Fremdschämen

von amfenster

Stefan Niggemeier berichtet in einem seiner aktuellen Blogeinträge von dem Unterhaltungswert, den ihm der amerikanische Wahlkampf bietet, insbesondere die Peinlichkeiten der republikanischen Vize-Kandidatin Sarah Palin. Den Genuss bezieht er dabei aus jener „Art der Komik […], die fast vollständig aus der Unerträglichkeit von Situationen entsteht“ und wofür er das englische Verb to cringe anführt, das seiner Meinung nach kaum adäquat übersetzbar sei – wobei er sich dann letztlich doch einigen seiner Kommentatoren anschließt, die, „zu Recht, „fremdschämen” als treffende Übersetzung“ vorschlagen.

Nun, zum einen verstehe ich nicht, wo der Cringe-Effekt liegen soll, wenn eine unsympathische Republikaner-Amazone dummes Zeug daherstammelt. Ich kann das bekopfschütteln, vielleicht auch bis zu einem gewissen Grad unterhaltsam finden, aber die fast körperlich spürbare Peinlichkeit, auf die sich sowohl to cringe als auch fremdschämen beziehen, empfinde ich dabei sicher nicht. Aber gut, das ist wohl Geschmacks- und Empfindungssache, und darum geht’s mir ja eigentlich nicht.

Viel mehr stört mich, dass der ansonsten doch sehr vife Niggemeier sich hier ohne zu zögern eines der abgeschmacktesten und in kürzester Zeit totgenudelten Modewörter bedient – fremdschämen eben.

Was ich noch vor gar nicht allzu langer Zeit für eine treffende Beschreibung jenes Gefühls hielt, das sich etwa bei unbeholfenen Verseinlagen auf runden Geburtstagen, bei betulich-verunglückten Bühnendarbietungen oder bei unangemessenem Benehmen von Mitmenschen einstellt – eine merkwürdige Mischung aus Herzklopfen, Schweißausbrüchen und Weglaufenwollen, immer (und das ist entscheidend) mit der Komponente des ungerechtfertigterweise Persönlich-Betroffenseins -, wird inzwischen völlig inflationär gebraucht für jegliche Art von Ereignissen, Handlungen oder Äußerungen, die man ein bisschen seltsam, kurios, unsympathisch, bedenklich oder misslungen findet.

Egal, ob Mario Barth im Fernseh rumkaspert oder eben Sarah Palin dumm daherredet, ob – wie von Niggemeier angeführt – in Stromberg ölige Chefs karikiert werden oder bei der Super-Nanny kaputte Familien vorgeführt, ob Angela Merkel in Norwegen Dekolleté zeigt oder Eva Herman bei Kerner über Autobahnen spricht, ob Bild eine Bild-Schlagzeile bringt oder mal wieder irgendwo irgendwer irgendwen mit Hitler vergleicht – man schämt sich fremd. Über all dies kann man den Kopf schütteln, man kann es unglaublich, unterhaltsam, empörend oder beängstigend finden. Aber es fehlt die Unmittelbarkeit, die Fremdschämen erst möglich macht.

Und so ist fremdschämen – ähnlich wie das eigentlich ja auch sehr originelle, wunderbare Ausdrucksnuancen anbietende gefühlte XY, das einem mittlerweile in allen möglichen und unmöglichen Zusammenhängen entgegenschallt – eine blubbernde Zeitgeist-Vokabel geworden, die zu verwenden ich so gar keine Lust mehr habe.

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