In memoriam Frank Wulff

von amfenster

Frank Wulff, Komponist, Multiinstrumentalist und Mitbegründer der deutschen Band Ougenweide, ist vor einer Woche am 19. März 2010 gestorben. Er wurde 57 Jahre alt.

Die Nachricht trifft mich seltsamerweise in einer Phase, in der ich mal wieder ganz viel Ougenweide höre. Allein gestern, noch bevor ich wusste, habe ich fünf, sechs Mal „Bald Anders“ gehört, dieses Folkrock-Wunder in C-Mixolydisch, und – zum ersten Mal überhaupt, glaube ich – das komplette Live-Doppelalbum „Ungezwungen“. In den letzten Tagen habe ich öfter mit dem Gedanken gespielt, ein Buch über Ougenweide zu schreiben, weil es sowas noch nicht gibt und weil diese Band ein Buch wert wäre und weil die Herrschaften ja auch nicht jünger werden, und solange man sie noch alle fragen kann… Immer wieder habe ich auch an meine Begegnung mit Frank Wulff gedacht, damals im November 2002, als er mit der Band von Etta Scollo hier gastierte und ich nach dem Konzert mit meinen gesammelten Ougenweide-Platten unterm Arm auf ihn zugegangen bin, er zuerst völlig perplex war in diesem völlig Ougenweide-fernen Kontext, sich dann aber wie ein Schnitzel über den jungen Fan freute und alle meine LPs signierte, freudig erstaunt darüber war, dass ich sogar die unpopuläre „Noch aber ist April“ dabeihatte, erzählte, dass er seine Ougenweide-LPs irgendwann alle verschenkt habe und sie sich erst mühsam auf Flohmärkten wieder zusammensuchen musste, davon berichtete, dass ein neues Album in Arbeit sei, und sich verabschiedete mit der Bemerkung, das hier müsse er morgen gleich Stefan (seinem Bruder, Ougenweide-Bassist und Mitbetreiber der O’Ton-Studios) erzählen, wenn er mit ihm telefoniere. Den Folienstift, mit dem dieser freundliche, zugängliche Mann meine Platten unterschrieben hat, habe ich heute noch. Bis vor kurzem ging er auch noch überraschend gut.

Im Herbst 2004 kam die Originalbesetzung von Ougenweide noch einmal für ein One-off-Konzert im Hamburger Club „Knust“ zusammen, und es hat mich immer ein wenig gefuchst, damals nicht hingefahren zu sein. Jetzt stellt sich heraus, dass das offenbar einer dieser Fehler war, die man sein Leben lang bereut.
Ich habe mich gefreut, dass Ougenweide – in neuer Konstellation – wieder aktiv sind. Habe mich auf die neue CD „Herzsprung“ gefreut, von der Frank 2002 schon sprach und die nun im April endlich erscheinen wird, und auf die Aussicht, in diesem Zusammenhang sicher auch mal ein Konzert besuchen zu können.
Makulatur. Auf die CD freue ich mich immer noch, aber es wird schwer werden, sie zu hören. Die Geschichte von Ougenweide ist zu Ende. Wir können uns nur mit Franks Musik trösten, und mit der Gewissheit, dass es ihm, der uns so reich mit ihr beschenkt hat, schon allein dafür nicht ganz schlecht gehen kann dort, wo er jetzt ist.

Denn ohne das in der Band Ougenweide versammelte kreative Potenzial kleinreden zu wollen, das aus den sprudelnden Ideen dieser sechs unterschiedlichen Musikerpersönlichkeiten einen homogenen Sound formte – die schönsten, betörendsten, erlesensten und ewigsten Melodien der Gruppe waren meistens Wulff-Kompositionen  (von Frank und/oder seinem Bruder Stefan). „Ouwe“, „Nieman kan mit Gerten“, „Bald Anders“, die „Merseburger Zaubersprüche“, das „Tobacco-Lob“, „Wan si dahs“ – alle tragen in der Autorenzeile den Namen Wulff.

Vielleicht war Frank ein bisschen wie der Bald Anders, dem er ein musikalisches Gesicht gegeben hat. Er zog mit seiner Flöte – und vielen, sehr vielen anderen Instrumenten – wohl durch das Land. Immer stand ihm sein Künstlersinn – soweit ich sein Schaffen überblicke, ich selbst kenne ja nur seinen Ougenweide-Output – nach Wandlung und Weiterentwicklung. Man hört das an den verschiedenen Schaffensphasen von Ougenweide, aber es wird auch klar, wenn man sich die weiteren Stationen seiner Musikerkarriere ansieht, die sich vor allem in den Gefilden der Film- und Theatermusik befanden. Auch scheute er sich in unserem Gespräch damals nicht davor zuzugeben, dass ihm auf der CD „Sol“ mittlerweile zu viele Synthesizer drauf seien. Nun hat ihm der erbarmungslose Bald Anders das silberne Rohr, auf dem Frank Wulff gespielt hat wie kaum ein zweiter, wieder aus der Hand genommen.

Ich bin traurig und tanze.

Wir seh’n ihm nach und denken fürwahr,
Wie sind all‘ Ding‘ so wandelbar!

So zieht Bald Anders rastlos dahin,
Nach steter Wandlung steht im der Sinn.
Wir tanzen in seinem Reigen,
Bald anders wird die Welt sich zeigen.

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