Am Fenster

Silly Walks

Erst haben sie weinende Brasilianer getröstet (nachdem sie ihnen allen Grund gegeben haben, getröstet zu werden, natürlich). Dann haben sie Blut geweint. Dann regnete es Goldflitter um sie herum. Und schließlich betraten sie eine Bühne vor dem Brandenburger Tor und sangen ein Liedchen über den Unterschied zwischen Gauchos und Deutschen. Unsere Goldbuben, Jogis Jungs, oder wie wir nüchternen Zeitgenossen sagen: die zu einem FIFA-Herrenfußballturnier entsandte Auswahlmannschaft des Deutschen Fußballbundes.

Im großen “Weltmeister!”-Geschrei regte sich nun ein leises Stimmchen des Befremdens ob dieses kurzen Auftritts, und als die große Partygesellschaft vom Genörgel dieser humor- und vaterlandslosen Gesellen Wind bekam, war nun endlich der Shitstorm da und ein neues Debattenthema geboren: der Gauchotanz.

In Fußballstadien, so hört man, sei dieser Gesang – neben wüsteren – seit Jahren und Jahrzehnten gang und gäbe. Die Frage ist nun natürlich: Ist das Brandenburger Tor ein Fußballstadion Na und, macht es das besser? Dieses kleine Stück Fußballkultur wird jetzt aus der Kuscheligkeit des Stadionrunds ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt, und dort entpuppt es sich als ziemlich hässliches Gebaren. Nicht wirklich böse, aber ausgesprochen unschön. (Vor ein paar Jahren, bei einem ähnlichen und doch ganz anderen Anlass, sah das übrigens auch der DFB noch so).

Mag sein, dass Grobheiten wie diese in der internen Logik der Fußballanhänger nichts als Neckereien sind, die jeder mal von jedem abkriegt. Das macht die Grobheiten nicht schöner, aber bittesehr. Wenn nun aber schon der Erwerb eines zu irrsinniger Bedeutsamkeit überblähten Turnierpokals zur staatstragenden Angelegenheit erklärt wird, die gefälligst jeden im Innersten zu rühren hat, dann ist es auch hinzunehmen, dass die Insider-Rituale mal nach den Maßstäben der normalen Welt betrachtet werden. Und da kommt der “So-gehn-die”-Tanz eben nicht so besonders gut weg.

Und dabei haben wir jetzt noch gar nicht über den gigantischen Unterschied zwischen dem Privatvergnügen von Provinz-Ultras in der Südkurve des SV Hintertupfing einerseits und der öffentlichen Selbstdarstellung der höchsten Spielerelite des Landes im Moment ihres größten Triumphs andererseits geredet. Was für den Fan im Stadion in Ordnung sein mag, muss es für den umjubelten Turniergewinner auf der großen Bühne noch lange nicht sein. Aus dem grobschlächtigen Fan-Ritual wird eine hässliche Überlegenheitsgeste, aus den verdienten Siegern schlechte Gewinner.

Natürlich haben die Spieler alles Recht dazu, sich zu freuen, wie sie möchten. Wer, wenn nicht sie. Aber auch das ist eben ein Unterschied: ob ich öffentlich feiere, dass jemand anders verloren hat – oder ob ich diesen Teil in der Kabine lasse und mich vor Publikum auf den “Ich hab gewonnen”-Part beschränke. Komme mir keiner mit Siegesrausch und Menno-man-darf-doch-auch-mal-feiern. Die Herren fahren Millionen dafür ein, dass sie sich selbst beherrschen können, und genau das ist es auch, was gefühlte 200 Millionen Deutsche von ihnen erwarten, wenn sie auf dem Platz stehen. Da sollte auch im Siegestaumel ein Mindestmaß an Contenance und Anstand drin sein.

Das alles hat nicht wirklich was mit Rassismus zu tun, was eigentlich auch keiner behauptet außer den stolzen Partypatrioten, die ein bisschen Stilkritik an ihren Hermanns und Siegfrieds gleich wieder als gutmenschelnden Generalangriff auf ihren ach so entspannten Nationalstolz interpretieren. Was freilich viel darüber erzählt, wie weit es mit der Entspanntheit und Harmlosigkeit dieser nationalen Wallungen her ist – aber das ist eine andere Geschichte. Eine viel, sehr viel größere als der Gauchotanz. Der ist einfach nur blöd.

PS: Die von einem “Freitag”-Blogger gezogene Parallele zu Popstars, denen man solche Dummheiten nie und nimmer durchgehen lassen würde, finde ich interessant, habe ich aber nirgendwo untergebracht. Deshalb ganz unelegant: ein Link.

Update 19.07. Bissl Text-Finetuning. Und Links ergänzt.

Das Siebenzueins-Paradoxon

Siebenzueins-Paradoxon, das:
Gleichzeitigkeit von eisernem Desinteresse und der Empfindung, Bemerkenswertes verpasst zu haben

Wihamasdenn

Am Ende dieses Beitrags werden Sie sich vielleicht fragen: Warum kommt der denn ausgerechnet jetzt damit daher? Ja, das Folgende besitzt keinerlei tagesaktuelle Relevanz, es ist nur Ergebnis einer aktuellen Freizeitbeschäftigung meinerseits.

Ich bin nämlich gerade dabei, das Werk von Fredl Fesl neu zu entdecken und zu bewerten (Kurzfassung: großartig, zeitlos, Klassiker) und habe mir im Zuge dessen mal wieder ein paar seiner alten Platten zu Gemüte geführt, logischerweise. Dabei stieß ich auf seiner ersten LP auch wieder auf die “Sowosama-N*ger”. Und meine Freude über Fesls virtuos-anarchische Schrulligkeit bekam ein kleines Loch.

DSCN7339_2Der Gag ist als reines Wortspiel (“So, wo samma?”) heute so gelungen wie damals. Und im Gesamtkontext von Fredl Fesls Werk, das ja zu weiten Teilen von geradezu naiven Weltbetrachtungen und Sprachspielereien lebt, auch irgendwie ganz unschuldig. Aber die Welt, in der Fesl sich da bewegt und ohne böse Absicht über dieses fiktive “Steppenvolk” fabuliert, ist es eben nicht. Sondern eine, die sich Mitte der 1970er Jahre mit ihrer kolonialistischen Vergangenheit offenbar immer noch ganz wohl zu fühlen scheint. Das wird natürlich nicht besser, wenn Fesl den Protagonisten des darauffolgenden Liedes gänzlich unbekümmert über die “Kaffern von Agrabekim” dahinträllern lässt.

Das alles stößt bitter auf, ist aber vielleicht noch irgendwie mit einem damals noch durch keinerlei Reflexion getrübten Selbstverständlichkeitsrassismus zu erkären (nicht: zu entschuldigen). Da muss man dann vielleicht einfach sagen: Fredl Fesl, großartiger Künstler, origineller Denker, Sprach- und Gitarrenartist, der ein Werk von zeitloser Qualität geschaffen hat – in dem es aber ein paar Stellen gibt, an denen er eben doch einfach nur ein Kind seiner Zeit war, und zwar im ungünstigen Sinne. (Siehe auch diese Nummer aus dem Jahr 2000 (!)). Mit dieser kritischen Einordnung kann man das auch stehen lassen und sich dann weiterhin am “Königsjodler” und dem Pferd mit vier Beinern (an jeder Seite einer!) erfreuen. Und sogar an den “Sowosamas”.

Zeitsprung: 2010 bekam Fredl Fesl den Großen Karl-Valentin-Preis. Gerhard Polt und die Biermösl Blosn waren Laudatoren und saßen nachher noch gemeinsam mit Fesl für ein kurzes Statement vor der Kamera. Polt zitierte dann (nebenbei bemerkt: falsch) die “Wosama(!)-N*ger”, nicht ohne dabei die von den Biermösln feist belächelte Frage aufzuwerfen, ob man das denn “noch sagen” dürfe. (Woraufhin dann zu allem Überfluss auch noch der “Wosama-Farbige” ins Spiel gebracht wurde.)

Jaja, die Sprachpolizei wieder. Wir wollen doch nur “N*ger” sagen wollen dürfen spielen, ist doch nicht schlimm. Aber haha, wenn’s den Gutmenschen dann besser geht, sagen wir halt “Farbiger”. Wenn’s schee macht, haha!

Ich bin ehrlich ein wenig erschrocken darüber, dass ein Mann wie Polt, der ja nun erwiesenermaßen über ein hinreichendes Maß an Intellekt, Wortgefühl und Sprachbewusstsein verfügt, sich hier ganz locker-flockig und ohne Not zum Sprachrohr der “Man darf ja nichts mehr sagen”-Fraktion macht, zwischen den Zeilen, aber unmissverständlich. Dass ausgerechnet er, der Gerhard Polt, der komplette Figuren zum Leben erweckt nur durch die Wahl seiner Worte – dass ausgerechnet der anscheinend noch nicht kapiert hat, dass es nicht darum geht, was man “sagen darf”, sondern darum, was man über sich sagt, wenn man sagt, was man sagt. Und: was man damit tut. Bei der Biermösl Blosn wundert mich das nicht (die konnte ich eh noch nie leiden in ihrer auf widerständig gebürsteten, aber letztlich doch nur hofnärrischen Muhackligkeit und diesem selbstzufriedenen Gestus, der sich für was Besseres hält als die Musikantenstadl-Tümelei, und damit aber eben auch wieder genau das ist: Tümelei.). Aber Polt!

Wie gesagt: Fredl Fesls “Sowosama”-Geschöpf ist – als Wortspiel – genial. Aber es hat einen hässlichen Fleck auf der Weste, einen Fleck aus rassistischer Tradition und Kolonialgeschichte, und der sitzt so tief im Gewebe, dagegen hilft kein Fleckenteufel. Früher hat man den Fleck vielleicht nicht gesehen oder sich nicht dran gestört. Heute sieht man ihn, und kann deswegen vielleicht nicht mehr ganz so unbekümmert über den Scherz lachen. Und ein unbestritten sprachgewaltiger Mann wie Polt hat nichts Besseres zu tun, als sich ganz nebenbei über denjenigen zu belustigen, der auf den Fleck zeigt (oder genauer: möglicher- und imaginierterweise zeigen könnte). Ich hoffe, er hat es einfach nur unbedacht getan.

Vielleicht sind aber auch große und verdienstvolle Künstler irgendwann einfach nur arme alte Männer.

Gleichenhalle

Man stelle sich vor: Eine kleine Gruppe von Menschen zieht einfach ihr Ding durch, friedlich und ohne jemandem damit etwas Böses zu wollen – und schon tobt und schreit die deutsche Wutkartoffel in gewohnter Manier drauf los.

Es geht um den “Lesbenfriedhof” in Berlin, der in Wahrheit kein Friedhof ist, sondern eine 400 m² große Parzelle auf einem hundertmal so großen evangelischen Friedhof, die von einer Aktivistinnengruppe aus Wuppertal als eine Art zukünftiges Gemeinschaftsgrab für lesbische Frauen organisiert wurde. Ich hatte im Grunde schon genug von dem Thema, als ich gesehen habe, dass Birgit Kelle sich dazu verbreitet hat. Aber nun bin ich doch noch in eine Facebook-Diskussion geraten und habe wieder mal zuviel Zeit damit verbracht und mich zuviel aufgeregt.

Es sind die üblichen Reaktionen, die man aus allen Rassismus-AntisemitismusHomophobie-Diskussionen kennt: verbale Rücksichtslosigkeit bis hin zur Grobheit, und ein Reflexionsniveau, das selten über “armes deutschland!!!!!111″ hinausgeht. Man fragt sich, was an der Idee einer Ruhestätte für Lesben so bedrohlich sein mag, dass man derart um sich schlagen muss.

Da würde sich eine Gruppe selbst ausgrenzen, die doch sonst immer um Integration und Gleichberechtigung kämpfen würde, ist wieder und wieder und wieder und wieder und wieder zu lesen. Keinem fällt auf, wie arrogant, überheblich und ja: gewälttätig dieser Gedankengang ist. Lässt diese Argumentation doch keinen Zweifel daran, dass es “die Mehrheitsgesellschaft” ist, die den Daumen über eine Minderheit hebt oder senkt, die Gleichberechtigung nach Gutdünken huldvoll gewährt oder kalt lächelnd vorenthält. Selbstbestimmung? Fehlanzeige. Die schnappatmende Empörung, mit der über eine Handvoll lesbischer Aktivistinnen gegeifert wird, die für sich und ihre Mitstreiterinnen eine Option geschaffen haben (mehr ist es ja nicht), hat etwas von der Kränkung einer enttäuschten Majestät. Natürlich ist das diskriminierend, natürlich wird da strukturelle Ungleichbehandlung fortgeschrieben. (Besonders perfide im Übrigen, wenn sie im Gewand des besorgten Sympathisanten daherkommt, der treuherzig versichert, dass er ja durchaus für die Gleichberechtigung Homosexueller sei, aber mit solchen absonderlichen Wünschen täten sich die Damen ja nun keinen Gefallen, wie könne man sich nur selbst derart ghettoisieren, man wisse doch, wohin Ausgrenzung führen kann…)

Man mag das Ansinnen, sich im Kreise von Lesben begraben lassen zu wollen, ja für speziell halten. Man darf das auch ein bisschen strange finden – auf dieselbe Weise, auf die man auch ins All geschossene Urnen oder Fußballfriedhöfe strange finden darf. Man wundert sich vielleicht ein bisschen, schüttelt vielleicht ein wenig amüsiert den Kopf, denkt sich “Des Menschen Wille ist sein Himmelreich”, und gut.

Gleichberechtigung schließt das Recht ein, sich nach Belieben einer Gruppe zugehörig zu fühlen (oder zu mehreren oder zu keiner). Gleichberechtigung schließt auch das Recht ein, unter sich bleiben zu dürfen. Eine Gesellschaft, die von Homosexuellen verlangt, dass sie das – wie stark auch immer ausgeprägte – Zugehörigkeitsgefühl zu anderen Homosexuellen aufgibt, ist keine freie, offene, tolerante Gesellschaft. Sie hält immer noch schön den Daumen drauf. Sie erwartet Selbstaufgabe, und ist angepisst, wenn die gnädig Geduldeten sich dann auch noch erdreisten, ihr eigenes Ding machen zu wollen.

Und ganz plötzlich wird zum Politikum, was anderswo völlig selbstverständlich ist. Käme man bei einer Seebestattung auf den Gedanken: “Diese Seebären, wollen sich selbst im Tod nicht integrieren!”, oder würde man die Anlage eines Friedwalds mit “Gibt’s denn keine wichtigeren Probleme” kommentieren? Nein, an individuellen Begräbniswünschen nimmt man erst dann Anstoß, wenn sie aus den Reihen einer als “anders” identifizierten Gruppe formuliert werden. Dann aber ist man ohne Zögern bereit, eine Grundsatzdebatte vom Zaun zu brechen.

Entlarvend auch der Duktus, in dem dann von “den” Lesben und “den” Schwulen die Rede ist: “Die” wollen doch immer Gleichberechtigung, und jetzt ghettoisieren “die” sich selbst. Othering at its best.

Es ist unter den lesbischen Frauen, unter den lesbischen Frauen in Deutschland ein kleines Grüppchen, das sich hier um ein persönliches Anliegen gekümmert hat. Niemand wird dadurch zu etwas gezwungen, niemandem wird etwas weggenommen, und wahrscheinlich ist 98 % der lesbischen Frauen die Existenz eines lesbischen Grabfeldes vollkommen gleichgültig. Aber für wen die Liebe zu Frauen so identitätsprägend war, wer sich den lesbischen Schwestern so verbunden fühlt, dass sie ihnen auch im Tod nahe sein möchte – die soll doch einfach die Möglichkeit dazu haben.

Ich möchte nicht auf einem schwulen Friedhof begraben sein. Aber ich habe weißgott Besseres zu tun, als mich über jemanden zu echauffieren, der das gerne möchte. (Wieviel auf die Vorstellung einer irgendwie geschlossen fühlenden, denkenden und handelnden – und sich fröhlich selbstsegregierenden – Gruppe von Homosexuellen zu geben ist, zeigt im Übrigen auch dieses Abstimmungsergebnis.)

Es geht mir nicht um diesen Friedhof. Und das ist es auch nicht, was in dieser Debatte verhandelt wird. Es geht darum, welche Vorstellungen von Gesellschaft wir vertreten. Wollen wir eine Gesellschaft, in der Anderssein genau so lange gestattet ist, wie es nicht auffällt und nicht stört? Die Renegatentum wittert, wenn Anderssein tatsächlich gelebt wird (und darüber letztlich sogar erleichtert zu sein scheint, weil die Abgrenzung zwischen “uns” und “denen” noch funktioniert)? Oder wollen wir eine Gesellschaft, in der Anders- und Verschiedensein die Norm ist? Die Nischenbildung als Teil des Ganzen akzeptiert, und in der jeder und jede selbstbestimmt so leben (und sterben) kann, wie er/sie mag, solange er/sie damit niemandem etwas tut?

The Gospel according to Panti

Der irische Travestiekünstler Panti Bliss hat im Dubliner Abbey Theatre eine Ansprache über Homophobie gehalten. Eigentlich die Reaktion auf eine durch ein Interview im irischen Fernsehen RTÉ ausgelöste Homophobie-Debatte, hat sie das Zeug zur zukünftigen Standardantwort auf die Frage: “Was ist Homophobie?”. Und sie sollte ab sofort allen vor den Latz geknallt werden, die behaupten, es sei doch alles in Ordnung; die Schwulen und Lesben sagen, sie sollten sich nicht so anstellen; die sich zu Opfern eines angeblichen Homopropaganda-Terrors stilisieren; und die Homophobie kraft ihrer Wassersuppe für nicht existent erklären wollen.

Zuhören, bewundern, auswendiglernen:

 

PS:
Der Herr hinten links soll sich bitte! dringend!! bei mir melden!!!

Update 10.02.
Hier gibt es ein Transkript von Pantis Noble Call, und hier eine deutsche Übersetzung.

In den Tag konstatiert (18)

Vergesst Geschlechter, Hautfarben und sexuelle Identitäten! Es gibt genau zwei Sorten von Menschen: Solche, bei denen der Flusenteppich im Wäschetrockner rot, und solche bei denen er blaugrau ist.

Kick it like Hitzlsperger

Das Jahr 2014 hat noch 358 Tage, aber der Held des Jahres dürfte jetzt schon feststehen: Thomas Hitzlsperger. Den Namen hatte sogar ich, dem “unsere Jungs” sonstwo vorbeigehen, schon mal gehört – ich konnte also direkt mitmachen bei dem großen “Ohoo!”, das gestern durch die Republik hallte.

Zusätzlich zu dem wohl jetzt schon legendär zu nennenden, landauf landab zitierten Interview mit der “Zeit” hat Hitzlsperger um Mitternacht ein Video veröffentlicht, in dem er verschiedene, erwartbare Fragen rund um sein Coming-Out beantwortet. Der mutige Schritt war also wohl generalstabsmäßig geplant, und was soll ich sagen: Zu der klugen und besonnenen Art, zu der Selbstsicherheit, und ja: zu der Souveränität, mit der sich Hitzlsperger der Öffentlichkeit stellt, kann man ihm nur gratulieren.

Natürlich treten stante pede wieder die Nörgler auf den Plan: Hitzlsperger würde als nicht mehr aktiver Spieler ja nichts mehr riskieren; und überhaupt, wen würde denn anderer Leut’ Sexualleben interessieren – als ob Hitzlsperger mehr (bzw. nicht sogar weniger) von sich preisgegeben hätte als jede/r Büroangestellte, der/die ein Foto seines/ihres Ehepartners auf dem Schreibtisch stehen hat (wie ja überhaupt der scheintolerante Einwand, das sei doch alles Privatsache, ohnehin nichts anderes ist als der auf Vernunft frisierte Wunsch, bitte nicht mit der Existenz Homosexueller behelligt zu werden).

Ich gönne mir angesichts Hitzlspergers Coming-Out meine pathetischen fünf Minuten und sage: Ein Mann hat Geschichte geschrieben. Angesichts der seit Jahren im Raum stehenden Frage “Wann outet sich der Erste?” hat dieser Schritt fast schon messianischen Charakter. Natürlich war ihm klar, welchen Knüller er damit landen würde. Umso größeren Respekt vor der Nonchalance, mit der er sich dieser Herausforderung gestellt hat. Möge er vielen ein Vorbild sein. Und ihm persönlich vielen Dank – und alles, alles Gute!

Further reading:
53 Cent: Wer aber bei einem Manne liegt wie bei einer Frau…
Exportabel: Schwule sind pervers und gehören interniert
Fliegende Bretter: Wenn Toleranz verdächtig wird
gegendenball: Quod erat demonstrandum?
Leo Fischer (Neues Deutschland): Sexualschaffner

Happy 2014

Call it any name you need.
Call it your 2.0, your rebirth, whatever –
So long as you can feel it all,
So long as all your doors are flung wide.
Call it your day No 1 in the rest of forever.

Am Fenster wünscht allen LeserInnen einen guten Start in ein fantastisches Jahr 2014!

In den Tag konstatiert (17)

Migräne – als hätte das Gehirn Kirmes und wünschte dabei nicht durch äußere Eindrücke gestört zu werden.

Tot am Sonntag

Augsburgs Dritter Zweiter Bürgermeister und Finanz- sowie kommissarischer Ordnungreferent Hermann Weber hat einen Auftritt von Cindy aus Marzahn verboten, der am 24. November, also dem Totensonntag hätte stattfinden sollen. Begründung laut DAZ (die wiederum aus einer Zeitung zitiert, der ich nicht die Ehre einer namentlichen Nennung zuteil werden lassen möchte): “Sie sprechen mit einem christlich orientierten Politiker, da lasse ich mit mir darüber nicht reden, weil die Totenruhe für mich etwas Heiliges ist!”

Aha. Nicht dass ich der Ansicht wäre, eine abgesagte Veranstaltung mit Cindy aus Marzahn würde einen großen Verlust im städtischen Kulturkalender bedeuten. Und seine Totenruhe darf der Herr Weber ja auch heiligen wie er will, gerne auch mit eigenwilliger Syntax.

Beim stets eine Woche vor dem Totensonntag begangenen Volkstrauertag scheint Herr Weber allerdings weniger skrupulös zu sein – in den tanzt er schon mal rein, wenn die lokale Pressemogulin einlädt.

Und wenn ich mir an dieser Stelle eine kleine berufliche Indiskretion erlauben darf: Darüber, am Sonntagnachmittag (am Tag des HErrn!) en famille eine Schankwirtschaft aufzusuchen und die Dienste der dort arbeitenden Menschen in Anspruch zu nehmen und sich somit mindestens zum Komplizen der Sünde eines Verstoßes gegen das dritte Gebot, wenn nicht gar zu dessen Anstifter zu machen – darüber scheint man mit dem christlich orientierten Hypokriten Weber offenbar sehr gut reden zu können.

Ich finde das widerwärtig, da lasse ich mit mir darüber nicht reden.

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