Paul Potts

von amfenster

Ich gebe ja zu, dass so mancher Hype völlig an mir vorbeigeht oder mich auf seinem Höhepunkt allenfalls lau von der Seite anweht. Und so hat es einige Zeit gedauert, bis ich von Paul Potts gehört habe und noch länger, bis ich den um ihn rum gestrickten Telekom-Spot zu Gesicht bekommen habe (es war letzten Montag, um genau zu sein). Ich will mich gar nicht über den armen Mann auslassen, er interessiert mich genau genommen überhaupt nicht. Es ist die mit ihm verbundene Lehreinheit Kapitalismus, die mich fasziniert.

Da ist also vor einiger Zeit ein hässlicher Hobbysänger in einer Casting-Show aufgetreten und hat eine CD aufgenommen, die sich nun recht ordentlich verkauft. Soweit nichts Außergewöhnliches. Doch da ist noch mehr. Im Internet kursiert das Video von Potts‘ Auftritt in der Show, die Telekom hat selbigen in einen offenbar hoch erfolgreichen Werbespot eingebaut, und bei Amazon sprechen Rezensenten gar von einem modernen Märchen.

Es stimmt mich ehrlich gesagt etwas besorgt, wenn so viele Menschen völlig unkritisch einer hochprofessionellen Inszenierung auf den Leim gehen. Etwas anderes ist nämlich weder der originale Potts-Auftritt in der Show „Britain’s Got Talent“ noch der deutsche Telekom-Spot.

Es ist sicher nicht der durchaus okaye, aber keineswegs überdurchschnittliche Gesang von Paul Potts, der Jury und Publikum von „Britain’s Got Talent“ berührt. Da ist allenfalls die Überraschung, dass sich da einer wider Erwarten doch nicht völlig zum Horst macht, wo man den nach unten gedrehten Daumen doch schon im Anschlag hatte.

Nein, das Potts-Märchen lebt vor allem von einem (für das Genre Casting-Show durchaus typischen) manipulativen und eiskalt berechneten Schnitt: Dicker Mann mit schiefen Zähnen betritt das Podium. Schnitt auf skeptische Blicke der Juroren. Schnitt auf den dicken Mann, der ankündigt, eine Opernarie zu singen. Schnitt auf stirnrunzelnde Juroren. Spannungssteigerung durch Verzögerung: Großaufnahme eines playbackstartenden Zeigefingers. Musik setzt ein. Während des Vorspiels: blockbusterartiges Hin- und Herschneiden zwischen Juryköpfen, Publikum und „chance of my life“-Miene von Potts.  Potts beginnt zu singen. Wieder Schnitte auf die Jury: Aufhorchen bei einem der Herren, und der Dame wird’s ganz warm, so innendrin und untenrum. Schnitt auf eine nickende Dame im Publikum. Schnitt auf die Jurorin, der so langsam auch die Augen feucht werden. Und schon wird jubelnder Applaus in Potts‘ G’sangerl gemischt. Und so weiter, und so fort.

Die dreiviertelhämischen Blicke der Jury, die am Anfang zu sehen waren, könnten natürlich auch ursprünglich einer über die Bühne stolpernden Kabelhilfe gegolten haben. Die nickende Frau im Publikum stimmte vielleicht nur einer in ihren Augen besonders trefflichen Äußerung des Warmup-Kaspers vor der Show zu, und die gerührte Tante tupfte sich nicht wegen Potts‘ Sangeskünsten an den Augen rum, sondern weil ihr grade ihr verstorbener Yorkshire-Terrier eingefallen ist, oder weil ihr Ex-Mann unter der Dusche auch immer „Nessun dorma“ geträllert hat. Man weiß das nicht. Aber es ist ja auch egal, denn jetzt dienen all diese berechnend zusammengekleisterten Banalitäten zu nicht weniger als der Genese eines modernen Märchens. Und viel Rendite.

Und die Telekom-Werbung dreht diese Schraube einfach noch ein bisschen weiter, indem die Show-Dramaturgie ins normale Leben des modernen Telekommunikations-Users (also unser aller Alltag) verlängert wird: skeptisch und vom Bein weg auf Idioten-Verarsche eingestellt sitzen Mittelstand wie urbane Bohème vor ihren Mobilgeräten, in eiserner Amüsierwut geeint, und ziehen sich just besagten Auszug aus der britischen Casting-Show rein. Nur um sich am Ende wiederum das Pipi aus den Augen zu wischen.

Soweit also die Filmkunst. Das Erstaunliche und zugleich Besorgniserregende ist aber, dass ganz offensichtlich viele, furchtbar viele Menschen geneigt sind, bei diesem Spielchen mitzumachen. „Dem Potts sein Gesang geht echt unter die Haut. Kuck mal, im Fernsehen sind die auch so gerührt. Gleich los und die CD kaufen. Ich wollt‘ ja eh noch zum Saturn wegen der letzten ‚Friends‘-Staffel.“ Wirklich ein Märchen, in dem wir leben.

Wo soll das alles enden?

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