Am Fenster

Gute Zeiten? Schlechte Zeiten!

Ich sehe diese Serie seit der 1. Folge und denke immer mehr darüber nach, sie nicht mehr einzuschalten.

Die LS ist nicht mehr das, was sie mal war. LS ist einfach nur noch eine gewöhnliche Soap Opera. [...] Mich reizt die LS nicht mehr.

Heute hab ich mich zum Ersten Mal gefragt ob die Lindenstrasse früher auch so war und mir das nur anders und besser vorkam weil ich auch jünger war. Aber irgendwie hab ich meine Zweifel.

Ok, die LS muss schon “mit der Zeit gehen”, das ist klar, Neuerungen sind ok und müssen sein. Aber doch nicht auf Kosten von guten, realistischen, glaubwürdigen, nachvollziehbaren Geschichten? [...] Es ist reißerisch geworden!

Irgendwo wird ein Problem an die Wand gemalt und der Zuschauer steht davor und soll sich schnell seinen Reim drauf machen, bevor die Maler kommen und alles wieder übertünchen.

Für mich klingt das nach desinteressiertem, gelangweiltem Abgeben von Auftragsarbeiten. Man macht es, weil man Geld bekommt, aber Mühe lohnt das nicht. Diese Arbeitshaltung dahinter ärgert mich.

Ist das das neue Lindenstraßen Niveau?

Wenn die an sich tollen Geißendörfer-Leute nicht die Kurve ganz schnell wieder kriegen, könnte es eng werden…

War das wirklich eine Folge meiner einst heissgeliebten “Lindenstraße”? [...] Ich bin eine treue Zuschauerin [...] Und vor allen Dingen habe ich mich immer auf den Sonntagabend gefreut! Aber ich denke, das ist auch bald vorbei, wenn es so weiter geht wie heute!

Seit einigen Folgen hat sich meine geliebte “Lindenstraße” sehr zum Nachteil verändert: stark kostruierte Handlungsstränge, unrealistische Auflösungen, viel zu schnelle Abhandlung der einzelnen Problematiken, übertriebene Dramatik und unglaubwürdige, überzogene Schauspielerei.
Ist das jetzt der neue Weg, den die Serie gehen will? Den gehe ich nicht mit und ich würde nach 30 Jahren regelmäßigem LiStra- Konsum tatsächlich nicht mehr einschalten. [...] Ich würde euch sehr vermissen!

Als Listra-Fan der ersten Stunde, verliere ich langsam die Freude an dieser Sendung. Schade!

Ich schaue die Listra seit “fast” der ersten Stunde an und gestern kam mir zum ersten Mal der Gedanke, dass man die halbe Stunde verschwendet hat! [...] Normalerweise bin ich auf die nächste Folge gespannt, aber jetzt ist die Schmerzgrenze erreicht.

Mein Gott…… Was ist nur aus der Lindenstraße geworden? Das tut ja beim Zuschauen weh….

Also irgendetwas funktioniert nicht mehr so richtig bei der Handhabung der neuen Figuren.

Ja ich weiß, wo der Knopf zum Ausschalten ist!
Ich möchte jedoch trotzdem mal sagen, dass ich es sehr schade finde, dass diese Kultsendung derart verkommt.

… Humor ist, wenn man trotzdem lacht.
*aber bei dieser Folge ging ich dazu in den Keller*

…hier geht es derzeit rasant nach unten, wobei ich noch nicht von der Nevercomeback-Airline sprechen möchte.

Ist schon klar, dass nicht jede Folge der Hammer ist, aber was derzeit gezeigt wird, ist sehr sehr dünn!!

die gestrige Folge ging echt gar nicht. Wieder einmal der Beweis wie sehr die LS nachgelassen hat.

“Ich will rumcruisen”, verkündet das neue Lindenstraßen-Luderchen, und, als Cliffhanger: “Der Zenker steht voll auf mich.”
Der Zenker vielleicht, der Zuschauer wendet sich jedoch mit Grausen.

“Wieso hacken alle auf Chantal rum?”
Weil das eine von vorne bis hinten an den Haaren herbeigezogene Geschichte ist, die jedes Fünkchen Logik und jeden Zipfel Realität weit von sich weist (Das war nämlich ursprünglich mal die große Stärke der Lindenstraße).

Der ganze Charakter und die ganze Geschichte scheinen mit heisser Nadel gestrickt und unüberlegt aufgebaut zu sein [...]

Ich mag “böse” Charaktere. Die braucht die Serie. Eine Serie wird auch nicht schlecht, wenn die Hauptfigur böse ist.  [...] Aber eine Geschichte wird dann schlecht, wenn die Protagonisten platt und lieblos geschrieben werden. Und das ist Chantal. Oberflächlich, plakativ, ohne jeden Tiefgang. Langweilig, ärgerlich. [...] Ich fühle mich durch solche Comicfiguren wie Chantalle als Zuschauer verar***t und von den erdichtenden Autoren nicht ernst genommen.

also erst muss ich mal loswerden, dass Chantal der Sendung überhaupt nicht gut tut. Durch die Kombination Chantal-Lea bekommt die LiStra so langsam Soapcharakter und das find ich echt schlimm.

Zum ersten mal seit etlichen Jahren sehe ich meinem Urlaub total gelassen entgegen. Denn ich werde nichts verpassen, da bin ich ziemlich sicher.

Die Lindenstraße verliert momentan massiv an Qualität!!! Bitte wieder zurückrudern.

ich bin ein fan von anfang an aber gestern hab ich zweimal versucht die folge bis zum ende zu schauen… und hab mich immer gefragt ist das meine serie oder bin ich bei r*l gelandet… warum flacht die lindenstrasse immer weiter ab… schade

Ich habe das Gefühl, daß die Luft raus ist, die Sendung hat sich sehr verändert. Die Lindenstraße wie sie heute ist, würde ich nicht einmal vermissen.

Nein, ich gehöre auch nicht zu denen, die ständig drohen, in Zukunft nicht mehr zu schauen. Nein, ich bin eine treue Seele. Aber so langsam…

Ich sage es wirklich nicht gerne – aber so macht mir die Lindenstraße keinen Spaß mehr. Lieber Herr Geißendörfer, ich denke, es ist allerhöchste Zeit für eine Lindenstraßen-Rettungsaktion!

Das muss man nicht haben! Habe mir nach der letzten Folge ernsthaft die Frage gestellt, ob ich mir nicht eine neue Lieblingsserie suchen soll.

Das sind nur einige Stimmen aus der aktuellen Zuschauerpost der Lindenstraße. Sicher, Untergangspropheten und “Früher-war-mehr-Lametta”-Genöle gab es schon immer. Aber in dieser Massivität? Was ist da passiert?

Stein des Anstoßes ist die vor kurzem eingeführte Figur der Chantal Löhmer.

Chantal ist eine der zwei leiblichen Töchter von Sandra Sarikakis, die ihr einst vom Jugendamt weggenommen worden waren. Sandras Verhältnis zu ihren Töchtern war bereits vor einigen Jahren Thema eines größeren Handlungsstrangs, Chantal war sogar mal eine Folge lang zu Besuch, und es kam zu einer vorsichtigen Annäherung zwischen Mutter und Tochter. Das Ganze wurde dann im Handstreich zu Grabe getragen, als für eine Leihmuttergeschichte ein ganz, ganz sehnlicher Kinderwunsch bei Sandra und ihrem Mann Vasily hermusste – bereits vorhandene Leibesfrüchte hätten da natürlich nur gestört, und so verschwand Chantal mittels SMS wieder aus Sandras Leben. Bis sie nun vor drei Wochen unangekündigt auf der Matte stand und seitdem ein falsches Spiel nach dem anderen spielt.

Keine Sympathieträgerin also. Aber warum fallen die Reaktionen auf sie gleich so heftig aus? Nun, vielleicht kristallisiert sich in der Figur, in der ihr zugedachten Handlung und in der Art, wie ihre Geschichte erzählt wird, vieles von dem, was uns Langzeit-Fans die Lindenstraße in jüngster Zeit so fremd gemacht hat.

Effekthascherei statt Tiefgang

Die Voraussetzungen, unter denen die neue Figur Chantal in die Serie gekommen ist, sind ja gar nicht mal die schlechtesten: eine Tochter, die bei Pflegeeltern aufgewachsen ist, eine Mutter mit Drogenvergangenheit – das wäre an sich ein typisches Lindenstraßen-Thema. Was passiert da, welche Konflikte haben die beiden auszutragen, welche Fragen stellen sie einander?

Aber all das spielt keine Rolle. Die Verbindung Sandra – Chantal war nur ein Vehikel, um ein “schönes Biest” in die Serie zu hieven, das man dort nun offenbar für nötig hält. Es geht hier nicht um Charaktere und ihre Geschichten, sondern lediglich um das Abfeiern eines ausgelutschten klassischen Soap-Stereotyps. (Der Pressetext zur Einführung Chantals ist bezeichnenderweise überschrieben mit “Beauty, aber Biest!”)

Diese Schablonenhaftigkeit ist – nun ja, kein ganz neues Phänomen. Es gab z.B. mit Julian Hagen vor Jahren schon mal so einen hintergrundlosen Bösewicht, der einfach nur so und ohne irgendwelche Motive fies war. Wenn nun aber so viele Zuschauer genau jetzt das Gefühl haben, die Plattheit in der Figurenzeichnung und die Oberflächlichkeit im Geschichtenerzählen hätten in der Lindenstraße eine neue Dimension erreicht, liegt das vielleicht an zwei weiteren Phänomenen, durch die sich die Chantal-Story auszeichnet: die Infantilisierung und die Vervollpfostung.

Infantilisierung

Dass mit Chantal ein hübscher Teenager in die Straße kommt, der auch gleich mit Co-Teenager Lea anbandelt, ist natürlich jenem Phänomen geschuldet, dass in Fankreisen gerne als “Jugendwahn” geschmäht wird. Ich kann kaum umhin, in diesen Chor einzustimmen, denn ich sehe nicht, für wen außer für Backfische (und für notgeile Säcke) dieses ganze Gedöns interessant sein sollte. (Ziemlich unkreativ im Übrigen, als Andockstation für einen jungen Neuzugang nun schon wieder ausgerechnet Lea zu benutzen – wie zuvor schon bei Caro und Orkan.)

Ich sehe ja das Dilemma, in dem die Macher sich befinden. Wollen sie den Bestand der Serie gewährleisten, müssen sie jüngere Zuschauer ansprechen. Ob dieses Unterfangen allerdings gelungen ist, wenn sich die alten Fans reihenweise verprellt fühlen und entfremdet von der Serie abwenden, kann bezweifelt werden.

Eine andere Frage ist, ob das Jungvolk das alles mal nicht als genau die Anbiederei wahrnimmt, die es ja auch ist. In diesem Fall wäre es wohl einfacher, den Ofen gleich direkt in die Luft zu sprengen.

Vervollpfostung alter Charaktere

Helga Beimer, über Jahrzehnte als in ihrer unendlichen Gutherzigkeit manchmal etwas naiv, aber niemals als doof dargestellt, agiert nun vollkommen vertrottelt, indem sie sich von den guten Manieren dieser “Schontall” blenden lässt und geradezu manisch darauf besteht, ihre Enkelin Lea solle sich doch mit dem Mädel anfreunden. Nachdem dies in verblüffender Geschwindigkeit geglückt ist, sind wir inzwischen schon in dem Stadium, in dem “Chantal” das Zauberwort ist, mit dem Lea ihrer Oma sämtliche Zugeständnisse und Freiheiten aus dem Kreuz leiern kann. Unserer heißgeliebten Helga – immerhin tragende Säule der Serie – ist diese Trotteligkeit schlicht unwürdig.

Ähnlich der 65jährige Andy Zenker, dem der Verstand in die Hose rutscht, sobald die 17jährige Chantal plump berechnend den Ausschnitt lüftet. Ja, Andy hatte immer schon besonders viel übrig für die weiblichen Reize – aber als notgeilen Bock, der sich von einem Paar jugendlicher Brüste in die nächstbeste Intrige locken lässt, haben wir ihn noch nie gesehen.

Es ist nicht das erste Mal, dass alteingesessene Charaktere in die Vollverblödung verbogen werden. Ich erinnere an den albernen Streit zwischen Andy Zenker und Hans Beimer anlässlich des ebenfalls hirnrissigen Taxiunternehmens “HAndy”, oder an den (überraschenderweise, *gähn*) versemmelten Hausbau der Beimer-Zieglers. Aber in Verbindung mit der Plattheit der Figur Chantal und der Infantilität der Handlung ist das jetzt doch so etwas wie ein Tiefschlag.

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Und jetzt muss ich doch noch ein wenig ausholen, und meinem Besinnungsaufsatz aus dem letzten Jahr (der immerhin von Lindenstraßen-Autor Michael Meisheit bei Facebook lobend erwähnt wurde) einen noch leisen, aber anschwellenden Verzweiflungsschrei hinzufügen.

Auf ähnliche Weise wie jetzt die Chantal-Nummer ist im letzten Herbst ja auch schon die Geschichte um “Biker” Ben (die Figur wurde per Zuschauervoting getauft!) aus dem Ruder gelaufen: Da tauchte aus dem Nichts, aber mit viel Tamtam, ein schweigsamer Muskelprotz auf, der – von viel Bühnennebel Zigarettenrauch umhüllt und mit nevadaheißen Gitarrenakkorden untermalt – die Rache an seiner toten Mutter plante (!), sich dabei aber in die ehemalige Ziehtochter des als Opfer auserkorenen Dr. Dressler verliebte, was dann allerlei nackte Haut und einen unsäglich peinlichen Showdown in der Villa Dressler zur Folge hatte, bei dem natürlich niemand zu Tode kam und der auch sonst keinerlei ernsthafte Konsequenzen zeitigte.

Viel Lärm um nichts also. Ein Strohfeuer, aber nichts, was bleiben würde. Und vor allem: keine wahrhaftige Geschichte, die uns aus und vom und über das Leben erzählt. Konstruierte Dramatik statt Drama. Soap, und nichts, was darüber hinauszugehen sich auch nur die Mühe machen würde. Einfach nur Soap, die sich in ein paar kunstvoll hingedrechselten Spannungsmomenten selbst genügt.

Oder die Geschichte um Philipp Sperling und seine prügelnde Gattin Conny. Frau schlägt Mann – endlich mal wieder ein echtes Linden-Thema, beklemmend gespielt und teilweise an die Grenzen des im Vorabendprogramm Möglichen gehend inszeniert. Ein Highlight! Drei Folgen lang. Dann wurde Conny von der großen EHEC-Epidemie dahingerafft, die auch Josi Stadler das Leben kostete (und die der Anlass für eine in schlimm übertriebener, “kühler” Anatomieserien-Optik inszenierte Klinik-Folge war). Seitdem kann Philipp “gar nicht so richtig um Conny trauern” und ist “irgendwie erleichtert”. Thema abgehakt und erledigt, für eine Erwähnung in der “Heiße-Eisen”-Liste beim nächsten Serienjubiläum wird’s reichen.

Oder Murat Dağdelen, der in seinem Bioladen Nicht-Bio-Ware verkaufte und dabei ein so schlechtes Gewissen hatte, als würde er mit seinen gespritzten Äpfeln die Straße vergiften. Auch hier wieder: Schummelei im Bioladen – super Thema eigentlich. Aber was war seine Motivation? Der Traum seiner Frau Lisa, den Sohn Paul auf ein schweineteures Fußball-Internat zu schicken – wozu ein paar zum Bio-Preis verkaufte Normalo-Äpfel natürlich das naheliegende Mittel der Wahl sind. Ebenso hanebüchen die Auflösung (drei Folgen später versteht sich): ein Besuch von der Gewerbeaufsicht in einer ganz anderen Sache, der Murat aber derart Blut und Wasser aus den Poren trieb, dass er dem Bio-Betrug sofort abschwor. Paul fand den geplatzten Traum dann gar nicht so schlimm, Thema abgehakt und erledigt, und wir können auf die Liste schreiben, dass es im Bio-Gewerbe schwarze Schafe gibt und – hoho! – Geißendörfers Linkenstraße den Mut hatte, das mal anzusprechen.

Ob es den Autoren, Dramaturgen, Redakteuren mal in den Sinn kommt, dass sich die Zuschauer bei dieser Schlagzahl und der offensichtlichen Folgenlosigkeit vieler Handlungsstränge um ihre Anteilnahme am Geschehen betrogen fühlen und sich fragen könnten, warum sie sich überhaupt noch auf eine Geschichte einlassen sollen, wenn doch drei Wochen später sowieso schon wieder alles egal ist?

Pure Effekthascherei scheint auch immer öfter die Triebfeder bei der Einführung neuer Figuren zu sein. Und ich glaube, das ist ein wesentlicher Grund dafür, warum viele Neuzugänge der letzten Zeit bei den Stammzuschauern als Flops gelten. Es stimmt natürlich, dass neue Charaktere es immer ein bisschen schwer haben bei einem Publikum, das seit über 27 Jahren mit Mutter Beimer lebt. Es stimmt aber auch, dass in den letzten Jahren besonders viele Rohrkrepierer darunter waren, die kaum dem natürlichen Erzählfluss entsprungen zu sein schienen, sondern dem verkrampften Willen der Autoren, auf Biegen und Brechen diesen oder jenen Typ in die Serie zu pflanzen oder ein paar Folgen lang eine “große Geschichte” aufzublasen ohne danach zu wissen, wohin mit den Protagonisten. Es hat vielleicht etwas mit Aufrichtigkeit im Geschichtenerzählen zu tun, für die wir Zuschauer ein recht feines Sensorium haben. Wie heißt es so schön: Man spürt die Absicht und ist verstimmt. Richtig ist nämlich auch, dass die vor einem halben Jahr neu hinzugekommene Figur der Iris Brooks gezeigt hat, wie es auch gehen kann: unspektakulär, ohne Drama und aufgesetztes “Polarisieren”. Iris passt in den Lindenstraßen-Kosmos und wurde denn auch von den meisten Fans mit offenen Armen empfangen und von Anfang an gemocht.

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Ich schließe mit einem Appell, den man sich wahlweise unter schwingenden Transparenten kämpferisch deklamiert oder auch flehentlich auf Knien rutschend dahingegreint vorstellen mag:

Bitte, liebe Verantwortliche, lieber Herr Produzent, liebe Autoren, liebe Redakteure, liebe Regisseure: Kommt zur Besinnung und kratzt die Kurve! Erinnert auch daran, was die Lindenstraße einmal sein wollte, und was sie – bei allen Holprigkeiten – einmal war. Wir wissen, unter welchem Druck ihr steht, und welchen Spagat ihr da zwischen Fans der ersten Stunde und neu zu gewinnenden Zuschauern hinbekommen müsst. Und wir alle stehen hinter euch, wenn es darum geht, der Lindenstraße eine möglichst lange und fröhliche Zukunft zu sichern. Wenn wir aber das Gefühl haben, dass das nicht mehr unsere Lindenstraße ist – und dieses Gefühl haben immer mehr von uns -, dann läuft da was schief, dann fragen wir uns, wohinter wir eigentlich noch stehen sollen. Vielleicht gehen wir euch dabei über kurz oder lang verloren.

Es ist so schlecht, so unterirdisch, kitschig und gewöhnlich, so banal und langweilig! Du bedienst jedes Klischee. Du biederst dich deinem Leser an. Du verweigerst ihm das Geschenk, ihn zu überraschen und auf höchstem Niveau zu unterhalten. Das ist Gosse! Damit verdienst du vielleicht richtig Kohle. Aber was du erzählen wolltest, und vor allen Dingen wie, das ist da nicht mehr drin.

Suzanne Richter in Folge 1116, Buch: Susanne Kraft

Hausmitteilung (2)

Ehrlich gesagt – ich hab’s ja so gar nicht mit diesem Gezwitscher. Aber weil es ja doch seine Freunde hat, und weil Frühling ist, gibt’s Am Fenster jetzt auch bei Twitter!

Wer also in Zukunft auf diesem Wege auf dem Laufenden gehalten werden möchte, begebe sich hierhin oder drücke einfach den Follow-Button am Fuß dieser Seite.

Die Asche des Phonix

Ich bin traurig, schockiert und betroffen. Mein zugegeben nur noch selten besuchtes, aber doch immer irgendwie noch Lieblingsgeschäft – es ist nicht mehr. Die “Schallplattenzentrale” (von mir immer noch stur “Phonix” genannt), mit der mich eine wirklich und wahrhaftig 20 Jahre lange Geschichte verbindet,  hat sang- und klanglos ihre Pforten geschlossen.

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Wo sie noch gestern gesungen, da war alles leer, lalala…

Erstmals betreten habe ich diese magische Welt aus abgelegtem Vinyl im Alter von 11 oder 12 mit meinem Papa, um dort nach der Ougenweide-LP “Ohrenschmaus” zu suchen, die ich (!) unbedingt haben wollte (und an diesem Tag nicht gefunden habe). Es war noch der kleine Laden in der Karlstraße, und ich fing bald an, dort öfters hineinzuschauen. Mein erster Kauf dürfte die Single “You’re The Greatest Lover” von Luv’ gewesen sein – für drei Mark, wenn ich mich recht erinnere.

Kurze Zeit später zog der Laden um, und zwar einfach nur den Berg runter, an die Ecke Graben/Leonhardsberg. Jetzt war er viel größer und fing an, mein Plattenladen zu werden. Und das, obwohl ich eher selten tatsächlich etwas gekauft habe. Natürlich habe ich dort in Jugendjahren weite Teile meiner ABBA-Sammlung erstanden (“Voulez-Vous” und “The Visitors” machten den Anfang, die eine für sieben, die andere für acht Mark), und dann immer wieder mal hier ein Album und da eine Single. Aber meistens habe ich einfach nur gestöbert, stundenlang, die Kisten durchwühlt, endlos fasziniert von Plattencovern, LP-Etiketten, unterschiedlichen Vinyl-Abnutzungsgraden, verschiedenen Auflagen desselben Albums, und was der Vinylfetischisten-Fetische mehr sind. Der Laden, der sich Mitte der 90er plötzlich “Phonix” nannte, war ein Paradies für Leute, die einfach nur Schallplatten um sich haben wollen – egal was drauf ist, und fernab von irgendwelchen Analog-Digital-Glaubenskriegen.

Irgendwann wurden meine Besuche seltener. So bekam ich zunächst weder mit, dass mein “Phonix” sich in “Schallplattenzentrale” umbenannt hatte und die Filiale eines Münchner Geschäftes war (war das vielleicht schon die ganze Zeit so gewesen?), noch dass er – nochmal einige Zeit später – umgezogen war, auch diesmal wieder nur ein paar Meter die Straße runter. Aber diesmal hatte es ein bisschen was von Abstieg. Die neue Heimat waren zwei nebeneinander liegende Ladenlokale in der völlig verhauten Pilgerhauspassage, die jeweils abwechselnd geöffnet hatten, das aber nur an zwei Tagen in der Woche und zu nicht ganz durchschaubaren Zeiten. Die Platten waren nur noch notdürftigst sortiert, und war der Laden zwar noch nie ein aufgeräumtes Plattenantiquariat gewesen, so dominierte jetzt doch ein gewisses Ramsch- und Outlet-Flair. Aber es lief derselbe, etwas abseitige FolkJazzPsychedelicCountry-Musikmix wie immer, und auch die freundliche Phonix-Frau, die seit Karlstraßen-Zeiten übrigens um keine Sekunde gealtert zu sein scheint, saß gewohnt anmutig hinter ihrem Kassentresen und taxierte den Wareneingang. Willkommen zuhause.

Neulich, es war mein Geburtstag und ich hatte nichts Besseres vor, wollte ich mich mal wieder einer gepflegten Vinyl-Wühl-Orgie hingeben. Doch was musste ich sehen: gähnende Leere in den beiden Läden, neben den Eingangstüren noch ein paar runtergefetzte Schallplattenzentralen-Plakate. DSCN9144_2Kein Hinweis: “Wir sind umgezogen” (vielleicht wieder ein Stück runter, Richtung Jakobertor?!), noch nicht mal ein “Geschlossen”-Schild. Auch auf der Website des Münchner Muttergeschäfts kein Wort.

Mein Plattenladen – einfach weg. Und ich bin vielleicht nicht mal ganz unschuldig daran, war ich doch nur noch selten dort. Traurig bin ich trotzdem. Denn nach Platten stöbern kann man zwar auch in Sozialkaufhäusern oder in diesem komischen, nach Tee stinkenden Rotationssortiment-Shop am Obstmarkt – aber das ist nicht das Gleiche.

Mach’s gut, Phonix. Ich werde dich nie vergessen. Und vielleicht steigst du ja irgendwann wieder aus der Asche.

Neues vom armen B.B.

Alljährlich fragen sie,
Die am Ritual hängen,
Was ich ihnen heute zu sagen hätte.

Errötend gestehe ich:
Nicht viel.

Dieses bleibt für immer

Jessas, da hab ich mal ordentlich gepennt. Am Fenster hatte im Januar Geburtstag – vor 5 Jahren hat alles angefangen!

Nachdem ich im Moment weder auf sentimentale Rückblicke Lust habe noch überhaupt so recht Anlass zum Bloggen finde (der aufmerksame Follower wird ja in letzter Zeit sicher eine gewisse Funkstille bemerkt haben) und es eigentlich sowieso schon zu spät ist, ich andererseits aber auch finde, dass dieses kleine Jubiläum nicht ungefeiert bleiben sollte, hier nun ein kleines Ständchen – das einzig standesgemäße für dieses Blog:

(Verbunden damit der ultimative Hinweis an die vielen Menschen, die hier immer wieder über entsprechende Suchanfragen hergespült werden: “Am Fenster” ist von City, nicht von Silly!)

Und die Party gibt’s dann zum Zehnjährigen!

Am Fenster’s Law

Mit zunehmender Länge einer Online-Diskussion nähert sich die Wahrscheinlichkeit, dass jemand seine Informiertheit in Netzangelegenheiten, seine hipstereske Abgeklärtheit und/oder seine Unfähigkeit zu erkennen, wann ein Mem einfach durch und vorbei und tot ist, zur Schau stellt, indem er – und zwar am besten noch vor dem ersten Hitler-Vergleich – Godwin’s Law ins Spiel bringt, dem Wert Eins an.

A Band’s Coming Home

The Seer live im Spectrum, 03.01.2013

seer_spectrum04Eigentlich hätte dieses Konzert von The Seer schon vor einem Jahr stattfinden sollen. Wegen der Aufnahmen zum neuen Album “Wide Eyed Walker” wurde der Termin allerdings kurzfristig um ein Jahr vertagt. Eine gute Entscheidung, die der Band mindestens einen Besucher mehr beschert hat.

Es war nämlich vor allem – oder besser: nur – das Interesse an den neuen Songs, das mich ins Spectrum lockte, denn wie “Take A Walk With Me” geht, weiß ich inzwischen so ungefähr. Und was soll ich sagen: Das Zeug macht sich großartig! “Your Song” funktioniert als unerwarteter Show-Opener (wo ich doch einen Großmütter-Doppelpack auf “The Evidence” verwettet hätte!), “Gone Forever” kommt noch ohrwurmiger rüber als auf Platte, und es gibt wirklich keinen vernünftigen Grund, das hervorragend dargebotene “Parallel World” verschämt als Rausschmeißer ans Ende des Zugabenblocks zu stellen. Allein der grandios produzierte Album-Opener “The Evidence” kam auf der Bühne leider etwas ungeschlacht daher, das ist dann wohl so ein Song, den man sich besser zuhause oder im Internet anhört.

Im Bühnenhintergrund hing das in zwei Hälften geteilte Covergesicht von “Wide Eyed Walker” (ein etwas grusliger Effekt), und ich war mir fast sicher, dass die beiden Fahnen irgendwann mal zur Seite gefahren würden, um einem der ja doch recht hübschen Videoclips Platz zu machen. The Seer verzichteten jedoch völlig darauf, die Show mit visuellen Effekten dieser Art anzureichern.

seer_spectrum02Eine ganz andere Überraschung bot die Gastperformance der jungen Augsburger Sängerin Sarah Ego, die den altgedienten “Man In The Mirror” mit allerlei Melismen anreicherte und zwischendurch auch ein wenig mit Sänger Shook duettierte. Immerhin, man hat mal was probiert.

Wesentlich unauffälliger gestaltete sich der Auftritt von Produzent Chris Wolff – ein sympathischer Schlaks, der Shook bei dem etwas halbherzig ins Set gezimmerten “Losing My Head” (mein Lieblingssong von “Wide Eyed Walker” und nächste Single!) am Piano begleitete.

Sonst war alles beim Alten. Auch dieses Mal langweilten mich die alten Heuler wie “Own World”, “Across The Border” oder “The One” mehr, als dass sie mich unterhielten. Die eine oder andere Reminiszenz an alte Zeiten – “The First One In The Row”, “The World Cries Love”, meinetwegen auch noch “Travel On” – will ich mir noch eingehen lassen, aber sonst gibt mir das alles nichts mehr. Was überhaupt nicht an der Leistung der Musiker liegt, die gewohnt hohe Qualität liefern, ich hab das Zeug nur einfach ein paar Mal zu oft gehört, als dass es mich noch vom Hocker risse. Wie ich überhaupt die ganze aufgepeitschte Mitklatsch- und Hüpfatmosphäre nicht mehr brauche. Been there, done that.

Und: “Nothing Else” bleibt eine Zumutung in drei Akkorden. Mein ewiger Hass-Song – aber auf der Setlist wohl ebenso gesetzt wie eine “Esmeralda”. Andererseits haben sich The Seer endlich mal getraut, die endlose “Ferryman”-Arie aus dem Programm zu kicken (die ja tatsächlich irgendwann mal ganz witzig war, so zu Zeiten Friedrichs des Großen ungefähr). Es besteht also noch Hoffnung. Richtig schade allerdings, dass das ja immer noch relativ aktuelle Album “Heading For The Sun“, auf das die Band zurecht stolz war, nur mit der Akustik-Ballade “Rain Down On Me” vertreten war.

Aber gut, die Band scheint sich für diesen Weg entschieden zu haben, der vor allem auf Altbekanntes baut (und Neuerem so freilich gar keine rechte Chance einräumt, noch zu einem vergleichbaren Klassiker zu werden). Zumindest der auf irgendeinem Festival aufgegabelte Fanblock, der sich bis zur Grenze der Fremdscham in Wink- und Hüpfexzessen und Schlachtgesängen gefiel, schien sich daran kaum zu stören. Das übrige Publikum pflegte im direkten Vergleich dazu eine gewisse – mir wesentlich näherstehende – Augsburger Reserviertheit. Womit keineswegs gesagt werden soll, dass die Stimmung mau war – im Gegenteil, mein letztes The-Seer-Konzert mit derart herzlichen Appläusen dürfte eines der “Organic”-Konzerte von 1998 gewesen sein. Vielleicht ist das Spectrum tatsächlich das “Wohnzimmer”, als das es von Shook tituliert wurde.

seer_spectrum01Für ein wenig Abwechslung von all der Oldie-Routine sorgten die anhaltenden Probleme mit dem Headmikrofon von Keyboarder Peter Seipt, die letztlich nur durch einen ganz konservativ vor dem Keyboard postierten Mikrofonständer gelöst werden konnten – ein noch nie dagewesenes Bild – , sowie ein paar sympathische kleine Unkonzentriertheiten von Drummer Mike Nigg.

Obwohl das Publikum immer noch gewohnt gemischt war, dominieren inzwischen doch die gemütlichen Ich-strecke-beim-Refrain-den-Zeigefinger-in-die-Höh-Feierabendrocker, die mit der Band gealtert zu sein scheinen (jaja, Glashaus, ich weiß…), und die es vermutlich auch völlig ironiefrei für die Beschreibung eines gelungenen Konzertabends halten, wenn “der Schweiß in Strömen floss”, weil “der Schwabenfünfer” beim “Heimspiel” in der “vollen Hütte” “tüchtig eingeheizt” hat. Ob da noch nennenswerte Fan-Generationen nachwachsen, before we get old? Heiß war es übrigens wirklich.

Und wo wir beim Mikroklima sind: Mein Konzert-Parfüm-Karma hat sich eine schicke kleine Volte ausgedacht, indem es mich mit Chanel und Dior verschonte, mir dafür aber eine äußerlich gepflegte, aber nach altem Schweiß miefende Dame zur Seite stellte. Großartig!

An diese Stelle gehört wohl ein Fazit. Nun, solange The Seer neue Alben machen, wird es mich wohl weiterhin auf das eine oder andere Konzert ziehen, weil ich, siehe oben, dann doch immer zu neugierig bin – und sich für das neuere Material ein Konzertbesuch definitiv lohnt. Aber vielleicht sollte ich mir beim nächsten Mal für zwischendurch was zu lesen mitnehmen.

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We are the 14 %

Ich mag nicht mehr lesen, dass die Grünen jetzt so bürgerlich sind.

Ich mag nicht mehr lesen, dass die Grünen wahlweise eine umgefärbte FDP oder eine CDUökoplus sind.

Ich mag nicht mehr lesen, dass alle Zeichen unumkehrbar auf Schwarz-Grün stehen.

Ja, es ist den Grünen gelungen, mit biederen Gestalten wie Kretschmann und Kuhn das konservative Baden-Württemberg samt Hauptstadt zu erobern. Und eine brave Christentante ist Spitzenkandidatin, satte “Klatsche” für Claudia inklusive, hurra.

Aber ich möchte einmal klarstellen: Als grüner Stammwähler (immer noch) sehe ich mich in dem derzeit vorherrschenden alleinregierenden Narrativ von den ach so spießbürgerlich gewordenen Öko-Cons nicht repräsentiert.

Demoskopen könnten mich wahrscheinlich mit Zahlen und Statistiken erschlagen, wonach zweifelsfrei erwiesen sei, dass die Grünen in den materiell abgesicherten Wohlfühlbezirken der Republik zuhause sind. Das mag ja alles sein, und dass die Grünen nicht mehr die ungewaschene Strickpulli-Truppe aus den Anfangszeiten sind, will ich auch gar nicht in Abrede stellen. Es ist ja auch schön, wenn die Partei inzwischen für Leute wählbar ist, die sich vor  zwanzig Jahren noch lieber die Hand abgehackt hätten, als ihr Kreuzchen bei den Grünen zu machen.

Aber ich bin ein Kind der Achtziger, und – ich denke, ich kann da auch n Stück weit für meine Altersgruppe sprechen – für mich gab es nie eine andere politische Heimat als die Grünen. (Und das ist, bei allen im Laufe der Jahre gewachsenen Vorbehalten und trotz Hartz IV und Hindukusch, immer noch der Fall.) Wir sind mit Mülltrennung und Friedenstauben und Ali-ist-mein-Freund großgeworden, ohne Anzug und Krawatte, aber dafür mit Leinenweste – irgendwie so ein bisschen “alternativ” halt. Vielleicht fühlen wir uns tatsächlich manchmal unkonventioneller als wir sind, aber andererseits sehe ich auch nicht, warum der Konsum von Bio-Produkten etwas Verwerfliches sein sollte, nur weil man sich dabei – wie gerne unterstellt – angeblich “besser fühlt”. Für uns sind das Selbstverständlichkeiten, und die Grünen sind nach wie vor die Partei, die diese Werte und dieses Lebensgefühl am besten verkörpert.

Ja, ich kaufe Bio-Milch und Fair-Kaffee und bestätige wahrscheinlich allein damit alle Klischees jener auf Rebell gefönten Neocon-Schreiberlinge, die die Grünen zu den wahren Spießern deklarieren wollen (Öko-Bürgertum, yes!). Wer glaubt, ich sei damit ein typischer Wähler der angeblichen Besserverdienenden-Partei, der sich einen derart eitlen Distinktionsgewinn qua Lebensmittelkonsum halt leisten könne, dem gestatte ich gerne Einblick in meine Kontoauszüge. Besserverdiener – am Arsch!

Ich bin kein Öko-Spießer. Ich bin nur ein durch Zufall in den reichen Teil der Weltbevölkerung geborener Mensch, der versucht, im Rahmen seiner Möglichkeiten das Beste draus zu machen, ob es jetzt an der Mülltonne oder am Kühlregal ist. Dabei halte ich es durchaus für möglich, ja sogar für sehr wahrscheinlich, dass auch diese Einstellung etwas Beschränktes ist, ein Zeitgeistphänomen, ein Weltbild mit gewissen Scheuklappen. Ich glaube, diese Haltung ist nicht ganz untypisch für meine Generation.

Auch ich bin Grün-Wähler.

It’s more interesting with fragliche Moral

Kari Bremnes live im Parktheater Augsburg, 13.11.2012

Natürlich ist es der blanke Luxus, wenn eine Künstlerin wie Kari Bremnes in einer Location wie dem Augsburger Parktheater gastiert. Sich den nicht zu gönnen, wäre Sünde gewesen. Also: Karte gekauft, drei Monate drauf gefreut, hingegangen.

Ganz unprätentios betrat die norwegische Sängerin mit ihrer Band die Bühne und erklärte in einem zum Niederknien charmanten Englisch-Deutsch-Mix (den sie dankenswerterweise den ganzen Abend lang beibehalten sollte) gleich mal ihren ersten Song, noch bevor überhaupt der erste Ton erklungen war.

In der Tat würde man so ganz ohne Erläuterungen nicht viel verstehen, wenn sie auf Norwegisch von eigenwilligen Künstlerinnen und schrägen Köpfen, von Erinnerungen und Lebenswegen singt – und von Menschen und Geschichten mit “fraglicher Moral”, an denen sie nach eigenem Bekunden am meisten interessiert ist. Aber die Botschaft kommt an, und so meinte man direkt zu spüren, wie die Fjordnebel durchs Parktheater wehen und sich die Schwere der Polarnächte aufs Gemüt legt, als Kari Bremnes von der “Schwarzen Bärin” Anna Rebecka erzählte und sich in “Coastal Ship” an die großen Schiffe erinnerte, die ihr von der großen weiten Welt kündeten, als sie sie als Kind auf den Lofoten vorbeiziehen sah. “It’s the power of the music”, wie sie selbst feststellte.

Wenn es ein Problem mit der Musik von Kari Bremnes gibt, dann ist es die stetige Gefahr, dass der hyperperfekte Sound, der einen in seinen besten Momenten einhüllt wie ein duftendes Bad oder die Seele streichelt wie eine große Tasse heiße Ovomaltine, ins Schöner-Wohnen-mäßige kippt. (Nicht umsonst ist Kari Bremnes aufgrund ihrer glasklar produzierten CDs vor allem in Audiophilen-Kreisen ein Begriff, wobei ich mir nie sicher bin, ob diese Klientel wirklich die Musik gut findet oder nur froh ist, dass ihr Esoterikkram Highend-Spielzeug auch mal für was gut ist…) Das Live-Erlebnis, so sollte sich herausstellen, rettete gottlob vor zuviel Sterilität – auch wenn Keyboarder Bengt Hanssen auf der Bühne dieselben, eine Spur zu überzüchteten Edel-Klaviersounds verwendet wie im Studio.

Es war wieder einmal die hallige Akustik des Parktheaters, die manches, was die  famosen Musiker da produzierten, ein bisschen verschwimmen oder zu wummerig klingen ließ. Die Tontechnik verstand aber das Beste daraus zu machen, und so störte dieser kleine Fehler nicht zu sehr. Das Beeindruckendste war ohnehin, wie die (un-fucking-fassbar!) knapp 56jährige Bremnes da bescheiden am Mikro stand (bzw. saß) und die Zuhörer ohne große Gesten allein mit ihrer stillen Anmut und ihrer geschmeidigen Samtstimme in ihren Bann zog.

Das Publikum im nicht ganz vollen Theater war eher übersichtlich und vielleicht einen Tick zu entschlossen, an diesem Abend eine “ganz große Künstlerin” zu bejubeln – aber die Leute hörten sehr aufmerksam zu, zeigten sich von ganzem Herzen dankbar und wollten Kari Bremnes am Ende kaum von der Bühne lassen. Und einig waren sich – wie sich auch an den Abstimmungssäulen am Ausgang zeigte (siehe Foto) – wohl am Ende alle: Die Frau darf wiederkommen.

In den Tag konstatiert (16)

Diese Modefloskel “auf so vielen Ebenen” nervt mich auf so vielen Ebenen.

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