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von amfenster

20 Jahre Mauerfall. Bei aller berechtigten Freude über dieses Jubiläum: was heute an rührseliger Patriotismus-Nabelschau durch sämtliche Medien geistert, ist unerträglich.

Zum Beispiel das „heute journal“, das ja eigentlich doch eine tagesaktuelle Nachrichtensendung ist. Marietta Slomka steht am Brandenburger Tor und platzt beinahe vor Pathos und interviewt mit hochwichtigem Das-hier-sind-Topnews-Lächeln Genscher und Gorbatschow, die nach 20 Jahren freilich wenig erhellende Neuigkeiten zum Thema beizutragen haben, womit sie dann aber auf einer Linie mit den Einspielern liegen, welche die tausendfach gesehenen Bilder von Schabowskis Pressekoferenz (an sich ein immer wieder gern gesehener Klassiker), von den Menschenmassen an den Grenzübergängen, von den Mauerkletteren undsoweiterundsofort bringen, wobei dramasteigernde Zeitlupen ebenso großzügig eingesetzt werden wie seichte Synthie-Hymnen und, man halte sich fest, Westernhagens „Freeeeeeiheit“. Das übliche Repertoire zum schnellen, unkomplizierten und rückstandsfreien Heraufbeschwören patriotischer Ergriffenheit, sicher, aber doch bemerkenswert im Zusammenhang einer öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendung.

Auf den anderen Kanälen sieht es nicht besser aus. In der ARD z.B. interviewte der unsägliche Thomas Kausch irgendeinen ehemaligen Politbüro-Fritzen. Ein ältliches Männlein, das sich um die Bewahrung seiner Restwürde bemühte und völlig richtig äußerte, dass „Freiheit“ nun mal nicht alles sei, sondern zu einem menschenwürdigen Dasein z.B. auch gehöre, nicht von Hartz IV leben zu müssen – irgendwas in der Art. Was nun Establishment-Kausch so gar nicht ins affirmative Konzept passte und ihn dazu veranlasste, noch irgendetwas Unbedeutendes zu stammeln, was übersetzt wohl soviel hieß wie „Geht gaar nich!“, und das Gespräch dann ganz schnell zu beenden. Die Szene demonstrierte eindrucksvoll, dass es bei all dem Bombast rund um das Mauerfall-Jubiläum nicht um respektvolles Gedenken geht, um Besinnung auf die Geschichte, oder um Reflexion und Diskussion. Sondern um hirnlose Abfeierei, um Selbstbestätigung des mediokren Meinungs-Mainstreams und um ein – in jeder Bedeutung des Wortes – billiges Gemeinschaftsgefühl. Ich konnte beim Betrachten der Fernsehbilder am heutigen Abend keinen großen Unterschied zu den Ballermännereien nach einem, sagen wir, EM-Viertelfinalsieg der DFB-Elf erkennen.

Der Bayerische Rundunk bringt soeben den „Tagesthemen“-Ausschnitt mit Hajo Friedrichs („die Tore in der Mauer stehen weit offen“), und natürlich fehlt nicht der in den letzten Tagen so ziemlich überall (außer vielleicht im neuen Asterix) zu lesende Kommentar, dass das zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gestimmt habe – was in meinen Augen eine beunruhigende Unempfänglichkeit unserer Journaille für metaphorisches Sprechen offenbart (das zu unterstellen ich in diesem Fall für zumindest nicht völlig abwegig halte). Überhaupt der BR. Bayern 2 war sich ja heute morgen nicht zu schade, ein Feature über den Mauerfall mit den Anfangstakten von „Wind Of Change“ einzuleiten. Auch das ist bemerkenswert: dass nicht einmal ein erwiesenes Qualitätsradio um die Klischeekiste des bundesrepublikanischen Wende-Gedenkens herumkommt. Immerhin folgten gleich darauf ein paar versöhnliche Takte aus Sillys „S.O.S.“, was mich schnell wieder besänftigte.

Zurück ins ZDF. Hier demonstriert das System seine Überlegenheit zur Stunde mit der Sendung „Der schwarze Kanal kehrt zurück“, Untertitel „Achtung Satire!“

Ich geh dann mal brechen Silly hören.

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