomen viewing), die dann tatsächlich das öffentliche Anschauen von irgendwas meint und bei der der Ton auf viewing liegen dürfte (das ist allerdings mehr so ein Gefühl, ich bin kein Anglist); diese Nominalphrase liegt dann auch der Entlehnung Public Viewing im Deutschen zugrunde.
  • andererseits dem Determinativkompositum public viewing (also einem aus den beiden Nomen public und viewing zusammengesetztes neues Nomen), das im Gegensatz zu ersterem meint, dass die Öffentlichkeit/ein öffentliches Publikum (the public) etwas anschauen darf, was sich sonst hinter verschlossenen Türen befindet (ein aufgebahrter Altpräsident etwa), und bei dem der Ton auf public liegen dürfte. Hier ist dann in der Tat denkbar (aber nicht zwingend!), dass dieses Kompositum vorzugsweise für den Vorgang der ‚Leichenschau‘ verwendet wird – allerdings, wie von Dierk beschrieben, nicht im Sinne von ‚Leichenschau‘ an sich, sondern einer Aufbahrung, zu der jeder kommen kann – im Gegensatz zu derjenigen, die Angehörigen oder geladenen Gästen vorbehalten ist.

Die entsprechende Unterscheidung im Deutschen wäre etwa öffentliches Anschauen (Nominalphrase) versus Besichtigung durch/für die Öffentlichkeit, oder tatsächlich als (freilich etwas seltsam klingendes und missverständliches) Kompositum: Publikumsbesichtigung. Ein kleiner, aber mit ein wenig Sprachgefühl doch recht deutlich spürbarer Unterschied, der sich freilich demjenigen verschließt, der lieber mit der großen Nörgelwalze über alle Gewächse im großen Sprachgarten fährt.

Und nebenbei wieder ein schönes Beispiel dafür, dass es sich lohnt, genauer hinzuschauen und festzustellen, dass in der Sprache kaum etwas ohne Sinn so ist, wie es ist.

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