Am Fenster

Fed up putting up

Panti hat wieder zugeschlagen. Wieder (und eigentlich schon vor einem halben Jahr) hat die irische Dragqueen eine große Rede gehalten, deren einzige Schwäche darin bestehen mag, dass sie zwangsläufig im Schatten der großen Rede im Dubliner Abbey Theatre steht, die vor gut einem Jahr um den Globus fegte.

Pantis Thema sind auch diesmal die Kleinigkeiten, all the little things, an denen LGBTs Tag für Tag ihr Anderssein zu spüren bekommen, und die sie so sehr internalisiert haben, dass man es für selbstverständlich halten könnte. All the little things, die Homophobie ausmachen – auch in unseren vergleichsweise komfortablen westlich-modernen Gesellschaften – und mit denen sich LGBT abzufinden haben.

Gay people do not get to hold hands in public without first considering the risk. […] And if we dediced: Ok, maybe it is ok, well then we do hold hands, but the thing is that now those hands are not casual and thought-less, they are now considered and weighed. […]
We live in this sort of homophobic world, and you might think that a small little thing like holding hands in public, well: It’s just a small thing. And you’re right, it is indeed just a small thing. But it is one of many small things that make us human. And there are lots of small things everyday that LGBT people have to put up with, that other people don’t have to put up with. Lots of small things that we have to put up with in order to be safe or not to be the object of ridicule or scorn.
And we are expected to put up with those things and just thank our blessings that we don’t live in a country where we could be imprisoned or executed for being gay. And we are so used to making those small adjustments everyday that even now we rarely ourselves even notice that we’re doing it, because it is just part of the background of our lives, this constant, malign presence that we have assimilated.

Nagel – Kopf.

Pantis Thema sind aber auch auch all the little things, die in Summe das ergeben, worum es doch letztlich geht: Liebe.

Bitte anschauen, zuhören, weitersagen.

Hagia Soapia

Ach, hat das Elend denn die ein End’!

Aldi hat eine Seife aus dem Sortiment genommen, auf deren Packung eine Moschee abgebildet war, woran offenbar einzelne Personen (die Angaben variieren von “einem” bis “einige”) Anstoß genommen haben.

Das ist wieder mal einer dieser Fälle, bei denen es im ersten Moment so naheliegt zu denken: “Alle bekloppt!”, dass das gar nicht die ganze Geschichte sein kann. Was 99 % des Publikums freilich nicht davon abhält, das Denken an diesem Punkt einzustellen, nicht ohne nochmal schnell “Zigeunerschnitzel!” in die Runde zu rülpsen, weil: Wird schon wieder irgendson linksgrüner PC-Scheiß sein.

Ich bin mir selbst nicht so ganz sicher, was ich von dem Konzept “Respekt vor religiösen Gefühlen” halten soll – schließlich gibt es genug Religionen, die nicht den geringsten Respekt für meine ureigensten Herzensregungen aufbringen. Außerdem weiß man nicht so genau, was da nun eigentlich vorgefallen ist und wer da aus welchen Gründen mit welcher Verve welchen Standpunkt vertreten hat. Sicher ließe sich das alles recherchieren, aber darum geht es mir im Grunde gar nicht. Mir ist nur diese allzu wohlfeile Empörung zuwider, mit der nun vom biederen Bürger bis zum hysterischen “Hurra, wir kapitulieren”-Apostel alle reflexhaft die Backen aufblasen.

Im ungünstigsten (und leider anzunehmenden) Fall hatte da einfach jemand Schiss, Aldi könnte der nächste Charlie Hebdo werden – was natürlich Unfug ist. Vielleicht saß da aber auch ein kluger Mensch, der erkannt hat, dass gewisse Stereotype von irgendwelchen ungefähren “fernen Ländern” in der globalisierten Welt des Jahres 2015 nicht mehr so ganz state of the art sind.

Man könnte nämlich auch mal in Betracht ziehen, ob es nicht vielleicht ein völlig überholter Exotismus ist, eine Moschee als sinnentleerte Illustration für “irgendwie so’n bisschen orientalisch” zu verwenden. Oder wollen wir es “eurozentristischen Blödsinn” nennen? Ich kann zumindest nachvollziehen, dass Leute, in deren Leben so eine Moschee einen tatsächlichen Stellenwert hat, darüber Unbehagen empfinden.

Niemand käme ernsthaft auf die Idee, eine Seife mit der Abbildung eines christlichen Gotteshauses zu bewerben. An dieser Stelle wird dann auf die Seifenschachtel von 4711 verwiesen, auf der neben dem Kölner Dom sogar noch Groß St. Martin zu sehen ist. Ein nicht völlig, aber eben doch etwas anders gelagerter Fall, dient hier doch die Abbildung dazu, Herkunft und Name des Produkts mit einem bekannten Wahrzeichen zu illustrieren – und eben nicht dazu, irgendwelche romantisierenden 1001-Nacht-Klischees abzurufen.

Da sind nun ein paar Leute, die nicht (mehr) bereit sind, ihr Heiligstes in einem solch banalen Zusammenhang zweckentfremdet zu sehen. Man mag das für albern und übersensibel halten, es bleibt dennoch ihr gutes Recht, diesen Standpunkt zu äußern. Das ist dann die freiheitlich-demokratische Grundordnung, deren Verständnis “den Muslimen” ja in diesen Tagen so gerne abgesprochen wird. Ebenso ist es Aldis gutes Recht, auf eine einzelne Beschwerde zu reagieren oder auch Hunderttausende davon zu ignorieren. An dieser Stelle drängt sich die Frage auf, ob auch über ein “Einknicken” geschnappatmet würde, wenn Aldi auf persönlichen Wunsch von Oma Kaschubiak aus Giengen an der Brenz fürderhin eine Kuh mehr auf den Milchkarton drucken lassen würde.

Letztlich scheint es wieder eines dieser ermüdenden Globalisierungs-Gefechte zu sein, mit denen all jene überfordert sind, deren kleine bequeme Welt das hier mal war. Aber ach!, Schwarze wollen nicht mehr, dass Weiße sich zum Spaß schwarz anmalen, Roma verwahren sich aus unerfindlichen Gründen gegen das durch die Bank positiv konnotierte Gypsy-Image – und nun auch noch Muslime, denen eine Moschee etwas bedeutet! Wo soll das alles hinführen?

Ja, das ist alles schrecklich unübersichtlich und verwirrend, und der Kopf ist schnell geschüttelt. Vielleicht ist aber genau das diese Integration, von der doch alle sprechen.

Herrlich Provokant oder Unfassbar Dumm?

 

toleranzwocheMan müsste einiges sagen zu den unsäglichen Plakatmotiven, mit der die ARD ihre “Themenwoche Toleranz” bewirbt – wenn der Zaunfink es nicht schon so schön getan hätte:

Leider weist eure Kampagne nicht darauf hin, dass das Problem, über das wir reden sollten, intolerante Menschen und Organisationen sind, sondern sie suggeriert, das Problem seien Schwarze, Schwule, Kinder und Behinderte, und zwar für Weiße, Heterosexuelle, Erwachsene und Nichtbehinderte, die dringend mal wieder ganz neutral und ergebnisoffen darüber diskutieren sollten, ob diese “Anderen” nun wirklich minderwertige Menschen seien oder vielleicht doch nicht.

Statt diejenigen, die Intoleranz ertragen müssen, zu fragen, was das anrichtet, fragt ihr lieber, wie die Chimäre der “Normalbevölkerung” mit der Zumutung der Existenz von Menschen zurechtkommt, die sie selber ausgrenzt und herabsetzt. So geht’s natürlich auch. Wenn man die letzten fünf Jahrzehnte nicht mitbekommen hat. Ihr suggeriert eine Debatte, die nicht mit Diskriminierten geführt wird, sondern über sie, und zwar von denen, die sie diskriminieren.

… zum ganzen Beitrag …

Vielen Dank dafür!

 

Ozapft, gsuffa, aussegschbiem

Es ist meine dritte Wiesn-Saison als München-Pendler, und ich leide still und frage mich: Vomit hab ich das verdient?

Ergänzend zu der essentiellen Dokumentationsarbeit der Website “München kotzt” muss ich wieder einmal anmerken, mit welch frappierender Zuverlässigkeit die ganze Stadt bis in ihre entlegensten Winkel und weit abseits des eigentlichen Geschehens aufs Ordinärste voigschbiem ist. Im unmittelbaren Umkreis des Veranstaltung mag ja noch mit sowas zu rechnen sein, aber so manches Gaudinockerl, das sein Limit überschritten hat, scheint doch noch erstaunliche Distanzen zurücklegen zu können, ehe es zum Äußersten kommt. Kurz: Die Massenerbrecherei streut, und zwar sondernormen.

Es ist also keineswegs elitäres Ressentiment des Wiesn-Gegners, sondern schlichte Empirie, wenn man feststellt: Was während dieser zwei Wochen in dieser Stadt gekotzt wird, das sprengt alle verfügbaren Begriffe.315757_226186974102458_580145159_n_2

In den Tag konstatiert (19)

Und jedem Freitag wohnt ein Montag inne.

Vom Masturbären

In Göttingen streiten sie gerade, ob dem Satiriker Robert Gernhardt ein Denkmal in Form eines masturbierenden Kragenbären gesetzt werden soll – in Anlehnung an des verblichenen Poeten berühmtes Cartoon-Gedicht.

Die Göttinger Kulturdezernentin Dagmar Schlapeit-Beck dazu laut Spiegel Online: “Meines Erachtens gibt es keine tiefergehende Botschaft bei diesem onanierenden Bären” – ah, die Frau hat verstanden, um was es geht, sehr schön – “als den sexuellen Tabubruch”. Oh je, doch nicht!

Wo es “ernstelt” (R. Gernhardt), da gibt es halt nichts zu lachen. Und so kann und so darf es nicht sein, dass dieser Kragenbär einfach nur ist. Irgendwo muss sich doch der Sinn versteckt haben, die Botschaft, das Waswillunsderdichterdamitsagen – so hat es die junge Dagmar ja schließlich irgendwann mal in der Schule beigebracht bekommen und in zwölf Semestern Kunstgeschichte nicht besser gelernt. Und so ist sie sich ergo nicht zu schade, in einen sich um der puren Quatschlust willen selbst befriedigenden Kragenbären (!) die unerhörte Kunde vom “sexuellen Tabubruch” hineinzuprojizieren. Von einem “Beitrag zur sexuellen Befreiung des Mannes” gar ist die unfrohe Rede.

Wenn Gernhardt das mal geahnt hätte, als er diese sechs Panels puren, sich ganz und gar selbst genügenden Nonsens aufs Papier kritzelte!

Silly Walks

Erst haben sie weinende Brasilianer getröstet (nachdem sie ihnen allen Grund gegeben haben, getröstet zu werden, natürlich). Dann haben sie Blut geweint. Dann regnete es Goldflitter um sie herum. Und schließlich betraten sie eine Bühne vor dem Brandenburger Tor und sangen ein Liedchen über den Unterschied zwischen Gauchos und Deutschen. Unsere Goldbuben, Jogis Jungs, oder wie wir nüchternen Zeitgenossen sagen: die zu einem FIFA-Herrenfußballturnier entsandte Auswahlmannschaft des Deutschen Fußballbundes.

Im großen “Weltmeister!”-Geschrei regte sich nun ein leises Stimmchen des Befremdens ob dieses kurzen Auftritts, und als die große Partygesellschaft vom Genörgel dieser humor- und vaterlandslosen Gesellen Wind bekam, war nun endlich der Shitstorm da und ein neues Debattenthema geboren: der Gauchotanz.

In Fußballstadien, so hört man, sei dieser Gesang – neben wüsteren – seit Jahren und Jahrzehnten gang und gäbe. Die Frage ist nun natürlich: Ist das Brandenburger Tor ein Fußballstadion Na und, macht es das besser? Dieses kleine Stück Fußballkultur wird jetzt aus der Kuscheligkeit des Stadionrunds ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt, und dort entpuppt es sich als ziemlich hässliches Gebaren. Nicht wirklich böse, aber ausgesprochen unschön. (Vor ein paar Jahren, bei einem ähnlichen und doch ganz anderen Anlass, sah das übrigens auch der DFB noch so).

Mag sein, dass Grobheiten wie diese in der internen Logik der Fußballanhänger nichts als Neckereien sind, die jeder mal von jedem abkriegt. Das macht die Grobheiten nicht schöner, aber bittesehr. Wenn nun aber schon der Erwerb eines zu irrsinniger Bedeutsamkeit überblähten Turnierpokals zur staatstragenden Angelegenheit erklärt wird, die gefälligst jeden im Innersten zu rühren hat, dann ist es auch hinzunehmen, dass die Insider-Rituale mal nach den Maßstäben der normalen Welt betrachtet werden. Und da kommt der “So-gehn-die”-Tanz eben nicht so besonders gut weg.

Und dabei haben wir jetzt noch gar nicht über den gigantischen Unterschied zwischen dem Privatvergnügen von Provinz-Ultras in der Südkurve des SV Hintertupfing einerseits und der öffentlichen Selbstdarstellung der höchsten Spielerelite des Landes im Moment ihres größten Triumphs andererseits geredet. Was für den Fan im Stadion in Ordnung sein mag, muss es für den umjubelten Turniergewinner auf der großen Bühne noch lange nicht sein. Aus dem grobschlächtigen Fan-Ritual wird eine hässliche Überlegenheitsgeste, aus den verdienten Siegern schlechte Gewinner.

Natürlich haben die Spieler alles Recht dazu, sich zu freuen, wie sie möchten. Wer, wenn nicht sie. Aber auch das ist eben ein Unterschied: ob ich öffentlich feiere, dass jemand anders verloren hat – oder ob ich diesen Teil in der Kabine lasse und mich vor Publikum auf den “Ich hab gewonnen”-Part beschränke. Komme mir keiner mit Siegesrausch und Menno-man-darf-doch-auch-mal-feiern. Die Herren fahren Millionen dafür ein, dass sie sich selbst beherrschen können, und genau das ist es auch, was gefühlte 200 Millionen Deutsche von ihnen erwarten, wenn sie auf dem Platz stehen. Da sollte auch im Siegestaumel ein Mindestmaß an Contenance und Anstand drin sein.

Das alles hat nicht wirklich was mit Rassismus zu tun, was eigentlich auch keiner behauptet außer den stolzen Partypatrioten, die ein bisschen Stilkritik an ihren Hermanns und Siegfrieds gleich wieder als gutmenschelnden Generalangriff auf ihren ach so entspannten Nationalstolz interpretieren. Was freilich viel darüber erzählt, wie weit es mit der Entspanntheit und Harmlosigkeit dieser nationalen Wallungen her ist – aber das ist eine andere Geschichte. Eine viel, sehr viel größere als der Gauchotanz. Der ist einfach nur blöd.

PS: Die von einem “Freitag”-Blogger gezogene Parallele zu Popstars, denen man solche Dummheiten nie und nimmer durchgehen lassen würde, finde ich interessant, habe ich aber nirgendwo untergebracht. Deshalb ganz unelegant: ein Link.

Update 19.07. Bissl Text-Finetuning. Und Links ergänzt.

Das Siebenzueins-Paradoxon

Siebenzueins-Paradoxon, das:
Gleichzeitigkeit von eisernem Desinteresse und der Empfindung, Bemerkenswertes verpasst zu haben

Wihamasdenn

Am Ende dieses Beitrags werden Sie sich vielleicht fragen: Warum kommt der denn ausgerechnet jetzt damit daher? Ja, das Folgende besitzt keinerlei tagesaktuelle Relevanz, es ist nur Ergebnis einer aktuellen Freizeitbeschäftigung meinerseits.

Ich bin nämlich gerade dabei, das Werk von Fredl Fesl neu zu entdecken und zu bewerten (Kurzfassung: großartig, zeitlos, Klassiker) und habe mir im Zuge dessen mal wieder ein paar seiner alten Platten zu Gemüte geführt, logischerweise. Dabei stieß ich auf seiner ersten LP auch wieder auf die “Sowosama-N*ger”. Und meine Freude über Fesls virtuos-anarchische Schrulligkeit bekam ein kleines Loch.

DSCN7339_2Der Gag ist als reines Wortspiel (“So, wo samma?”) heute so gelungen wie damals. Und im Gesamtkontext von Fredl Fesls Werk, das ja zu weiten Teilen von geradezu naiven Weltbetrachtungen und Sprachspielereien lebt, auch irgendwie ganz unschuldig. Aber die Welt, in der Fesl sich da bewegt und ohne böse Absicht über dieses fiktive “Steppenvolk” fabuliert, ist es eben nicht. Sondern eine, die sich Mitte der 1970er Jahre mit ihrer kolonialistischen Vergangenheit offenbar immer noch ganz wohl zu fühlen scheint. Das wird natürlich nicht besser, wenn Fesl den Protagonisten des darauffolgenden Liedes gänzlich unbekümmert über die “Kaffern von Agrabekim” dahinträllern lässt.

Das alles stößt bitter auf, ist aber vielleicht noch irgendwie mit einem damals noch durch keinerlei Reflexion getrübten Selbstverständlichkeitsrassismus zu erkären (nicht: zu entschuldigen). Da muss man dann vielleicht einfach sagen: Fredl Fesl, großartiger Künstler, origineller Denker, Sprach- und Gitarrenartist, der ein Werk von zeitloser Qualität geschaffen hat – in dem es aber ein paar Stellen gibt, an denen er eben doch einfach nur ein Kind seiner Zeit war, und zwar im ungünstigen Sinne. (Siehe auch diese Nummer aus dem Jahr 2000 (!)). Mit dieser kritischen Einordnung kann man das auch stehen lassen und sich dann weiterhin am “Königsjodler” und dem Pferd mit vier Beinern (an jeder Seite einer!) erfreuen. Und sogar an den “Sowosamas”.

Zeitsprung: 2010 bekam Fredl Fesl den Großen Karl-Valentin-Preis. Gerhard Polt und die Biermösl Blosn waren Laudatoren und saßen nachher noch gemeinsam mit Fesl für ein kurzes Statement vor der Kamera. Polt zitierte dann (nebenbei bemerkt: falsch) die “Wosama(!)-N*ger”, nicht ohne dabei die von den Biermösln feist belächelte Frage aufzuwerfen, ob man das denn “noch sagen” dürfe. (Woraufhin dann zu allem Überfluss auch noch der “Wosama-Farbige” ins Spiel gebracht wurde.)

Jaja, die Sprachpolizei wieder. Wir wollen doch nur “N*ger” sagen wollen dürfen spielen, ist doch nicht schlimm. Aber haha, wenn’s den Gutmenschen dann besser geht, sagen wir halt “Farbiger”. Wenn’s schee macht, haha!

Ich bin ehrlich ein wenig erschrocken darüber, dass ein Mann wie Polt, der ja nun erwiesenermaßen über ein hinreichendes Maß an Intellekt, Wortgefühl und Sprachbewusstsein verfügt, sich hier ganz locker-flockig und ohne Not zum Sprachrohr der “Man darf ja nichts mehr sagen”-Fraktion macht, zwischen den Zeilen, aber unmissverständlich. Dass ausgerechnet er, der Gerhard Polt, der komplette Figuren zum Leben erweckt nur durch die Wahl seiner Worte – dass ausgerechnet der anscheinend noch nicht kapiert hat, dass es nicht darum geht, was man “sagen darf”, sondern darum, was man über sich sagt, wenn man sagt, was man sagt. Und: was man damit tut. Bei der Biermösl Blosn wundert mich das nicht (die konnte ich eh noch nie leiden in ihrer auf widerständig gebürsteten, aber letztlich doch nur hofnärrischen Muhackligkeit und diesem selbstzufriedenen Gestus, der sich für was Besseres hält als die Musikantenstadl-Tümelei, und damit aber eben auch wieder genau das ist: Tümelei.). Aber Polt!

Wie gesagt: Fredl Fesls “Sowosama”-Geschöpf ist – als Wortspiel – genial. Aber es hat einen hässlichen Fleck auf der Weste, einen Fleck aus rassistischer Tradition und Kolonialgeschichte, und der sitzt so tief im Gewebe, dagegen hilft kein Fleckenteufel. Früher hat man den Fleck vielleicht nicht gesehen oder sich nicht dran gestört. Heute sieht man ihn, und kann deswegen vielleicht nicht mehr ganz so unbekümmert über den Scherz lachen. Und ein unbestritten sprachgewaltiger Mann wie Polt hat nichts Besseres zu tun, als sich ganz nebenbei über denjenigen zu belustigen, der auf den Fleck zeigt (oder genauer: möglicher- und imaginierterweise zeigen könnte). Ich hoffe, er hat es einfach nur unbedacht getan.

Vielleicht sind aber auch große und verdienstvolle Künstler irgendwann einfach nur arme alte Männer.

Gleichenhalle

Man stelle sich vor: Eine kleine Gruppe von Menschen zieht einfach ihr Ding durch, friedlich und ohne jemandem damit etwas Böses zu wollen – und schon tobt und schreit die deutsche Wutkartoffel in gewohnter Manier drauf los.

Es geht um den “Lesbenfriedhof” in Berlin, der in Wahrheit kein Friedhof ist, sondern eine 400 m² große Parzelle auf einem hundertmal so großen evangelischen Friedhof, die von einer Aktivistinnengruppe aus Wuppertal als eine Art zukünftiges Gemeinschaftsgrab für lesbische Frauen organisiert wurde. Ich hatte im Grunde schon genug von dem Thema, als ich gesehen habe, dass Birgit Kelle sich dazu verbreitet hat. Aber nun bin ich doch noch in eine Facebook-Diskussion geraten und habe wieder mal zuviel Zeit damit verbracht und mich zuviel aufgeregt.

Es sind die üblichen Reaktionen, die man aus allen Rassismus-AntisemitismusHomophobie-Diskussionen kennt: verbale Rücksichtslosigkeit bis hin zur Grobheit, und ein Reflexionsniveau, das selten über “armes deutschland!!!!!111” hinausgeht. Man fragt sich, was an der Idee einer Ruhestätte für Lesben so bedrohlich sein mag, dass man derart um sich schlagen muss.

Da würde sich eine Gruppe selbst ausgrenzen, die doch sonst immer um Integration und Gleichberechtigung kämpfen würde, ist wieder und wieder und wieder und wieder und wieder zu lesen. Keinem fällt auf, wie arrogant, überheblich und ja: gewälttätig dieser Gedankengang ist. Lässt diese Argumentation doch keinen Zweifel daran, dass es “die Mehrheitsgesellschaft” ist, die den Daumen über eine Minderheit hebt oder senkt, die Gleichberechtigung nach Gutdünken huldvoll gewährt oder kalt lächelnd vorenthält. Selbstbestimmung? Fehlanzeige. Die schnappatmende Empörung, mit der über eine Handvoll lesbischer Aktivistinnen gegeifert wird, die für sich und ihre Mitstreiterinnen eine Option geschaffen haben (mehr ist es ja nicht), hat etwas von der Kränkung einer enttäuschten Majestät. Natürlich ist das diskriminierend, natürlich wird da strukturelle Ungleichbehandlung fortgeschrieben. (Besonders perfide im Übrigen, wenn sie im Gewand des besorgten Sympathisanten daherkommt, der treuherzig versichert, dass er ja durchaus für die Gleichberechtigung Homosexueller sei, aber mit solchen absonderlichen Wünschen täten sich die Damen ja nun keinen Gefallen, wie könne man sich nur selbst derart ghettoisieren, man wisse doch, wohin Ausgrenzung führen kann…)

Man mag das Ansinnen, sich im Kreise von Lesben begraben lassen zu wollen, ja für speziell halten. Man darf das auch ein bisschen strange finden – auf dieselbe Weise, auf die man auch ins All geschossene Urnen oder Fußballfriedhöfe strange finden darf. Man wundert sich vielleicht ein bisschen, schüttelt vielleicht ein wenig amüsiert den Kopf, denkt sich “Des Menschen Wille ist sein Himmelreich”, und gut.

Gleichberechtigung schließt das Recht ein, sich nach Belieben einer Gruppe zugehörig zu fühlen (oder zu mehreren oder zu keiner). Gleichberechtigung schließt auch das Recht ein, unter sich bleiben zu dürfen. Eine Gesellschaft, die von Homosexuellen verlangt, dass sie das – wie stark auch immer ausgeprägte – Zugehörigkeitsgefühl zu anderen Homosexuellen aufgibt, ist keine freie, offene, tolerante Gesellschaft. Sie hält immer noch schön den Daumen drauf. Sie erwartet Selbstaufgabe, und ist angepisst, wenn die gnädig Geduldeten sich dann auch noch erdreisten, ihr eigenes Ding machen zu wollen.

Und ganz plötzlich wird zum Politikum, was anderswo völlig selbstverständlich ist. Käme man bei einer Seebestattung auf den Gedanken: “Diese Seebären, wollen sich selbst im Tod nicht integrieren!”, oder würde man die Anlage eines Friedwalds mit “Gibt’s denn keine wichtigeren Probleme” kommentieren? Nein, an individuellen Begräbniswünschen nimmt man erst dann Anstoß, wenn sie aus den Reihen einer als “anders” identifizierten Gruppe formuliert werden. Dann aber ist man ohne Zögern bereit, eine Grundsatzdebatte vom Zaun zu brechen.

Entlarvend auch der Duktus, in dem dann von “den” Lesben und “den” Schwulen die Rede ist: “Die” wollen doch immer Gleichberechtigung, und jetzt ghettoisieren “die” sich selbst. Othering at its best.

Es ist unter den lesbischen Frauen, unter den lesbischen Frauen in Deutschland ein kleines Grüppchen, das sich hier um ein persönliches Anliegen gekümmert hat. Niemand wird dadurch zu etwas gezwungen, niemandem wird etwas weggenommen, und wahrscheinlich ist 98 % der lesbischen Frauen die Existenz eines lesbischen Grabfeldes vollkommen gleichgültig. Aber für wen die Liebe zu Frauen so identitätsprägend war, wer sich den lesbischen Schwestern so verbunden fühlt, dass sie ihnen auch im Tod nahe sein möchte – die soll doch einfach die Möglichkeit dazu haben.

Ich möchte nicht auf einem schwulen Friedhof begraben sein. Aber ich habe weißgott Besseres zu tun, als mich über jemanden zu echauffieren, der das gerne möchte. (Wieviel auf die Vorstellung einer irgendwie geschlossen fühlenden, denkenden und handelnden – und sich fröhlich selbstsegregierenden – Gruppe von Homosexuellen zu geben ist, zeigt im Übrigen auch dieses Abstimmungsergebnis.)

Es geht mir nicht um diesen Friedhof. Und das ist es auch nicht, was in dieser Debatte verhandelt wird. Es geht darum, welche Vorstellungen von Gesellschaft wir vertreten. Wollen wir eine Gesellschaft, in der Anderssein genau so lange gestattet ist, wie es nicht auffällt und nicht stört? Die Renegatentum wittert, wenn Anderssein tatsächlich gelebt wird (und darüber letztlich sogar erleichtert zu sein scheint, weil die Abgrenzung zwischen “uns” und “denen” noch funktioniert)? Oder wollen wir eine Gesellschaft, in der Anders- und Verschiedensein die Norm ist? Die Nischenbildung als Teil des Ganzen akzeptiert, und in der jeder und jede selbstbestimmt so leben (und sterben) kann, wie er/sie mag, solange er/sie damit niemandem etwas tut?

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