Peite Reloaded

von amfenster

Mitte der 80er, ich war vier oder fünf oder sechs, hatte ich einen Musikfetisch: die LP „Alas de Libertad“ der chilenischen Folkloregruppe Kamac Pacha Inti – von mir aus heute nicht mehr erfindlichen Gründen „Peite“ genannt. Die Platte, die ich weiß nicht woher gekommen, sondern halt einfach da war, musste rauf und runter gespielt werden, und als ich eine Kassette mit der überspielten LP bekam, war das ein Fest.

Nun googelte ich neulich eher unmotiviert nach den südamerikanischen Helden meiner Kindheit und fand wenig von dem, was ich suchte, nämlich Informationen über die Band. Dafür stieß ich völlig unerwartet auf zwei Blogs, die just dieses Album, „Alas de Libertad“ digitalisiert zur Verfügung stellten – einmal mit etwas unsauber gesetzten Trackanfängen und recht grob eingescanntem Cover, und einmal mit sehr präzise gesetzten Trackanfängen, klarerem Klang und hochaufgelöstem Cover plus liebevoll gestaltetem Jewelcase-Einleger, dafür etwas mehr Vinyl-Geknister und, wie ich meine, einen Tick zu schneller Abspielgeschwindigkeit.

Unnötig zu sagen, dass ich das schneller auf dem Rechner hatte, als ich „Atahualpa“ sagen konnte und vor Glückseligkeit beinahe geweint hätte. Kindheitskult plus nostalgische Verklärung – das muss ja zünden.

Aber was sagt der Erwachsene nun zur Musik? Nun, von den Panflöte- und Charango-Klängen kann man sich schon an eine Fußgängerzone an einem langen Samstag ca. 1989 erinnert fühlen. Aber Kamac Pacha Inti ist dann – zumindest auf diesem Album, mehr kann ich  nicht beurteKamac Pacha Intiilen – doch was anderes als das stereotype Andengedudel der Poncho-Mafia. Nämlich sehr eingängig komponierte, ideenreich arrangierte und virtuos gespielte – ja, Popmusik, wenn man so will, aber eben ausgeführt mit den Mitteln der lateinamerikanischen Folklore. Der Titelsong oder die berückend schöne Ballade „Mama Pampa“ etwa sind richtige Hits. Zugegeben, man muss seine Panflöten-Aversion überwinden, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen. Ich habe den Vorteil, dass das einfach der Sound meiner Kindheit ist… Um Volksmusik im engeren Sinne handelt es sich übrigens nicht, stammen doch bis auf eine Ausnahme alle Stücke aus der Feder des Bandmitglieds Ramón Plaza, und Traditionals sind hier gar keine zu finden.

Mein eigentliches Suchanliegen, einfach was über die Gruppe rauszufinden, war wie gesagt nicht so wirklich von Erfolg gekrönt (auch wenn ich hier einen kleinen Artikel gefunden und mit LEOs Hilfe auch einigermaßen verstanden habe) . For the record hier noch das, was ich in Erfahrung bringen und mir anhand meiner Recherche so zusammenreimen konnte:

Kamac Pacha Inti wurden um 1970 in Chile von Edouardo Cavour gegründet und standen zumindest lose im Kontext einer Musikbewegung namens Nueva Canción, die im Pinochet-Regime während der 70er stark unter Druck geriet. Der Bandname  kommt aus dem Aymara und bedeutet – hier existieren widersprüchliche Angaben – „Söhne des Sonnenlandes“ oder „großer Gott Sonne“. In ihrem Heimatland war die Gruppe offenbar recht populär, 1976 entstand die erste LP „Mi Raza“. Ende der 70er emigrierte Cavour nach Deutschland – mit Kamac Pacha Inti, wobei mir nicht ganz klar ist, ob die Formation geschlossen nach Deutschland kam oder hier neu gegründet wurde. Die LP „Alas de Libertad“ entstand Ende 1981. Cavour war da anscheinend schon nicht mehr dabei, Kopf der Gruppe war wohl der oben erwähnte Ramón Plaza. Der allerdings stieg, zusammen mit dem Ko-Autor Victor Hugo Candia, kurz nach Erscheinen der Platte aus und gründete eine neue Band namens „Crisol“, während der Rest unter dem Namen Kamac Pacha Inti weitermachte. Diese Formation, die ich nun nach meinem Kenntnisstand informell als „Kamac Pacha Inti 3“ bezeichnen würde, war noch einige Zeit aktiv, trat auf Folklorefestivals, Kleinkunstbühnen und in alternativen Kulturzentren auf (auf diesem Weg muss auch die LP zu uns ins Haus gelangt sein) und löste sich dann wohl recht bald auf. Ich kann mich erinnern, dass ich mit fünf oder sechs zu einem Konzert einer Band mitgeschleppt wurde, der einige Ex-„Peite“-Mitglieder angehörten und deren Namen ich natürlich längst vergessen habe. Einige der Musiker sind noch in Deutschland aktiv, Tito Molina etwa tingelt mit „El Combo Paraguayo“ über Kreuzfahrtschiffe und ist sich nicht zu schade, aus einem Schnappschuss an der Seite von Harald Schmidt eine dufte Männerfreundschaft zu konstruieren, und auch der Bandgründer Edouardo Cavour ist noch im Lande. Von anderen findet sich dagegen überhaupt keine Spur mehr. Dabei würde mich grade interessieren, was aus Ramón Plaza geworden ist, dem ich My Personal Peite-Experience ja offenbar maßgeblich zu verdanken habe. Wer etwas weiß, darf sich gerne melden. Wer ähnlich verzweifelt nach Infos über Kamac Pacha Inti gesucht hat wie ich und nun dank dieses Artikels etwas schlauer ist als vorher, ebenso. Und natürlich sind auch Korrekturen willkommen.

Zum Schluss noch ein besonderes Schmankerl: „Peite“ live am Anfang der 80er. Zu Gehör kommen Motive aus den Instrumentalnummern „Aukikuna“ und „Atahualpa“ sowie – ja, ’s ist leider wahr – „El Condor Pasa“.

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