Frau Fischer redet Blech

von amfenster

Irene Fischer, Schauspielerin und Drehbuchautorin in der „Lindenstraße“, wurde unlängst im Chat der Lindenstraßen-Homepage gefragt, ob man sagen könne, in welchem Rhythmus sich Handlungsstränge wiederholen. Ihre Antwort lautete folgendermaßen:

kein handlungsstrang wiederholt sich – die geschichten sind eine logische konsequenz, die sich aus der biografie der figuren ergibt, […]

Radikal interpretiert wären Autoren in der Lindenstraße demzufolge überflüssig, es fügt sich ja alles von selbst. Doch nicht nur deswegen ist Frau Fischers Aussage Quatsch.

Dass Erich Schiller aus heiterem Himmel einen Herzinfarkt erleidet – eine logische Konsequenz aus seiner Biografie?

Dass Andy Zenker durch eine einem LKW entweichende giftgrüne Flüssigkeit radioaktiv verseucht wird* –  eine logische Konsequenz aus seiner Biografie?

Dass Penner Harry nach zehn Jahren einen bürgerlichen Namen bekommt – eine logische Konsequenz aus seiner Biografie?

Dass Klaus Beimer aus einer glücklichen Ehe heraus fremdgeht und natürrlich gleich ein Kind zeugt – eine logische Konsequenz aus seiner Biografie?

Dass Suze Richter irgendwann plötzlich lesbisch wurde – eine logische Konsequenz aus ihrer Biografie?

Dass sie nun plötzlich wieder hetero ist – eine logische Konsequenz aus ihrer Biografie?

Dass Marion Beimer als Osho-Anhängerin aus dem Off aus Indien zurückkehrt – eine logische Konsequenz aus ihrer Biografie?

Dass Lea in einem Anfall pubertärer Eifersucht Caros Kondome zersticht – eine logische Konsequenz aus ihrer Biografie?

Dass Gabi Zenker bei einem Unfall ihr Gehör verliert – eine logische Konsequenz aus ihrer Biografie?

Dass Tom Ziegler mal eben ein Date mit seiner Kameradin Irina im Internet versteigert, ohne deren Wissen und natürlich prompt an einen Stalker – eine logische Konsequenz aus seiner Biografie?

Dass Irina gestalkt wird – eine logische Konsequenz aus ihrer Biografie?

Dass selbiger Tom Ziegler seit neuestem eine todgeweihte alte Dame betreut – eine logische Konsequenz aus seiner Biografie?

Dass Ines Kling eine WG mit Jack Aichinger gründet – eine logische Konsequenz aus beider Biografien?

Dass Zorro nach Jahren aus New York in die Lindenstraße zurückkehrt und nach einem halben Jahr höchst anstrengenden Gelärmes, aber unter Umgehung jeglichen Anzeichens von Handlung wieder abhaut – eine logische Konsequenz aus seiner Biografie?

Oder sind das nicht einfach alles aus dem Nichts gesponnene Handlungsstränge (womit über ihre Qualität erstmal gar nichts gesagt ist) und mehr oder minder fadenscheinige Vorwände für produktionstechnische Notwendigkeiten?

Es ist klar, dass die Autoren bestimmte Geschichten erzählen wollen. Es ist klar, dass sich nicht jede Geschichte mit jeder Figur erzählen lässt. Es ist klar, dass sich manche Entwicklungen aus der Vorgeschichte einer Figur förmlich aufdrängen. Es ist klar, dass Herzinfarkte, Schlaganfälle und Schicksalsschläge im Seriengeschehen so unvermittelt kommen müssen wie im richtigen Leben. Und es ist auch klar, dass bestimmte Geschichten aus ganz profanen produktionstechnischen Gründen notwendig sind, z.B. um einen Ausstieg vorzubereiten oder zu erklären, warum die neue Marion Beimer soviel offener und lebhafter und sympathischer ist als die alte.

Aber dem Zuschauer weismachen zu wollen, alles, aber auch wirklich alles, was in der Lindenstraße passiert, entspringe einzig und allein der inneren Logik der Serienhandlung selbst, ist nichts anderes als Verarschung. Natürlich lassen die Autoren manche Geschichten aus dem Nichts beginnen. Natürlich können sie entscheiden, welchen Abzweig sie bei der Entwicklung einer Figur nehmen, ob sie aus Schicksal A von Figur X Handlung B oder Schicksal C oder Handlung A’ oder gar nichts folgen lassen.

Frau Fischer, ich weiß, wir sollen die Lindenstraße ernst, aber nicht bierernst nehmen. Aber dieser Kommentar oben, der war nix.

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*) In Fankreisen ist diese Geschichte nur noch unter dem schönen Namen „der Atomschmarrn“ bekannt.

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