09/11/2009

dastrittnachmeinerkenntnisistdassofort

20 Jahre Mauerfall. Bei aller berechtigten Freude über dieses Jubiläum: was heute an rührseliger Patriotismus-Nabelschau durch sämtliche Medien geistert, ist unerträglich.

Zum Beispiel das „heute journal“, das ja eigentlich doch eine tagesaktuelle Nachrichtensendung ist. Marietta Slomka steht am Brandenburger Tor und platzt beinahe vor Pathos und interviewt mit hochwichtigem Das-hier-sind-Topnews-Lächeln Genscher und Gorbatschow, die nach 20 Jahren freilich wenig erhellende Neuigkeiten zum Thema beizutragen haben, womit sie dann aber auf einer Linie mit den Einspielern liegen, welche die tausendfach gesehenen Bilder von Schabowskis Pressekoferenz (an sich ein immer wieder gern gesehener Klassiker), von den Menschenmassen an den Grenzübergängen, von den Mauerkletteren undsoweiterundsofort bringen, wobei dramasteigernde Zeitlupen ebenso großzügig eingesetzt werden wie seichte Synthie-Hymnen und, man halte sich fest, Westernhagens „Freeeeeeiheit“. Das übliche Repertoire zum schnellen, unkomplizierten und rückstandsfreien Heraufbeschwören patriotischer Ergriffenheit, sicher, aber doch bemerkenswert im Zusammenhang einer öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendung.

Auf den anderen Kanälen sieht es nicht besser aus. In der ARD z.B. interviewte der unsägliche Thomas Kausch irgendeinen ehemaligen Politbüro-Fritzen. Ein ältliches Männlein, das sich um die Bewahrung seiner Restwürde bemühte und völlig richtig äußerte, dass „Freiheit“ nun mal nicht alles sei, sondern zu einem menschenwürdigen Dasein z.B. auch gehöre, nicht von Hartz IV leben zu müssen – irgendwas in der Art. Was nun Establishment-Kausch so gar nicht ins affirmative Konzept passte und ihn dazu veranlasste, noch irgendetwas Unbedeutendes zu stammeln, was übersetzt wohl soviel hieß wie „Geht gaar nich!“, und das Gespräch dann ganz schnell zu beenden. Die Szene demonstrierte eindrucksvoll, dass es bei all dem Bombast rund um das Mauerfall-Jubiläum nicht um respektvolles Gedenken geht, um Besinnung auf die Geschichte, oder um Reflexion und Diskussion. Sondern um hirnlose Abfeierei, um Selbstbestätigung des mediokren Meinungs-Mainstreams und um ein – in jeder Bedeutung des Wortes – billiges Gemeinschaftsgefühl. Ich konnte beim Betrachten der Fernsehbilder am heutigen Abend keinen großen Unterschied zu den Ballermännereien nach einem, sagen wir, EM-Viertelfinalsieg der DFB-Elf erkennen.

Der Bayerische Rundunk bringt soeben den „Tagesthemen“-Ausschnitt mit Hajo Friedrichs („die Tore in der Mauer stehen weit offen“), und natürlich fehlt nicht der in den letzten Tagen so ziemlich überall (außer vielleicht im neuen Asterix) zu lesende Kommentar, dass das zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gestimmt habe – was in meinen Augen eine beunruhigende Unempfänglichkeit unserer Journaille für metaphorisches Sprechen offenbart (das zu unterstellen ich in diesem Fall für zumindest nicht völlig abwegig halte). Überhaupt der BR. Bayern 2 war sich ja heute morgen nicht zu schade, ein Feature über den Mauerfall mit den Anfangstakten von „Wind Of Change“ einzuleiten. Auch das ist bemerkenswert: dass nicht einmal ein erwiesenes Qualitätsradio um die Klischeekiste des bundesrepublikanischen Wende-Gedenkens herumkommt. Immerhin folgten gleich darauf ein paar versöhnliche Takte aus Sillys „S.O.S.“, was mich schnell wieder besänftigte.

Zurück ins ZDF. Hier demonstriert das System seine Überlegenheit zur Stunde mit der Sendung „Der schwarze Kanal kehrt zurück“, Untertitel „Achtung Satire!“

Ich geh dann mal brechen Silly hören.

31/10/2009

Nicht süß, nicht sauer, oder: Lassts mer doch mei Ruh!

Die Debatte, ob wir Amerika vor jeder Haustür brauchen [...], ist genauso ermüdend wie das grelle Gehopse und Gekreische selbst. Halloween ist als Brauch, oder wie auch immer man diese Variante marktgesteuerten kollektiven Verhaltenskonformismus nennen mag, so interessant wie yesterdays papers.

Sabine Doering-Manteuffel, Zeichen vom Fliegengott, in: Zeitschrift für Volkskunde 97 (2001), S.284

Ja, Halloween ist doof.*

Ja, Halloween nervt.**

Ja, Halloween ist ein angloamerikanischer Brauch, der nach erfolgter Durchkommerzialisierung nach Europa (re-)importiert wurde.***

Nein, das Spinnennetz-und-Kürbis-Spektakel ist kein seit Jahrhunderten oder gar -tausenden bei ‘uns’ ansässiges Brauchtum.****

Das alles ist bekannt und so banal, dass man es nicht andauernd mit der großen Geste des Wissenden vor sich hertragen muss. Das alljährliche Gegreine über den bösen Halloween-Kommerz nervt inzwischen genauso wie das gleichfalls alljährlich wiedergekäute Ammenmärchen, der Weihnachtsmann sei von Coca-Cola erfunden worden.

Deshalb bitte damit aufhören!

Und was die Unterscheidung zwischen ‘gutem’ und ’schlechtem’ Brauchtum angeht: ob ich nun Ende Oktober von kleinen Hexen oder Anfang Januar von kleinen Schuhcreme-Königen vom Sofa geklingelt und an meiner Haustür um Süßigkeiten und/oder Geld erpresst werde, ist mir persönlich wurscht.

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* So wie Mario Barth, Sketchup oder Kopfweh.
** So wie Mario Barth, Sketchup oder Kopfweh.
*** So wie McDonald’s, Wellness, Musicals und ca. einskommasieben Millionen weitere erfolgreiche Geschäftsideen, die ‘drüben’  ihren Anfang genommen haben.
**** So wie der Muttertag, die Schultüte oder der Adventskranz.

14/10/2009

Vermischtes

• Ich habe heute eine sehr erhellende Antwort auf die am Ende des Peite Reloaded-Artikels aufgeworfenen Fragen bekommen. Erst so schöne Musik machen und dann Taxi fahren…

• Im Schplock habe ich heute eine Duden-Grammatik gewonnen. Das ist nicht nur deswegen schön, weil es immer schön ist, was zu gewinnen (solange es nicht gerade eine Freifahrt bei einem panflötespielenden Taxifahrer ist). Sondern vor allem, weil ich nie ganz darüber hinweggekommen bin, dass der Duden-Verlag mit einer radikalen Neubearbeitung seiner Grammatik dahergekommen ist, nachdem ich mich nach langem Hin und Her zum Kauf derselben entschlossen hatte.  Seitdem kam ich mir beim Nachschlagen immer schrecklich altmodisch und überholt vor, eine Schmach, über die ich in der Öffentlichkeit mit Kommentaren wie „Ich hab die neueste Auflage grad nicht zur Hand“ hinweggenuschelt habe. Doch damit ist’s nun vorbei! An dieser Stelle nochmal ein herzliches Dankeschön an Kristin!

• Der erste Hype um Ola Hellands Giraffenaktion scheint verebbt zu sein, umso wichtiger ist es, nochmal darauf hinzuweisen. Also, der Norweger Ola hat mit seinem Freund Jørgen gewettet,  dass es ihm gelingen wird, via Internet bis 2011 eine Million Giraffenbilder aus aller Welt zu sammeln. Eine vollkommen sinnfreie, aber sehr charmante Aktion. Bitte mitmachen! Hier steht alles, was man wissen muss.

07/10/2009

Sanktionen wegbloggen

Beim Spiegelfechter las ich grade diesen aufrüttelnden Artikel über eine Aktion namens Sanktionen wegbloggen, die wiederum das Sprachrohr einer Petition gegen die Sanktionierungspraxis bei ALG-Empfängern ist.

Ich verzichte mangels Einblick auf eigenen Senf zum Thema und belasse es stattdessen bei dem Hinweis auf die Aktion. Erscheint mir sinnvoll, das Ganze.

14/09/2009

Was ich in Internetforen nicht mehr lesen möchte*

• Getroffene Hunde bellen.

• Es kreißte der Berg und gebar eine Maus.

• Si tacuisses…

• Ein Schelm, wer Schlimmes dabei denkt.

• Das wird durch Wiederholen auch nicht richtig.

• Armes Deutschland.

• Polemik!

• Billige Polemik!

• Niveau sieht nur von unten aus wie Arroganz.

• Fühl dich gedrückt.

• You made my day!

• Das tut weh, ganz tief hier drinnen.

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*) Und auch sonst nirgends, wenn’s geht.

11/09/2009

In den Tag konstatiert (VI)

Das einzige, was mehr nervt als ein langweiliger Wahlkampf ist das allgegenwärtige Gejammer über den langweiligen Wahlkampf.

08/09/2009

In den Tag konstatiert (V)

Es ist zuviel Lärm in der Welt.

06/09/2009

Er hätt es sich doch leisten können

Grade läuft im Nachtprogramm eine Doku über die Bee Gees, und mir fällt auf, dass Maurice Gibb (Gott hab ihn selig) Brillen mit nicht entspiegelten Gläsern trug. Sicher, die wären etwas teurer gewesen, aber…

04/09/2009

In den Tag konstatiert (IV)

Gäste sind ein Arschloch.
(alte Gastroweisheit)

31/08/2009

In den Tag konstatiert (III)

„wider den Stachel löcken“ ist eine ganz, ganz scheußliche Redewendung.