Public Viewing reloaded

von amfenster

Noch herrscht Ruhe. Vielleicht klemmen sie gerade noch ihre Fähnchen ans Auto, vielleicht stimmen sie noch ihre Vuvuzelas (was für ein Quatsch, by the way!). Aber sie werden in den nächsten Wochen garantiert unter ihren Steinen hervorkriechen, um ihr Schweigen zu brechen und dem allgegenwärtigen Gesaufe und Gejohle, Gegrille und Gegröle das nötige Quentchen Sprachnörgel hinzuzufügen: all die vielen, vielen Deutsch-Spezialisten, die zu wissen glauben, dass Public Viewing eigentlich ‚Leichenschau‘ bedeute. Ich sehe sie vor mir, die auf das Erstaunen ob der soeben verkündeten Wahrheit lauernden Gesichter, auch der eine oder andere plumpe Scherz in Richtung „Gehen wir Leichen kucken“ klingt mir bereits im Ohr.

Deshalb noch einmal: Nein nein nein, es stimmt nicht! Public Viewing heißt nicht viel mehr als ‚öffentliche Zurschaustellung‘, oder vielleicht etwas präziser ‚öffentliches Anschauen‘ – einer Leiche, einer Fußballübertragung, einer wasauchimmer.

Details entnehmen Sie bitte, wie schon vor zwei Jahren, diesem Beitrag aus dem (damals noch) Bremer Sprachblog.

Public Viewing [ist] kein Scheinanglizismus […] — es ist lediglich ein Lehnwort, das im Deutschen eine engere Bedeutungsspanne hat, als im Englischen. mehr

Update 10.06. Auch Anatol Stefanowitsch hatte die Idee, sich in seinem Sprachlog (dem Nachfolger des Bremer Sprachblogs) zur WM noch einmal des Themas anzunehmen. Erneut kommt er zu dem korpusgestützten Schluss, „die Behauptung, dass der Begriff sich ‚eigentlich‘ oder ‚ursprünglich‘ oder ‚für englische Muttersprachler‘ an erster Stelle auf eine Leichenbeschau bezieht, [sei] schlicht und einfach Unsinn“.

Unbedingt lesenswert auch der dort verlinkte, mit reichlich Beispielen unterfütterte Artikel auf 11freunde.de.

Advertisements