06/02/2010

Antisemitislamophobie (II)

Diese Meldung ging gestern durch die Presse: eine Kieferorthopädin lehnt die Behandlung eines jugendlichen Patienten ab, weil er Cihad heißt.

Man könnte das Ganze als amüsante Anekdote abtun. Könnte sich zu Sarkasmen hinreißen lassen wie dem, dass man sich als aufgeklärt-säkularer Agnostiker auch nicht von einer Ärztin behandeln lassen möchte, deren (leicht zu ergoogelnder) Vorname “Gott des Schwurs” bedeutet. Könnte Listen erstellen mit gut teutschen Namen fraglichen Gehalts. Könnte sich über die dümmliche Dreistigkeit lustig machen, mit der die Dame die zukünftige Behandlung Cihads nun von der der Namensvergabe zugrundeliegenden Gesinnung seiner Eltern abhängig macht. Könnte vielleicht auch – etwas ernsthafter – die Frage stellen, wo wir denn leben, dass jemand noch nicht einmal wegen des Klangs oder der sozialen Zuschreibungen (Stichwort “Kevin”) seines Vornamens stigmatisiert wird, sondern wegen dessen Bedeutung (die abzufragen man sich, nebenbei bemerkt, auch erstmal nicht entblöden muss).

Was man nicht alles könnte, wenn die laut schrillenden Alarmglocken einen nicht davon abhalten würden. Denn wo ist der strukturelle Unterschied zwischen Cihad und Sara, wenn die reale Benachteiligung, die jemandem widerfährt, einzig und allein mit dem Tragen eben dieses Namens begründet wird? Wolfgang Benz, Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung  an der TU Berlin und damit m.E. einer seriösen Einordnung fähig, weist einmal mehr auf diese erschreckende Parallele hin.

18/01/2010

Herzchen hüpf

Dieses putzige kleine Liedchen hat zur Zeit Powerplay auf meinem iPod, und soeben habe ich einen nicht minder erquicklichen Videoclip dazu gefunden. Man beachte die im Takt hüpfenden Herzchen im Instrumentalteil. Hach…!

Benutzungshinweis: Der eigentliche Clip beginnt erst nach 25 Sekunden.

10/01/2010

In den Tag konstatiert (VIII)

Bürger der Gemeinde Kissing bei Augsburg wehren sich gegen den geplanten Bau eines Krematoriums. Wahrscheinlich haben sie Angst, der Ort würde dadurch zu lebendig.

09/01/2010

Holzmedien

Auch wenn mir der Begriff Holzmedien durchaus vertraut ist, wollte ich es jetzt doch mal wissen und googelte nach Definitionen. Ich fand ganze zwei, und beide stellten mich nicht zufrieden, heben sie doch lediglich auf die Assoziation Printmedien – Papier – Holz ab. Das ist das, was ich mir bei näherer Betrachtung des Wortes auch irgendwann mal zusammengereimt habe. Mein erster Erklärungsansatz war aber ein anderer:  Holzmedien klingt für mich nach Hölzernem Zeitalter und nach Holzklasse, schwerfällig, unkommod und technisch überholt. Lustigerweise empfinde ich diese Bedeutungskomponente übrigens nach wie vor als die dominierende.

Nun gibt es zwei Möglichkeiten: entweder haben gerade die beiden Menschen, von denen die Erklärungen stammen, die Mehrdeutigkeit von Holzmedien nicht erfasst. Oder die Schöpfer (und Multiplikatoren) des Wortes  – irgendwo da draußen im Bloguniversum – haben selbst gar nicht bemerkt, was für einen schillernden (und gerade deshalb so genialen) Begriff sie da in die Welt gesetzt haben.

05/01/2010

Antisemitislamophobie

Der Antisemitismus-Forscher Wolfgang Benz in der SZ über die Parallelen zwischen Antisemitismus und Islamophobie:

[...] die Verallgemeinerung beklagenswerter Auswüchse ist Hetze mit dem Ziel der Diskriminierung. Um die Gefährlichkeit des Islam zu beschwören, agieren “Islamkritiker” aber unter zunehmendem Applaus mit genau dieser Methode.

Bitte a) unbedingt und b) den ganzen Artikel lesen!

(via Politblogger)

03/01/2010

Aufschreie einfordern

“Wo bleibt der Aufschrei der Muslime” anlässlich des Attentats auf den dänischen Mohammed-Karikaturisten Westergaard, fragt Spiegel Online scheinheilig im Namen seiner Leser.

Wieder ein bekanntes Muster:  Muslim sein ist aus Sicht der Islamophobiker in allererster Linie ein Auftrag, sich von islamistischen Gewaltakten zu distanzieren, und dass sie das nicht tun, sagt ja wohl alles, und der Beweis für die Brutalität und Gefährlichkeit des Islam wäre wieder mal erbracht. Ein kühnes Konstrukt.

Nun bin ich ja kein Muslim, aber es wäre mir doch zu doof, jedesmal mit Friedensfahnen zu jonglieren, wenn wieder irgendwo einer im Namen Allahs durchgeknallt ist.  Dass meine Friedfertigkeit  nicht bis zum Beweis des Gegenteils vorausgesetzt, sondern ihr demonstratives Vor-mir-her-Tragen erwartet wird,  ist doch der eigentliche Skandal.

Muss ich mich als Nenn- und Steuerkatholik denn etwa dafür rechtfertigen, wenn in den USA Abtreibungsärzte erschossen werden? Wird da gefragt, wo der Aufschrei “der” Christen bleibt?

Fragt denn überhaupt jemand “die” Muslime, über deren Schweigen man sich beklagt? Vielleicht ist ja das Entsetzen in den Hinterhof-Moscheen (ins Vorderhaus lässt man die, deren Integration man fordert,  ja nicht) groß.  Weiß man’s?

Und wo wir schon von Christen sprechen: Der Politblogger hat ein paar schöne Beispiele dafür zusammengetragen, wie entspannt Christen reagieren können, wenn es um die künstlerische Auseinandersetzung mit ihrer Nahost-Religion geht. Ein Spaß.

Update. Ein treffender Kommentar im Forum von Spiegel Online: “Die” Muslime, aber nie “die” Christen?

22/12/2009

In den Tag konstatiert (VII)

Es ist an der Zeit,  die Präsenz des Münchner Adabei-Orchesters Quadro Nuevo hinsichtlich Airplay, Konzertterminen und Tonträgern zu kontingentieren. Notfalls auf juristischem Weg.

15/12/2009

Frau Fischer redet Blech

Irene Fischer, Schauspielerin und Drehbuchautorin in der „Lindenstraße“, wurde unlängst im Chat der Lindenstraßen-Homepage gefragt, ob man sagen könne, in welchem Rhythmus sich Handlungsstränge wiederholen. Ihre Antwort lautete folgendermaßen:

kein handlungsstrang wiederholt sich – die geschichten sind eine logische konsequenz, die sich aus der biografie der figuren ergibt, […]

Radikal interpretiert wären Autoren in der Lindenstraße demzufolge überflüssig, es fügt sich ja alles von selbst. Doch nicht nur deswegen ist Frau Fischers Aussage Quatsch.

Dass Erich Schiller aus heiterem Himmel einen Herzinfarkt erleidet – eine logische Konsequenz aus seiner Biografie?

Dass Andy Zenker durch eine einem LKW entweichende giftgrüne Flüssigkeit radioaktiv verseucht wird* –  eine logische Konsequenz aus seiner Biografie?

Dass Penner Harry nach zehn Jahren einen bürgerlichen Namen bekommt – eine logische Konsequenz aus seiner Biografie?

Dass Klaus Beimer aus einer glücklichen Ehe heraus fremdgeht und natürrlich gleich ein Kind zeugt – eine logische Konsequenz aus seiner Biografie?

Dass Suze Richter irgendwann plötzlich lesbisch wurde – eine logische Konsequenz aus ihrer Biografie?

Dass sie nun plötzlich wieder hetero ist – eine logische Konsequenz aus ihrer Biografie?

Dass Marion Beimer als Osho-Anhängerin aus dem Off aus Indien zurückkehrt – eine logische Konsequenz aus ihrer Biografie?

Dass Lea in einem Anfall pubertärer Eifersucht Caros Kondome zersticht – eine logische Konsequenz aus ihrer Biografie?

Dass Gabi Zenker bei einem Unfall ihr Gehör verliert – eine logische Konsequenz aus ihrer Biografie?

Dass Tom Ziegler mal eben ein Date mit seiner Kameradin Irina im Internet versteigert, ohne deren Wissen und natürlich prompt an einen Stalker – eine logische Konsequenz aus seiner Biografie?

Dass Irina gestalkt wird – eine logische Konsequenz aus ihrer Biografie?

Dass selbiger Tom Ziegler seit neuestem eine todgeweihte alte Dame betreut – eine logische Konsequenz aus seiner Biografie?

Dass Ines Kling eine WG mit Jack Aichinger gründet – eine logische Konsequenz aus beider Biografien?

Dass Zorro nach Jahren aus New York in die Lindenstraße zurückkehrt und nach einem halben Jahr höchst anstrengenden Gelärmes, aber unter Umgehung jeglichen Anzeichens von Handlung wieder abhaut – eine logische Konsequenz aus seiner Biografie?

Oder sind das nicht einfach alles aus dem Nichts gesponnene Handlungsstränge (womit über ihre Qualität erstmal gar nichts gesagt ist) und mehr oder minder fadenscheinige Vorwände für produktionstechnische Notwendigkeiten?

Es ist klar, dass die Autoren bestimmte Geschichten erzählen wollen. Es ist klar, dass sich nicht jede Geschichte mit jeder Figur erzählen lässt. Es ist klar, dass sich manche Entwicklungen aus der Vorgeschichte einer Figur förmlich aufdrängen. Es ist klar, dass Herzinfarkte, Schlaganfälle und Schicksalsschläge im Seriengeschehen so unvermittelt kommen müssen wie im richtigen Leben. Und es ist auch klar, dass bestimmte Geschichten aus ganz profanen produktionstechnischen Gründen notwendig sind, z.B. um einen Ausstieg vorzubereiten oder zu erklären, warum die neue Marion Beimer soviel offener und lebhafter und sympathischer ist als die alte.

Aber dem Zuschauer weismachen zu wollen, alles, aber auch wirklich alles, was in der Lindenstraße passiert, entspringe einzig und allein der inneren Logik der Serienhandlung selbst, ist nichts anderes als Verarschung. Natürlich lassen die Autoren manche Geschichten aus dem Nichts beginnen. Natürlich können sie entscheiden, welchen Abzweig sie bei der Entwicklung einer Figur nehmen, ob sie aus Schicksal A von Figur X Handlung B oder Schicksal C oder Handlung A’ oder gar nichts folgen lassen.

Frau Fischer, ich weiß, wir sollen die Lindenstraße ernst, aber nicht bierernst nehmen. Aber dieser Kommentar oben, der war nix.

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*) In Fankreisen ist diese Geschichte nur noch unter dem schönen Namen „der Atomschmarrn“ bekannt.

04/12/2009

Aus dem christlichen Abendland

Mit einem  angeblich christlich-abendländischen Kulturraum zu argumentieren, ist ja kein Novum der aktuellen Minarett-Debatte, sondern gehört im Kampf unserer bürgerlich-aufgeklärten Gesellschaft  gegen den pösen Islam fest zum Arsenal. Nun stieß ich aus einem Anlass, der hier nicht erläutert werden muss, auf eine interessante Anekdote aus der neueren Geschichte der Stadt Fürth.

Dort konnte sich die katholische Minderheit erst 1911 auf jahrelangem Amtsweg das Recht erstreiten, eine Fronleichnamsprozession abhalten zu dürfen. Zuvor war dieses Ansinnen mehrfach mit der Begründung abgeschmettert worden, so etwas sei im evangelischen Fürth “nicht herkömmlich”.

Soviel zur Frage, ob Minarette zwischen die Alpen passen,  soviel vor allem aber zum “United we stand” der abendländischen Christenheit.

Dass es auch anders geht, bewies einige Jahrzehnte zuvor der Fürther Kaufmann Johann Leonhard Büttner. Selbst protestantisch, spendierte er 1826 der neu erbauten katholischen Pfarrkirche eine Glocke mit der Inschrift: Aus Achtung der Religion ohne Rücksicht des Glaubensbekenntnisses.

Kann man Glocken unterschreiben?

Dank an Barbara Ohm und ihr Buch “Fürth – Geschichte der Stadt”

02/12/2009

“Minarette passen nicht in unsere Landschaft”

Kleines Ratespiel:

Was ist das?

Und das?

Für die Antwort bitte jeweils aufs Bild klicken.